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„Hinterwäldlerische” Kölner FrauenNeue Ausstellung in der Photographischen Sammlung

4 min

„Fifth Avenue, Nr. 4, 6, 8“ (1936)

  1. Eine neue Ausstellung in der Kölner Photographischen Sammlung zeigt Stadt- und Menschenporträts von Berenice Abbott.
  2. Wir haben sie vorab besucht.

Köln – Es gibt eine Hand voll Gründe, Berenice Abbott zu den wichtigsten Fotografinnen des vergangenen Jahrhunderts zu zählen. In den 1920er Jahren porträtierte sie einige der legendärsten Figuren der legendären Pariser Kunstszene, in den 1930er Jahren schuf sie ikonische Bilder der in ungeahnte Höhen schießenden Stadt New York, dazwischen machte sie den Nachlass Eugène Agets, eine der Schlüsselfiguren der modernen Fotografiegeschichte, in den USA bekannt, und schließlich verwandelte sie die Kamera für die Darstellung physikalischer Phänomene in einen Experimentierkasten der Fantasie.

Aus kölnischer Perspektive mag Abbotts größte Leistung freilich darin bestehen, 1923 auf der Fahrt von Berlin, wo sie ihr Studium der Bildhauerei hingeschmissen hatte, nach Paris, wo sie besagte Karriere begann, in Köln abgestiegen zu sein. Hier sah sie nicht nur die „wundervollste alte Stadt“ und „die schönste Kathedrale“, sie machte sich auch die Mühe, dies in Briefform für die Nachwelt festzuhalten. Ansonsten sind ihre Eindrücke gemischt: „Die Leute“, schrieb sie, „sind sehr nett zu mir – es ist nur schrecklich anstrengend, dass sie einem den hohen Wechselkurs bis zu einem gefährlichen Ausmaß übelnehmen und die Vorstellung haben, alle Amerikaner seien reich.“ Die Kölner Frauen wiederum fand Abbott einerseits unabhängiger und moderner als ihre französischen Pendants. Dafür sähen sie aber auch „alles in allem hinterwäldlerisch aus“. Es war vielleicht das einzige Mal, dass die Fotografin vom eigenen Auge betrogen wurde – ein Grund mehr, das Beweisstück in der ihr gewidmeten Retrospektive in der Photographischen Sammlung auszustellen.

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Geboren 1898 in Springfield, Ohio, war Bernice Abbott (das französische zweite „e“ legte sie sich in Paris zu) selbst eine Hinterwäldlerin, wenngleich eine mit Ambitionen. So rasch wie möglich zog sie in die Künstlerszene New Yorks, lernte dort Marcel Duchamp kennen, ging 1921 nach Paris, als die Stadt zur Hauptstadt der amerikanischen Avantgarde wurde, und wechselte schließlich von der Bildhauerei in die Dunkelkammer Man Rays. Es dauerte nicht lange, bis die Assistentin den Meister in der Gunst der Kunden ausstach und von Peggy Guggenheim bis James Joyce zahlreiche „Verbannte“ in ein grau verschleiertes Licht hüllte. Auf diesen frühen Porträts ist alles ausgespart, was von Mimik, Haltung und Gestik ablenken könnte; im Grunde war sie immer noch Bildhauerin, modellierte aber mit der Kamera.

Auch ihre berühmtesten New-York-Bilder verraten eine Liebe zum nun allerdings industriell gefertigten Stein. In den Straßenschluchten Manhattans richtete sie ihre Kamera an den Hochhausgebirgen aus, mit dem Kopf im Nacken verlor sich der Blick auf die Straßenebene so verlässlich wie aus der Gipfelperspektive. Selbst ihr berühmtes Langzeitprojekt „Changing New York“, in dem Abbott die Veränderungen der Stadt als buchhalterische Gewinn- und Verlustrechnung dokumentierte, kam weitgehend ohne Menschen aus. Den rauen Alltag des Wandels fing sie trotzdem ein: Auf einem Bild umringen Wolkenkratzer ein altes Wohnhaus wie Hinterhofschläger ein wehrloses Opfer. Beinahe reumütig kehrte sie mitunter zum natürlichen Stein zurück. Bei ihr sind die Fundamente des Rockefeller Centers ein zerklüftetes Massiv, das Gebäude gleicht einer modernen Burg mit Blick auf die Ameisenstraßen im Tal.

Das Erbe Eugène Atgets, der ein Bildlexikon von Paris anlegte, zeigt sich bei Abbott in den Aufnahmen von Schaufenstern und Geschäftsauslagen. Hier fand sie Zeichen eines quirligen Alltagslebens, das mit den toten Hochhausfassaden unvereinbar scheint und in dem der riesige Revolver, mit dem ein Waffenschmied um Kunden wirbt, ein Akt der Notwehr ist. Wenn sie überfüllte Krämerauslagen unter einem Sale-Schild zeigt, wirkt auch das symbolisch – das Neue zwingt das Alte in den Ausverkauf.

Eine Überraschung dieses Ausstellungsgastspiels, dessen 175 Originalabzüge zuvor in Spanien und Frankreich zu sehen waren, sind Abbotts Aufnahmen für den Schulunterricht. Im Auftrag der Universität von Massachusetts versuchte sie, physikalische Ereignisse wie einen Pendelschwung, die Ausbreitung von Wellen im Wasser oder die Kurven eines springenden Balles möglichst anschaulich darzustellen, was ihr so gut gelang, dass ihre Bilder in zahlreichen Lehrbüchern zu finden waren. Möglicherweise kam ihr dafür das Jahr in Man Rays Dunkelkammer der Avantgarde zugute. Jedenfalls hat man einen Ball selten so poetisch und zugleich so naturwissenschaftlich exakt hüpfen sehen.

„Berenice Abbott. Portraits of Modernity“, Photographische Sammlung/ SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, Köln, täglich außer Mittwoch, 14-19 Uhr, bis 12. Juli.

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