Von wegen zweitklassige Musik! Die australische Dirigentin Simone Young ließ Erich Wolfgang Korngolds Sinfonie in Fis in Köln Gerechtigkeit widerfahren.
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Dirigentin Simone Young
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In Wien hatte niemand auf ihn gewartet. Als Erich Wolfgang Korngold hier 1954 zur Uraufführung seiner Sinfonie in Fis anreiste, schlug ihm vor allem Desinteresse, wenn nicht Ablehnung entgegen. Seine Musik, so hieß es, sei antiquiert, entspreche nicht dem Zeitgeist der frühen 50er Jahre, in dem bereits die Nachkriegsavantgarde den Ton angab.
Unausgesprochen blieb, dass da etliche Altnazis im Kulturleben überwintert hatten, die keine große Lust auf die Rückkehr des emigrierten jüdischen Komponisten verspürten. Man redete sich wohl auch ein, dass man ihm, der in Hollywoods Filmindustrie zu Ruhm und Reichtum gekommen war, hier weiter nichts schulde. Die Uraufführung der Sinfonie, Korngolds einziger, erfolgte beim ORF; sie war offenbar so schlecht vorbereitet, dass der Komponist noch am Vorabend (vergeblich) darum bat, das Stück vom Programm zu nehmen. Es sollte sein letzter Besuch in Europa bleiben; 1957 starb er, 60-jährig, in Los Angeles.
Von „Robin Hood“ zur Ruinenlandschaft
Aufführungen der Sinfonie sind nach wie vor selten. Es gibt eine Handvoll hochkarätiger Studio-Aufnahmen, aber im Konzertsaal ist sie kaum je zu hören. Nun setzte sich die australische Dirigentin Simone Young im WDR-Abokonzert für das etwa 50 Minuten dauernde Stück ein – und führte es in einer äußerst engagierten, energiegeladenen und spieltechnisch exquisiten Darstellung zu einem durchschlagenden Erfolg.
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Der Komponist verleugnet hier keineswegs die cineastische Opulenz seiner berühmten Soundtracks („Robin Hood“, „The Sea Hawk“), aber diese Klangwelt ist zur Ruinenlandschaft geworden, mit steil aufragenden Trümmern und scharfen Bruchkanten. Nur momentweise kann man sich Korngolds aparter Reizharmonik, seiner luxurierenden Orchesterfarben freuen, weil alle Schönheiten immer sofort wieder zerfallen.
Besonders im manisch bewegten Scherzo geschieht verwirrend viel, und Simone Young, die erfahrene Theaterkapellmeisterin, hatte das alles souverän im Griff. Das Orchester agierte hellwach und setzte alle rhythmischen Hakenschläge der Partitur punktgenau um. Das Adagio entfaltete seine erschütternde Kraft besonders durch die dunkle Glut der tiefen Blechbläser. Nach einer solchen Aufführung dürfte sich wohl niemand mehr trauen, hier von zweitklassiger Musik zu reden.
Den Bläsern hatte Simone Young schon mit dem Eingangsstück, Ravels „Pavane pour une infante défunte“, einiges abverlangt. Die extreme Drosselung von Tempo und Lautstärke war vor allem für die Ansatzpräzision der Hörner eine Belastungsprobe, die sie indes glänzend bestanden. Die subtile Verblendung der Register, die sorgfältig gesetzten Atemzäsuren zwischen den Phrasen zeigten, wie viel Raum auch dieser geläufige Bestseller der kompromisslos formenden Hand noch lässt.
In Ravels Klavierkonzert G-Dur überließ Simone Young das Feld bereitwillig dem Solisten Louis Lortie, der dem kühlen Klassizismus des Stückes mit viel wärmender, singender, gestisch befreiter Individualität begegnete. Lortie ist sich seiner Technik so sicher, dass er sie nicht vorführen muss; im Zweifel siegt bei ihm stets die Idee über das Detail, der Charakter über die Egalität. Für den Beifall bedankte sich der Kanadier mit Ravels „Le Jardin féerique“, dessen feine Märchenpoesie aber ein wenig unter der Mühe litt, das original vierhändige Stück mit nur zwei Händen darzustellen.

