Die Kölner Indie-Popband stellt ihre neue Platte Anfang März ganz bewusst mit zwei Konzerten im Bürgerzentrum Ehrenfeld vor.
Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld„Jede Ohrfeige habe ich als Benzin in meinen Tank begriffen“
Bei der Schlagzahl, mit der Martin Bechler mit Fortuna Ehrenfeld, als Trio mit Jenny Thiele und Jannis Bentler oder solo neue Musik raushaut, kann man schon mal die Übersicht verlieren. Sind es jetzt elf oder zwölf? Ende Januar erst ist sein Live-Album Solo „Live im St. Pauli Theater“ erschienen, bei dem er sich nicht mal mehr die Mühe gemacht hat, über ein Cover nachzudenken, sondern einfach nur den Titel draufgekritzelt hat, wird Anfang März schon das nächste Studioalbum erscheinen.
„Live at the Hollywood Bowl“ sei „mit Abstand das Beste, was wir jemals gemacht haben“, sagt Bechler und erklärt damit die „einjährige Sabbatzeit“ für beendet, von der man gar nicht so genau mitbekommen hat, dass es sie gab.
Das klingt sehr selbstbewusst, doch genau davon will Bechler nichts wissen. „Im Oktober haben wir die Philharmonie gefüllt. Das hat schon eine gewisse Selbstverständlichkeit. Wir müssen nicht mehr zittern, ob die Leute auch kommen. Es ist einfach erstaunlich, was wir mittlerweile machen dürfen. Das genießen wir sehr. Das Einzige, was wir dafür haben, ist Demut und Bescheidenheit. Und nicht Größenwahn.“
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Fortuna Ehrenfeld: Tourauftakt am 3. und 4. März im Büze
Daher rühre auch das Bedürfnis, den Tourauftakt am 3. und 4. März im Bürgerzentrum Ehrenfeld zu spielen. „Das machen wir ganz bewusst, obwohl der Laden eigentlich viel zu klein ist. Wir schätzen die Arbeit dort sehr und haben noch mehr mit den Leuten vor“, sagt Bechler. „Wir wollen unter der Schirmherrschaft von Fortuna Ehrenfeld eine Art Stipendium für junge Bands aus Köln schaffen.“
Zurück zu den Wurzeln. Im BüzE. „Das ist uns ein Riesenbedürfnis.“ Gegenüber im EDP („Em drügge Pitter“) an der Theke seien in der Anfangszeit 80 Prozent seiner Songs entstanden.
Das ist jetzt gut zehn Jahre her. Damals, erinnert sich Bechler, der heute 56 ist, habe man „hinter unseren Rücken gelacht. Was will der Opa hier in der Jugendkultur? Das hat zuweilen sehr weh getan, aber jede Ohrfeige habe ich als Benzin in meinen Tank begriffen. Es gab keine Konzerte und wir haben keine Platten verkauft.“
Wir haben ein unglaublich treues und stabiles Publikum
Zehn Jahre später habe Fortuna Ehrenfeld „ein unglaublich treues, stabiles Publikum. Aus allen Altersschichten. Das finde ich faszinierend.“ Der Motor laufe auch nach zehn Jahren „noch frisch unverbraucht. Im Unterschied zu damals heute komplett angstfrei. Weil ich weiß, da draußen gibt es Leute, die wollen das hören. Das ist für mich eine unglaubliche Motivation, noch mehr zu schreiben. Jetzt habt ihr den Salat.“
Fortuna Ehrenfeld: Ersten Fans in Hamburg und München
Als Ritterschlag habe er den Tag empfunden, als er von der Mitsing-Initiative „Loss mer singe“ angefragt worden sei, mit Fortuna-Texten in der Kulturkirche aufzutreten. „Wir sind die erste nicht kölsch sprachige Mundartband, der man das angeboten hat. Und wie sangesfreudig unsere Fangemeinde ist, weiß man aus vielen Konzerten. Mein Selbstverständnis ist immer noch, dass wir eine kleine Pupsi-Indieband aus Ehrenfeld sind“, sagt Bechler. „Und plötzlich sind wir ein Teil dieser Stadt. Das ist einfach unglaublich. Wir mussten uns unser Publikum erst in Hamburg oder München suchen, bevor wir hier wahrgenommen wurden.“
Das ursprüngliche Trio mit Jenny Thiele und Jannis Bentler habe sich wieder zusammengefunden in dem Wissen, „dass die Niederlagen und Reibungen eines Tourneelebens durch nichts zu ersetzen sind und eine Verbundenheit schafft, die sich in ein blindes Verständnis ummünzen lässt.“ Das sei der Nukleus der neuen Platte.
Die Gefahr, mit zunehmendem Erfolg „in diesem Geschäft zerrieben zu werden“, sei äußerst gering. „Wir sind keine 22-Jährigen mehr, die nach Aufmerksamkeit und dicken Autos streben. Sondern erwachsene Menschen, die Freude an ihrer Arbeit haben. Lasst uns aus dem Käfig. Wir können es kaum erwarten.“
„Fortuna Ehrenfeld im BüzE Ehrenfeld, 3. und 4. März, 20 Uhr, Tickets ab 39 Euro“

