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Kölner PhilharmonieLangweilig wird es bei Anne-Sophie Mutter nie

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ARCHIV - 16.03.2023, Bayern, München: Die Violinistin Anne-Sophie Mutter aufgenommen bei einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Violinistin Anne-Sophie Mutter ist absolute Weltklasse. Am 29. Juni 2023 feiert die Münchnerin ihren 60. Geburtstag. (zu dpa "Leidenschaftlich, neugierig feierfreudig - Violinistin Mutter wird 60") Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Violinistin Anne-Sophie Mutter gastierte in der Kölner Philharmonie

Die Star-Geigerin feiert ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum mit einer eigenwilligen Interpretation von Tschaikowskys Violinkonzert.

1988 hat Anne-Sophie Mutter das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky zum ersten Mal aufgenommen. Damals war sie 25, und am Pult stand ihr großer Mentor Herbert von Karajan. Seither hat sie das berühmte Stück immer wieder gespielt, auch eine zweite Aufnahme (unter ihrem mittlerweile verstorbenen Ex-Ehemann André Previn) vorgelegt.

Am Freitag lag das Tschaikowsky-Konzert in der restlos ausverkauften Philharmonie wieder einmal auf den Pulten, aufgeschlagen vom London Philharmonic Orchestra, mit dem Anne-Sophie Mutter derzeit durch Europa tourt – als Teil jener weitgespannten Aktivitäten, mit denen sie ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum begeht.

Anne-Sophie Mutter hat nie ein besonders breites Repertoire gepflegt; sie hat sich lieber die Werke, die ihren hohen Qualitätsansprüchen genügen, wieder und wieder vorgelegt, hat sie interpretatorisch reifen lassen und ist selbst an ihnen gereift. So hat sich auch ihre Sicht auf das Tschaikowsky-Konzert im Laufe der Jahre merklich gewandelt: Der runde, gesättigte und ebenmäßige Ton, den man auf der alten Karajan-CD noch hört, ist einer wendigen, sprachnahen, noch das kleinste Detail ausformulierenden Spielweise gewichen. Früher hat sie das Stück gesungen, heute erzählt sie es.

Früher hat sie das Stück gesungen, heute erzählt sie es

So könnte man es als Bewunderer der großen Geigerin darstellen. Man könnte aber auch sagen, dass sie ihre Interpretation über die Jahre hinweg immer mehr an einer eigenwilligen Effekt-Dramaturgie ausgerichtet hat, die vor allem der Maßgabe folgt, dem Publikum in jedem Takt neue Farb- und Beleuchtungsvarianten zu bieten und es auf diese Weise bei der Stange zu halten.

Das muss man ihr auf jeden Fall zugestehen: Langweilig wird es bei Anne-Sophie Mutter nie. Wenn sie den Beginn der Canzonetta mit viel Bogen und wenig Vibrato auf der gedämpften Saite haucht, dann meint man, dem letzten Seufzer einer geschundenen Kreatur beizuwohnen. Aber wird der liedhaft-schlichten Melodie damit nicht viel zu viel aufgebürdet? Kann man die Ausdrucksmittel einfach immer weiter steigern, schlagen sie nicht irgendwann in Manieriertheit und Mutwillen um?

Wo Anne-Sophie Mutter technisch „liefern“ muss, da tut sie es mit einer Überlegenheit, die nach wie vor weltweit singulär ist. Das Finale barst geradezu vor Vitalität; und ohne sich bei dieser wilden Parforcejagd auch nur im Geringsten zu gefährden, konnte sie das Tempo am Ende nochmals weiter anziehen. Kein Wunder, dass die Begeisterung im Saal danach hochschlug; zur allgemeinen Abkühlung legte Anne-Sophie Mutter noch den süffigen, raffiniert harmonisierten Mittelsatz aus André Previns „Tango, Song and Dance“ nach.

Die Hakenschläge der Geigerin punktgenau zu begleiten, ist ein Prüfstein für jedes Orchester, und das London Philharmonic Orchestra versah diese anspruchsvolle Aufgabe unter Leitung seiner Ersten Gastdirigentin Karina Canellakis absolut untadelig. Weniger überzeugend war das Konzept, mit dem die amerikanische Musikerin an Beethovens „Siebte“ heranging: Im vibratoarmen Klangprofil der Streicher deutete sich die Orientierung an den Usancen der historischen Aufführungspraxis an; aber das wollte nicht so recht zur traditionellen Klangästhetik des Orchesters passen. Es fehlte an rhetorischem Feinschliff, die Interpretation lief sich zu oft in rhythmischen Patterns fest, das Finale schäumte und jubelte nicht so, wie man es von ihm erwartet.

Sehr viel besser gelang das Eingangsstück des Abends, Jean Sibelius’ Tondichtung „Pohjolas Tochter“, bei der sich Karina Canellakis weniger für nordische Stimmungsmalerei interessierte als für die spannende Überlagerung von Strukturen und Webmustern. Vor allem das scharf zeichnende Spiel der Holzbläser ließ die urwüchsige Kantigkeit der Musik bestens zum Vorschein kommen.