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Gastspiel am SchauspielKölns verhinderte Tanzchefin zeigt, was wir verpassen

Choreografin Marlene Monteiro Freitas hätte Kölns Tanzsparte leiten sollen. Jetzt zeigt sie ihr Stück „Mal – Embriaguez Divina“.

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Das Tanzstück „Mal – Embriaguez Divina“ von Marlene Monteiro Freitas gastierte am Schauspiel Köln.

Wo immer Menschen zusammenkommen, regelt Macht die Beziehungen. So ähnlich sah das schon Michel Foucault, und offenbar hat die von den Kapverden kommende Choreografin Marlene Monteiro Freitas gründlich im theoretischen Werkzeugkasten des französischen Denkers gekramt, für ihre ganz eigene und fraglos sehr eigentümliche Auseinandersetzung mit Macht als sozialer und natürlich: kolonialer Entität. „Mal – Embriaguez Divina“ heißt ihr 2020 entstandenes Stück, also auf Deutsch vielleicht „Das Böse – göttliche Ekstase“, mit dem sie zum ersten Mal bei ‚Tanz Köln‘ im Schauspielhaus gastierte. Fast wäre sie Kölns Tanzchefin geworden. Aber weil die Stadt dann doch die Pläne für eine Kompanie wieder abblies, ist sie nun an der Berliner Volksbühne im Leitungsteam.

Vielleicht ist dieser Kölner Cancel-Kränkung auch die Stückwahl geschuldet – konfrontativer kann jedenfalls ein Debüt für ein neues Publikum kaum sein. Kindisch, rebellisch und immer ein bisschen garstig ist hier der Mensch. Oder besser vielleicht: So ‚wird‘ der Mensch, denn jedes soziale Gefüge, jede zivilisatorische Errungenschaft ist auch ein Unterdrückungssystem, demonstriert Marlene Monteiro Freitas. Beispiel: die Schriftkultur. Zu afrikanischen Klängen tanzt ein Trio, darunter auch Freitas selbst, selig-folkloristisch über die Bühne. Doch dabei halten sie sich weiße Blätter vor den Mund, stopfen sie sich irgendwann auch hinein, denn bringt nicht die (kolonialistische) Geschichtsschreibung die (afrikanische) Tradition zum Verstummen oder tilgt sie durch Verschweigen?

Weißes Papier wird alles an diesem Abend dominieren, und faszinierend fantasievoll ist Freitas' Tanz mit dem metaphorisch aufgeladenen Requisit. Später sitzen die neun Tänzerinnen und Tänzer in Reihen auf einer Tribüne mit Bänken und Tischen, sind wechselnd Schulkinder, Justizorgane, auch ein Ballettpublikum. Sie wedeln im Rhythmus zur Musik grotesk-übertrieben mit den Akten wie wichtigtuerische Beamten. Sie falten aus den weißen Blättern eine ganze Stadt mit Kirche und Militäranlage, um sie per Handstreich wieder zu zerstören. Sie basteln sich Kopfbedeckungen, die sie in popkulturelle Kolonialismus-Ikonen wie Laurence von Arabien und Rambo verwandeln, und lassen pennälerhaft Papierflieger durch den Raum segeln.

All das ist bewundernswert exakt choreografiert, wird mit penetranter Widerspenstigkeit endlos wiederholt und sucht konsequent den offenen Affront des Publikums. Mit Fiep-, Quietsch-, Kecker-, Grunzlauten wird sogar der betörende Rausch im Soundtrack westlicher Klassiker ruiniert: Ravels „Pavane“ oder Tschaikowskys „Schwanensee“. Zu dem gibt es übrigens eine der heitersten Szenen: Dann trägt das Ensemble lila Gummihandschuhe und lässt im endlosen Applaus das Latex flappen wie der flügelschlagend verendende Schwan. Grandios böser Spott für unseren Inbegriff weißer Schönheit. Ein Stück wie ein Stinkefinger. Wir applaudieren.

Nächste Vorstellungen bei Tanz Köln: 21./22.11.2026 „Katharsis Morphé / Reversible / Mambo 3XXI“ von Danza Contemporánea de Cuba im Opernhaus