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Kölner PhilharmonieVéronique Gens beeindruckt mit französischer Liedkunst

3 min
Eine Frau blickt ernst in die Kamera.

Die französische Sopranistin Véronique Gens sang in der Kölner Philharmonie Lieder aus der „Belle Époque“.

Die französische Sopranistin sang am Donnerstag Lieder aus der „Belle Époque“. Begleitet wurde sie vom britischen Pianisten James Baillieu.

Klar, dieses Lied lag irgendwie in der Luft – und kam dann auch, allerdings pointensicher erst unter den Zugaben: Da sang Véronique Gens, begleitet von ihrem Pianisten James Baillieu, Reynaldo Hahns unsterbliches „À Chloris“, das so aufdringlich an Bachs „Air“ erinnert und doch sein ganz eigenes Flair und Parfum hat. Dass die französische Star-Sopranistin ein Faible für Hahns Neobarock hat, liegt freilich auf der Hand, schließlich steht sie seit Beginn ihrer Karriere für glanzvolle und gefeierte Auftritte in der Alte-Musik-Szene.

Diesmal, im Konzert der „Lied“-Reihe, mit dem die Kölner Philharmonie zur nachkarnevalistischen Tagesordnung überging, füllte ein anderes Repertoire die Agenda, das Gens aber genauso intensiv beackert wie den Barock und Mozart: Klavierlieder der „Belle Époque“, jener Pariser Stil- und Kunstära vor dem Ersten Weltkrieg, für die es im deutschen Sprachraum kein Äquivalent gibt. An den interpretierten Liedern von Hahn, Chausson, Duparc, Fauré, dem frühen Debussy – sie tragen den Eigennamen „Mélodies“ – zeigt sich der Kulturunterschied in aller Deutlichkeit. Dem schweren Versinken eines auf sich selbst zurückgeworfenen Subjekts in Weltvergessenheit, das das deutsch-romantische Lied kennzeichnet, kontrastiert in den Mélodies eine gläserne, schwebende, zuweilen preziöse Schönheit und Leichtigkeit, die sich mit der Anrede, mit der kommunikativen Zuwendung zum Hörer verbindet. Das gilt auch dann, wenn es um symbolische Landschaftsbilder und emotionale Erregungszustände geht.

Kaum eine bessere Sängerin für dieses Repertoire vorstellbar

Eine bessere Sängerin für dieses Repertoire als Gens kann man sich kaum vorstellen. Das hängt selbstredend auch mit etwas zusammen, für das sie „nichts kann“: mit der Beheimatung in ihrer Muttersprache. Tatsächlich ist diese Liedlyrik erfüllt vom Geist des Französischen, der sich dort bis in Phrasenführung und Kadenzen hinein materialisiert – wer das nicht „drauf hat“, kann sie nicht angemessen interpretieren, mag er auch technisch noch so gut singen. Letzteres tut Gens ganz ohne Zweifel: Ihr Sopran ist in allen Lagen geschmeidig und elegant, präsent und raumfüllend, verfügt zumal über eine unforcierte Höhe, die ihn mühelos Spitzentöne in die exzellent durchgeformte Linie hineinsetzen lässt. Das Vibrato leiert nicht, sondern wird gezielt als Kunstmittel eingesetzt.

All das würde indes, wie gesagt, für sich genommen noch nicht reichen. Gens vermag darüber hinaus mit Hilfe der eindringlich artikulierten und als solcher in hohem Maße verständlichen Sprache etwas mitzuteilen, zu transportieren, den Hörer anzusprechen. Das wiederum hat erneut mit dem Gegenstand zu tun: In den allermeisten der gesungenen Stücke wird der Text syllabisch deklamiert. Das erheischt dann immer wieder eine szenische Gegenwärtigkeit, die allerdings nicht mit der Oper verwechselt werden will. Gens erliegt dieser Versuchung auch keinesfalls. Ihre Performance bleibt in einem Klangraum des dezidiert Lyrischen, der freilich in die unterschiedlichsten Richtungen souverän ausgeschritten wird: Das muntere Parlando hat eine andere Ausdrucksdimension als die dichte Legato-Melodie, die sirenengleich über den Wellen der Klavierbegleitung schwebt. Auch dem Salon lässt Gens mit leicht ironischer Noblesse das Seine, wenn etwa bei Fauré und Poulenc der Walzer aufklingt.

Einen besseren, einfühlsameren Partner als Baillieu am Flügel könnte sich die Sängerin nicht wünschen. Der Pianist schafft mühelos die Quadratur jenes Kreises, die sich als Aufgabe gerade bei dieser Liedkunst stellt: sein Eigenes selbstbewusst zu formulieren, ohne aus der Begleiterrolle unangemessen herauszufallen. Tatsächlich zeichnete Baillieu für die besondere Aura des je einzelnen Liedes in hohem Maße mitverantwortlich. Das zeigte sich auch immer wieder in den teils ausgedehnten, im Verebben gleichsam nachhorchenden und solchermaßen auch interpretatorisch bedeutsamen Klavier-Epilogen.