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Tanz am Schauspiel KölnWarum das Trauern aufschieben?

Das eindrückliche Tanzgastspiel von Sharon Eyal und ihrer Company S-E-D im Schauspielhaus forderte: „Delay the Sadness“

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"Delay the Sadness" am Schauspiel Köln

Am Ende ist es nicht zu Ende. Und das wirkliche Ende des Stückes, etwas später, ist wie ein Schnitt, ein Fall, im unvorhersehbaren Moment. Brutal. Aus. Das Publikum im Schauspielhaus war begeistert. Das Gastspiel der kleinen Kompanie S-E-D von Sharon Eyal, sorgte für dreimal ausverkaufte Abende dort. Acht Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, sonst nichts, nur eine Raumgestaltung von Alon Cohen mit Licht in kühlen Weiß-Nuancen und etwas Dunst. Die Musik, gestaltet von Josef Laimon, aus Lautsprechern, die sich im neuen alten Haus als so gut erweisen, dass sie bei hoher Lautstärke nicht dröhnen oder scheppern.

Denn der Walzer, mit dem „Delay the Sadness“ beginnt, ist laut. Er klingt, als hörte er nie auf. „Dance with me, Maximilian“ von Khyaam Haque, tiefe Elektro-Streicher, tönt nicht lieblich, eher unerbittlich, mit giftiger Restsüße in Moll. Dazu stolzieren die Tänzer, als schritten sie durchs Leben: immer einen Fuß weit nach vorn schieben. Die spitzen Zehenspitzen in den hellen Strümpfen zuerst, den Fuß nach außen gedreht, der Körper folgt. So geht Ballett. Der konstante Fluss dieses sehr aufrechten Gehens quer über die Bühne, nach rechts, nach links, im Takt, ist Eyals zeitgenössische Zutat. Brust raus, Haltung wahren, während die Arme sich mal steil nach oben strecken, mal sanft runden oder scharf knicken, die Hände nah am Kopf und an der Seite in den Gelenken zwirbeln oder an die eigenen Arme fassen.

Ihre rot geschminkten Wangen wirken wie Tünche auf ungesund bleichem Gesicht

Auf den hautfarbenen Bodys verweisen dünne rote Linien wie Blutfäden aufs Körperinnere, auf Verwundbarkeit. Ein karger Schmuck. In dem Moment, als er im Licht sichtbar wird, zuckt auch eine der Tänzerinnen wie erschrocken, wölbt kurz den Bauch ein. Ihre rot geschminkten Wangen wirken wie Tünche auf ungesund bleichem Gesicht oder puppenhaft. Es wird weiter gegangen im Gleichschritt. Hände krampfen zu Krallen, Schritt, Schritt, auch Schritte auf der Stelle, überkreuzend, Arme rauschen mal auf und ab wie Vogelflügel, Finger machen Zeichen am Ohr, Zeigefinger wachsen aus Fäusten.

Diese spitzen Einzelfinger tauchen nun im Stück immer wieder auf, bis zum Ende. Als kriegte man sie nicht weg. Sie deuten zur Seite, nach oben, in einer Szene auch zum Publikum, fast wie Waffen. Mahnend, meldend, fragend. Sie sind der Tod im Leben. Die Reminiszenz ans klassische Ballett aus der Barockzeit, auch Armhaltungen, geneigte Köpfe, betten „Delay the Sadness“ auf europäische Kunstgeschichte. Gemälde, aus denen Eyal nur einen Teil der dargestellten Religiosität tilgt. Dabei zitiert sie nie eindeutig. Kein Nachstellen.

Sie widmete das Stück, das sie 2025 bei der Ruhrtriennale uraufführte, ihrer verstorbenen Mutter. Tanzen ist immer Tod-Vermeiden. Ihre acht superben Tänzer halten die Eyal-typische große Körperspannung, diese Beherrschtheit, meist erhoben auf halbe Spitze. Manchmal verbiegen sich die Oberkörper. Im Laufe des Stückes berühren die Tanzenden einander mehr. Halten sich an Händen, in Reihe oder paarweise, Männer und Frauen, oder stützen die Partnerin beim Drehen oder einer der extremen Rückbeugen. Doch bleiben die Pas de deux seltsam, als hakelten sich die Partner ihre Kombinationen erst beim Tun zusammen, ohne Rezept, ohne Etikette.

Langsamkeit bis fast zum Stillstand

Die Langsamkeit bis fast zum Stillstand kennt man von der 1971 in Jerusalem geborenen und schon lange erfolgreichen und viel tourenden Eyal bislang so kaum. Die tut dem „Delay“ und der „Sadness“ gut, zwischen schnellen oder hibbeligen, vibrierenden Strecken. In Interviews sprach Eyal vom Reduzieren. Manchmal wirkt es, als setze sie ihre gewohnten Phrasen ein als Fundstücke ein, nochmal bei Licht betrachtet. Passt das?

Als vorn auf der Bühne ein Paar an sich arbeitet, Griff hier, Griff dort, Gewohntes, Ungewohntes, mit der Nähe hantierend, er vorn, sie vorn, bis die Köpfe aneinanderliegen, treibt hinten eine Schar aus dem Dunkel, wie Engel. Die Arme nach hinten gestreckt. Keine Retter, sondern Wächter. Welche Kräfte oder Menschenarten bei den Duetten ihre Beziehungen auffalten, woraus die Kontakte bestehen, die Anhänglichkeiten, das Schnuppern an einem Arm, an einem seitlich gestreckten Bein, ob diese kräftigen Wesen Wärme spüren oder Trauer beim Auseinandergehen, ob die Kühle und Mechanik Maske oder Gefühl ist: Das bleibt offen. Eyals Choreographien entstehen immer aus einem Quirl von Emotionen, den sie, unanalysiert, von innen nach außen, in Form packt und den Tänzern zum Verkörpern und Verfühlen übergibt.

Ihr Stück tickt nicht Mitleid an, verführt nicht. Es besteht auf Unbequem. Das eine, einzige Lächeln von Alice Godfrey gegen Ende, ihr anfallartig heftiges Zucken im Bauch und ihre unhörbaren Schreie aus weit geöffnetem Mund sind kaum zu ertragen. Aber jemand ist bei ihr. Die Traurigkeit applaudiert man weg und trägt sie nach Hause.