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Kölner KurrendeStrafe, Buße und Umkehr – mitten im Karneval

3 min
09.01.2022, Köln: Sänger des Chors  Kölner Kurrende in der Philharmonie.

Sänger des Chors Kölner Kurrende in der Philharmonie.

Die Kölner Kurrende führte in der Philharmonie Mendelssohns „Elias“-Oratorium auf.

Draußen tobte der Karneval, aber das Programm, das die Kölner Kurrende im Rahmen der philharmonischen Konzertreihe des Netzwerks Kölner Chöre am Sonntagmorgen präsentierte, hätte besser in die bevorstehende Fastenzeit gepasst. In Mendelssohns „Elias“-Oratorium geht es zentral und beharrlich um Strafe, Buße und Umkehr, die die Musik inbrünstig einfordert – mit einer quasi-szenischen Intensität, die dieses Spätwerk des Komponisten auf Strecken zu einer geistlichen Oper macht. Der Prophet Elias agiert dabei als einsamer Rufer in einer Welt von Gottesfeinden und bleibt selbst – das erst verleiht Text und Musik auch heute noch ihre anrührende menschliche Tiefendimension – in seinem Glauben nicht unangefochten.

Dass die vom Philharmonischen Orchester Hagen unterstützte Kurrende unter ihrem Leiter Michael Reif von alldem einem am Ende begeistert applaudierenden Publikum durchaus mehr als nur eine Ahnung vermitteln konnte, schlug nicht unerheblich auf die Habenseite der Darbietung durch.

Der Chor muss Götzendiener und fromme jüdische Gemeinde darstellen

Der stark geforderte Chor, der die Stildivergenzen zwischen Fuge, Quasi-Choral und den in langen Phrasen strömenden liedhaften Sätzen genauso bewältigen muss, wie er gleichermaßen Götzendiener und fromme jüdische Gemeinde darzustellen hat, machte seine Sache gerade auch in der Ausarbeitung dieser Unterschiede im Ganzen sehr gut. Nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen war, dass die Mitglieder tatsächlich mit Herzblut zur Sache gingen.

Die Reaktion auf das Regenwunder kam genauso eindringlich wie der sich aufschaukelnde Hassaffekt des „Volkes“ gegen den Propheten zu Beginn des zweiten Teils. Etliche Einsätze zeitigten eine bemerkenswerte alttestamentarische Wucht, während andere nicht vollends „auf der Stimme saßen“. Intonatorisch ärgerlich versäbelt wurde ausgerechnet der Beginn des melodisch so großartig-genialen „Siehe, der Hüter Israels“.

Als Verstärkung hatte sich die Kurrende die Kiedricher Chorbuben geholt. Während der Zugewinn von deren (im Block Z) platzierten Sopranen und Alti nicht recht einzusehen war, wurden die (durch ihre messdiener-artige Gewandung kenntlichen) Kiedricher Männer tatsächlich dringend benötigt. In kompaktem Satz fällt es weniger auf als bei polyphoner Auffächerung: Der Kurrende fehlen Tenöre und Bässe, die vorhandenen werden von den „Flügeln“ der Frauenstimmen schier eingekeilt und erdrückt. Klar, da hat man mit Problemen zu kämpfen, die viele Singgemeinschaften kennen. Sehr gewinnend waren die aus der Kurrende selbst beigesteuerten Sololeistungen – etwa in dem seraphischen dreistimmigen A-cappella-Satz „Hebe deine Augen auf“.

Rundum überzeugend die Leistungen der professionellen Solisten. Thomas Laske in der Titelpartie ist vom Timbre sicher her keine explosive biblische Zornesgestalt, dafür ist sein Bass zu „schön“, wahrt entschieden Maß und Dekor. Aber dieser Mangel, so es denn einer ist, war zu verschmerzen, der Hörer wurde entschädigt durch eine allemal eindringlich formende und gestaltende und darüber hinaus auch gestisch sehr präsente Interpretation. Ausgeprägt lyrisch inspirierten Wohlklang auf hohem Niveau verbreiteten seine drei Kollegen, Dorothea Brandt (Sopran), Anna Heinecke (Alt) und Stefan Sbonnik (Tenor).

Das Hagener Orchester begleitete ordentlich mit hörenswerten Instrumentalsoli, die Feinabstimmung mit den Singstimmen klappte je nachdem weniger gut. Es ist wahrscheinlich das alte Kreuz bei diesen freien Projekten: Die eine oder andere zusätzliche Probe wäre womöglich nicht schlecht gewesen.