Franz Erhard Walther in BonnHier kann jeder Teil der Kunstgeschichte werden

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Franz Erhard Walther steht auf einer Wiese vor seinem Kunstwerk „Doppelzeltstück“.

Franz Erhard Walther vor dem „Doppelzeltstück“ (1969) in der Rhön 2023

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt eine große Werkschau zu Franz Erhard Walther, einem Pionier der modernen Mitmach-Kunst. 

Um die meisten Erklärvideos kann man in Ausstellungen getrost einen Bogen machen. In der Bonner Franz-Erhard-Walther-Werkschau wäre das hingegen ein schlimmer Fehler, ja, geradezu fahrlässig, sofern man vorhat, sich eines der Walther’schen Geschirre anzulegen. In den 1960er Jahren wurde Walther mit seinen „Werksätzen“ bekannt, in Heimarbeit genähten Stoffskulpturen, die man in Gruppen ab zwei Personen anziehen, „benutzen“ oder auch „aktivieren“ soll. Ohne kundige Anleitung artet das leicht in Szenen aus, wie man sie von Zeltplätzen oder aus Loriot-Sketchen kennt.

In der Bundeskunsthalle haben die Kuratoren die „Aktivierungsfläche“ eigens mit zwei Balkonen eingerahmt

In der Bundeskunsthalle haben die Kuratorinnen die große „Aktivierungsfläche“ eigens mit zwei Balkonen eingerahmt – so haben nicht nur die Benutzer, die sich in den „Werksätzen“ verheddern, etwas davon, sondern auch die unbeteiligten Besucher. Manche Familie scheitert bereits daran, die Ausstellungskopien fachgerecht auseinander zu falten, andere Teilnehmer suchen verzweifelt nach ihrem inneren Gleichgewicht, wenn sie sich als Teil eines menschlichen Vierecks in einen 5,20 Meter langen Baumwollstreifen lehnen. Wie ein Blick auf die historischen Dokumentationen zeigt, haben sich Walthers willige Aktivisten auch früher nicht unbedingt geschickter angestellt.

Die Bonner Gymnastikübungen beweisen, dass in der Kunst alles wiederkommt, sofern es nur alterslos erscheint. Auf Franz Erhard Walther übertragen heißt dies: Man steht heute immer noch so verdutzt vor seinen „Werksätzen“ wie vor 60 Jahren seine Kommilitonen an der Düsseldorfer Kunstakademie. Gerhard Richter und Sigmar Polke machten damals ihre Witzchen über das hessische Schneiderlein, das 1962 aus der Frankfurter Städelschule geworfen wurde und seinen in Düsseldorf entworfenen „1. Werksatz“ gerne an den Mitschülern ausprobiert hätte. Allerdings hatten die keine Lust darauf, ihre Köpfe durch Löcher an den entgegengesetzten Enden eines mehrere Meter langen Tuches zu stecken und einander dann einfach nur gegenüberzustehen.

Vielleicht hätte sie der menschliche Tausendfüßler mit Strampelhosen mehr angemacht? Oder die blutroten Filzhauben, die man sich wie mittelalterliche Schandhelme über den Kopf ziehen kann? 1964 erschien das Polke, Richter und den meisten Museen vor allem kurios, dabei hatte Walther seine Fluxus-Lektion nur früher als sie gelernt. Er gab dem allgemeinen Mitmach-Impuls ein Gerüst aus Objekten und Handlungsanweisungen. Statt die Kunst durch Happenings zu ersetzen, stülpte er den klassischen Werkbegriff um: Meine Skulpturen, sagte er dem Publikum, werden erst durch euch vollendet.

Schlagartig berühmt wurde man damit auch in den 1960er Jahren nicht. Aber sein „1. Werksatz“ sicherte Walther einen festen Platz im Außenseiterhimmel. Seit er 1969 an der legendären „When Attitude becomes Form“-Ausstellung teilnahm, gehört er ganz offiziell zu den Pionieren der partizipatorischen, das Publikum aktiv einbeziehenden Kunst, eine Leistung, die ihm 2017 auf der Biennale von Venedig völlig überraschend einen späten Goldenen Löwen als bester Künstler eintrug. Walther war 77 Jahre alt. Seitdem erlebt seine Karriere einen ungeahnten Aufschwung.

Am 22. Juli wird Franz Erhard Walther 85 Jahre alt und genießt offenbar sein Leben als ewig junger Klassiker

Vermutlich gäbe es ohne die venezianische Würdigung auch die große Bonner Werkschau nicht. An den monumentalen Wänden des zentralen Ausstellungssaals hängen zusammengefaltete und verschnürte Arbeiten aus Baumwolle, Nessel oder Leinen, deren Bestimmung man nicht einmal erahnen kann; man blickt zu den farbigen Päckchen hinauf wie zu Skulpturen und Fenstern in Kathedralen. Eine gelbe Stoffwand wurde aufgefaltet, komplett mit passenden Arbeitskitteln, dazu kommen Frühwerke wie die „16 Lufteinschlüsse“, eine wandfüllende Arbeit, für die Walther 16-mal Luft in selbstgebastelte Papierumschläge eingeschlossen hat. Das war kein Scherz, sondern der Versuch, mit einfachsten Mitteln ein abstraktes Relief zu schaffen.

Am 22. Juli wird Franz Erhard Walther 85 Jahre alt und genießt offenbar sein Leben als ewig junger Klassiker. So sieht es jedenfalls auf dem für die Ausstellung produzierten Aktivierungsvideo aus. In sonniger Landschaft tragen junge Menschen Walthers Arbeiten zur Schau, die eine seltsame Schönheit besitzen und definitiv eine meditative Seite haben. Allzu anspruchsvoll sind die Choreografien in diesem Film nicht. Man sieht Männer und Frauen Stoffbahnen abschreiten oder in zeltartigen Häuschen stehen. Wie bei der Wachablösung gehen sie aufeinander zu und tauschen die Stehplätze. Früher nahm Walther seine Teilnehmer offenbar härter ran; auf einer historischen Filmaufnahme endet eine Übung, als die Kräfte der Mitwirkenden erschöpft sind.

Die drei Kuratorinnen hätten den Saal notfalls wohl auch ohne Mitmach-Kunstwerke füllen können. Es gibt in Walthers Werk erstaunlich vieles, dass „lediglich“ zum Anschauen einlädt. Es gibt Stoffarbeiten, die ganze Räume nachbilden wie ein Gipsguss, ein „neues Alphabet“, in dem gefaltete Stoffbahnen Buchstaben ergeben, oder eine „Sternenstaub“ betitelte Loseblattsammlung, die wie ein Tagebuch die Jahre und Werke vergehen lässt. Aber das echte Walther-Weihnachtsgefühl stellt sich vor allem vor Stoffpaketen ein, die den Besucher über ihre Bestimmung rätseln lassen. Sie wirken wie Versprechen, das haben sie mit dem Grundgedanken der partizipatorischen Kunst gemein: Du kannst Teil der Kunstgeschichte werden und in eine bessere Welt eingehen.


„Bilder im Kopf, Körper im Raum. Franz Erhard Walther“, Bundeskunsthalle Bonn, bis 28. Juli 2024. Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Juni.

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