In der Serie „Mein Kulturmonat“ spricht der 66-Jährige über das Erbe Kölns als Wiege der Weltmotorisierung und einen besonderen Veranstaltungsort in Köln-Vingst.
Kabarettist Jürgen BeckerOtto-Langen-Quartier hätte Weltkulturerbe werden können

Fühlt sich seiner Heimatstadt sehr verbunden: Der Kölner Jürgen Becker
Copyright: Arton Krasniqi
Köln ist eine Stadt, die vor allem für ihre Offenheit bekannt ist. Ich finde es toll, dass ich in der Südstadt, wo ich wohne, unverabredet in Kneipen gehen kann und trotzdem immer Leute treffe, mit denen ich einen schönen Abend habe. Diese Offenheit hat aber viel mehr Seiten als nur die der ausgeprägten Geselligkeit, als Karneval und Kölsch. Durch sie entsteht Neues: Zum Beispiel die Band Grenzkontrolle. Die haben super Texte. Ich habe mir von den Bands in Köln immer gewünscht, dass sie nicht nur vom Bickendorfer Büdche oder dem Dom im Sunnesching singen, sondern auch mal die Peripherie, die abseitigen Orte Kölns beschreiben. Mit Grenzkontrolle ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Die Gruppe nimmt sich unbequemen Themen an und hat zum Beispiel ein Lied über den Neumarkt mit den dortigen Drogenabhängigen gemacht.
Eine weitere Seite Kölns, die viele nicht mit dieser Stadt verbinden, die aber sehr prägend war, ist die Offenheit für Technik und den damit verbundenen Fortschritt. Köln gilt als Wiege der Weltmotorisierung, denn hier wurde der Ottomotor entwickelt. Im Mai jährte sich dieser Meilenstein der Technikgeschichte zum 150. Mal. Ein Ort, an dem man diese Entwicklungen toll nachvollziehen kann, ist das „Technikum“ in Porz. In dem Museum kann man viel über den Kaufmann und Gründer der heutigen Deutz AG, Nicolaus August Otto, erfahren. Weil er den Motor, den Lenoir in Frankreich produziert hatte, nicht gut fand, wollte er es selbst besser machen und erfand nach viel Grübelei als Nicht-Techniker 1876 den ersten funktionstüchtigen Viertaktmotor.
Becker: Die Stadt Köln hat aus ihrer Industriegeschichte nichts gemacht
Leider kennt das Museum kaum jemand, weil es nur auf Anfrage besichtigt werden kann und nicht zentral in der Kölner Innenstadt oder in Deutz liegt, sondern weit draußen im Porzer Industriezentrum. Dort ist die Motorenfabrik heute. Dabei hat dieses Thema großes Potenzial. Als etwa Henry Ford 1930 zur Grundsteinlegung seiner Werke in Köln war, hat er die Motorenwerke in Deutz besichtigt und wollte die technischen Artefakte kaufen, um daraus in Detroit ein riesiges Museum zu bauen. Arnold Langen, der Sohn von Eugen Langen (Anm. d. Red.: Eugen Langen gründete gemeinsam mit Nicolaus August Otto die heutige Deutz AG und entwickelte die Wuppertaler Schwebebahn), hat abgelehnt, weil er wollte, dass das in Köln bleibt. Aber die Stadt, die damit beschenkt wurde, hat da nichts draus gemacht.

Wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für das Erbe Kölns als Wiege der Weltmotorisierung: Jürgen Becker
Copyright: Arton Krasniqi
Das müsste viel mehr herausgestellt werden. Aus dem Otto-Langen-Quartier in Köln-Mülheim hätte so eine Art Zeche Zollverein werden können. Ein Weltkulturerbe als Touristenmagnet: Mit interaktiven Elementen, und der Nacherzählung der Geschichte von Schwebe- und Autobahn sowie des Widerstands gegen die Motorisierung. Das alles zeigt, was hier in Köln technisch gesehen los war und auch wieder los sein könnte. Die Zukunft ist hier mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, das auch besichtigt werden kann, ebenfalls zu Hause. Wenn wir so ein Museum wollen, das die Mobilitätsgeschichte der Stadt, und dadurch auch der Welt, interessierten Menschen näherbringt, müssen das Privatleute machen. Die Stadt hat andere Probleme.
Becker: „Schön, wenn die Kultur dahin geht, wo die Menschen sind“
Köln hat aber natürlich noch viel mehr zu bieten. Man muss die Stadt gemeinsam mit der umliegenden Region als Kulturstandort begreifen. Wenn ich noch Bonn und Düsseldorf mit dazu rechne, hat keine Gegend in Deutschland so eine reichhaltige Kulturlandschaft mit Opern-, Schauspielhäusern und Museen vorzuweisen – nicht mal Berlin. Innerhalb von einer halben Stunde bin ich in einem meiner Lieblingsmuseen, das Haus der Geschichte in Bonn, oder kann zu einer meiner Lieblingsbühnen für Kleinkunst, das „Kommödchen“ in Düsseldorf, fahren. Letzteres steht für mich, ähnlich wie das „Senftöpfchen“ oder das Comedia-Theater in Köln, sinnbildlich für die Mentalität hier im Rheinland.
Es sind private Initiativen, die das Kulturangebot hier ausmachen
Es sind private Initiativen, die das Kulturangebot hier ausmachen. Nehmen wir die lit.Cologne Anfang des Jahres oder die phil.Cologne, die jetzt im Juni stattfindet. Rainer Osnowski, Werner Köhler und Edmund Labonté haben das damals entwickelt und die Kölnerinnen und Kölner haben es angenommen. Wenn man hier was machen will, weiß, wie die Stadt funktioniert, wo man hingehen und wen man kennen muss - dann klappt das. Sowas muss aus sich heraus entstehen. Das macht eine Stadt lebendig. Die Verwaltung kann das nicht leisten. Außerdem finde ich es immer schön, wenn die Kultur dahin geht, wo die Menschen sind.
Es gibt eine Reihe, deren Schirmherr ich bin, die heißt „Escht Kabarett“. Sie wurde von Christian Bechmann ins Leben gerufen und versucht, so niedrigschwelligen Zugang zu Kulturveranstaltungen wie möglich anzubieten. Das bedeutet, geringe Eintrittspreise und Orte, die abseits der ausgetretenen Pfade, zum Beispiel auf der Schäl Sick liegen. Ein Beispiel ist die Gaststätte „Vingster Pohl“. Da machen wir regelmäßig Kabarett. In der Umgebung gibt es sonst nichts. Das ist ein gänzlich ungentrifizierter Stadtteil. Ich habe gemerkt, dass die Leute das aufsaugen. Die Kneipe ist immer rappelvoll, da ist jedes Mal eine super Stimmung, und jetzt hat der Wirt, Drazan Knezevic, selbst angefangen, Kulturveranstaltungen wie Konzerte auszurichten. Er schafft es tatsächlich, anspruchsvolle Künstlerinnen und Künstler zu gewinnen. Kultur in einer Veedelskneipe mitten in Vingst – das finde ich ganz fantastisch. Es sind solche Orte, die die Menschen zusammen und ins Gespräch bringen. Zu meinen Auftritten bringe ich immer Kölsch für das Beisammensein im Anschluss mit. Dann sage ich: Die haben mir zwei Stunden zugehört, jetzt sind die auch mal dran, jetzt muss ich mal zuhören.
Aufgezeichnet von Johannes Mönch
Jürgen Becker wurde 1959 in Köln geboren. Er wuchs in Zollstock und Widdersdorf auf, absolvierte eine Ausbildung zum grafischen Zeichner bei 4711 in Ehrenfeld und studierte Soziale Arbeit an der Fachhochschule Köln. Er war Mitbegründer der Stunksitzung und von 1984 bis 1995 ihr erster Präsident. 28 Jahre lang moderierte er die Fernsehsendung „Mitternachtsspitzen“. Am Sonntag, 14. Juni, ist Jürgen Becker um 20 Uhr im Comedia-Theater bei der phil.Cologne zu Gast, um sich mit Jacques Tilly zu fragen, was Satire darf.
Jürgen Beckers Tipps für den April
Die Nationalsozialisten erteilten ihm Redeverbot, weil seine Witze zu aufmüpfig waren. Doch Karl Küpper ließ sich nicht einschüchtern und zeigte im Dritten Reich, dass man sehr wohl gegen die Nazis Stellung beziehen konnte. Am 8. und 9. Juni wird jeweils um 19.30 Uhr in der Volksbühne am Rudolfplatz das Stück „Der Unbeugsame“ über den mutigen Karnevalisten aufgeführt. Gerd Köster ist für die Hauptrolle eine Idealbesetzung. www.volksbuehne-rudolfplatz.de
Die phil.Cologne ist mein persönliches Kultur-Highlight im Juni. Die Kölnerinnen und Kölner haben bekanntlich viel Lebensweisheit, deshalb passt die Philosophie sehr gut hier hin. Für die Veranstaltung mit Hanno Sauer am 15. Juni um 19 Uhr im WDR-Funkhaus habe ich mir schon Karten gekauft. Dort wird er über Klassismus sprechen und erklären, wie soziale Ungleichheit entsteht. www.philcologne.de
Ich habe es bereits erwähnt, aber ich möchte trotzdem noch einmal mit Nachdruck auf die Besichtigungsmöglichkeiten im Technikum und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hinweisen. Die Gästeführungen sind kostenlos und sehr interessant. Auch in den kommenden Sommermonaten wird es regnerische Tage geben, die man gut für einen Besuch nutzen kann. Nötig ist lediglich eine vorherige Terminvereinbarung über das jeweilige Anmeldeformular. www.dlr.de www.deutz.com
