Die Welt mit Gedichten verzaubern - das möchte das internationale Festival Poetica, das vom 26. bis zum 31. Januar in Köln stattfindet.
Kölner Festival PoeticaDie sanfte Magie der Sprache

Rike Scheffler
Copyright: Gunnlöð Jóna
Frau Scheffler, Sie haben in diesem Jahr das Programm der Poetica kuratiert – wie sind Sie dabei vorgegangen?
Unter anderem habe ich auch einfach mal in mich reingehört: Was brauchen wir gerade in der Welt? Und ein Poesie-Festival wie die Poetica ist natürlich ein wunderbarer Ort, um zusammenzukommen und Gemeinschaft zu stiften und auch ins Gespräch zu kommen.
Poesie als eine Art Kitt gegen die Spaltung der Gesellschaft?
Gedichte sind dazu ja wunderbar einladend. Sie sind offen in alle Richtungen und viele Menschen können sich mit ihnen identifizieren. Das war mir ein Grundanliegen: Einen Raum der Möglichkeiten zu schaffen, in dem Menschen aus aller Welt sich begegnen können. Einen Raum, in dem wir über die Poesie miteinander in Beziehung treten können – mit uns selbst und mit der Welt. In Deutschland, aber auch global gesehen, sind wir gerade so krisengebeutelt, dass wir solche Orte des Miteinanders dringend brauchen. Und in dem Sinne begreife ich die Poetica als eine Art von Gegenzauber.
Ein Zauber gegen die Krisen und Verrücktheiten der Welt – das klingt verlockend. Aber können wir mit der Kraft der Gedichte tatsächlich mehr bewegen als kurz mal abzutauchen aus der harten Realität?
Bei der diesjährigen Poetica geht es definitiv nicht um eine Art von Weltflucht. Alle Autorinnen und Autoren, die wir eingeladen haben, vereint eines: eine ganz starke Weltzugewandtheit. Und mich interessiert dieses magische, realitätsstiftende Potenzial von Sprache sehr. Sprache kann Dinge nicht nur benennen, sondern auch vorhersehen. Oder sogar verändern, in dem sie Menschen berührt. Und zwar mit Intellekt und Herz gleichermaßen. Egal, ob man sich mit Poesie und mit Gedichten lange beschäftigt hat und auskennt oder nicht – für die Poetica braucht es nicht mehr als Offenheit.
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Die Poetica soll also kein rein intellektuelles Festival sein?
Ja – und gleichzeitig ist es aber auch das Spannende in der Poesie, dass wir mit ihr zurückkehren können zum Ursprung von Sprache, die mit der Magie der Klanglichkeit zusammenfällt. Deswegen lag das Thema „Soft Magic – Poesie und Weltgestaltung“ für mich nah. Poesie kann etwas ganz Ursprüngliches in uns ansprechen. Zum Beispiel über so etwas wie das ritualhafte Gedicht wie bei der dänischen Poetin und Schriftstellerin Mette Moestrup, die nach Köln kommt.
Insgesamt kommen mehr als zehn internationale Autorinnen und Musiker nach Köln – wie kam der Kontakt zustande?
Der belarussische Romanautor Alhierd Bacharevič musste beispielsweise 2020 im Zuge der Lukaschenko-Proteste fliehen. Inzwischen wohnt er in Berlin. Ich kannte ihn zwar vorher nicht persönlich, aber ich kannte seinen wahnsinnig berührenden, gleichermaßen dystopischen und utopischen Roman „Europas Hunde“, in dem er eine Fantasiesprache entwickelt, eine Freiheitssprache. Und das hat natürlich etwas Spekulatives, aber auch was sehr Ernsthaftes und gleichzeitig auch etwas sehr Informiertes über systemische Repressionen, über diktatorische Realitäten, über Machtsituationen, in denen gerade auch die Poesie Wege finden kann, aufzubegehren, zu sprechen und sich einzuschreiben.
Hat auch der Wunsch nach Ausgewogenheit oder politischer Diplomatie eine Rolle bei Ihrer Auswahl gespielt?
Meine Aufgabe als Kuratorin ist es natürlich, auch diese politischen Dinge mit zu reflektieren.Vor allen Dingen habe ich aber natürlich inhaltlich gesucht. Und gleichzeitig ist es ja das Besondere, dass die Poetica ein Festival für Weltliteratur ist. Und so war mein Arbeitsauftrag schon vorgegeben: Zu schauen, was es auch jenseits des westlichen Literaturkanons an interessanten Positionen gibt, die dann auch mit meinem Thema Synergieeffekte ergeben. Und das hat ganz toll geklappt. Ich freue mich, weil wir einerseits Autorinnen und Autoren haben, die ganz körperlich schreiben, ganz planetar – und auch das mehr als das Menschliche und Zärtliche mit hineinbringen. Gleichzeitig habe ich zum Beispiel auch eine palästinensische Dichterin eingeladen, die fliehen musste und inzwischen in London lebt. In deren Texte schreiben sich natürlich ganz andere Brutalitäten von Kriegen unserer Gegenwart ein.
Gedichte als Mittel für eine internationale Verständigung?
Magie ist ja immer auch ein Mittel gewesen, sich mit der Welt, dem Universum und dem Unbekannten in Verbindung zu setzen. Und wenn es um dieses Unbekannte geht, können wir von der Poesie ganz viel lernen: Wenn wir uns einlassen auch auf vielleicht magische, transformative Prozesse – wo wir uns begegnen, neue Seinsweisen, neue Sichtweisen auf die Welt erkunden. Und genau dafür ist die Poetica da. Und natürlich auch für das Zelebrieren von unterschiedlichen Sprachen. Zum Beispiel kommt die indigene US-amerikanische Lyrikerin Natalie Diaz nach Köln. Sie spielt eine ganz wichtige Rolle in postkolonialen und politischen Diskursen. Ihre Muttersprache Mohave ist fast ausgestorben. Umso wichtiger ist es, ihr Raum zu geben. Und zu schauen: Was bringt jede Sprache und jede Kultur und jede Perspektive mit und was können wir voneinander lernen?
Auf der Poetica werden Gedichte auch im Original gelesen. Was glauben Sie, was das Kölner Publikum davon mitnehmen kann?
Eine der wunderschönen Eigenschaften von Poesie ist, dass sie auch körperlich wirkt: Diese Verbindung von Intellekt und Herkunft, von Körperlichkeit und Sprachklang ist universell spürbar. Da kommen wir in eine andere Art des Erlebens und auch in eine andere Art der Sinnlichkeit, die der Poesie ganz stark eingeschrieben ist. Und die aber eine große Kraft hat – eben das, was ich als sanfte Magie der Sprache bezeichne.
Welche Rolle spielt die Musik dabei?
Ich bin selbst Dichterin, Performerin, Musikerin und Übersetzerin – und bin also schon von vornherein sehr offen. Und so haben wir zum Beispiel auch dieses Mal zwei Musikerinnen dabei. Mélissa Laveaux ist eine Musikerin, die in Paris lebt, aber aus Haiti kommt und sie webt das Haitianisch-Kreol als Widerstandssprache in ihre sehr zeremoniellen, lustvollen und lebendigen Lieder mit ein und begreift das auch als einen politischen Rahmen. Besonders freue ich mich auch auf den Abend mit der Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel und der äthiopisch-schwedischen Stimmkünstlerin Sofia Jernberg, die sich von einem Gedicht Krechels hat inspirieren lassen.
Sind wir in der lauten, reizüberfluteten Welt der Sozialen Medien überhaupt noch aufnahmefähig für das Erleben von Gedichten?
Ich glaube, es gibt genau deswegen eine große Sehnsucht nach einer Entschleunigung, die mit dem Lesen von Gedichten einhergeht – und gleichzeitig auch nach Tiefgang, Sanftheit, Präzision. Am Samstagabend haben wir eine Kollaboration mit dem Schauspiel Köln, wo wir auch das Dunkle und das Nichtverständliche zelebrieren – auch als eine dekoloniale Praxis. Es muss nicht alles von unserem westlichen Verstand begriffen oder auch dominiert werden – ganz im Gegenteil. Was wir gerade in der Welt brauchen, ist weniger Dominanz, mehr Zärtlichkeit und mehr Zugewandtheit – und da können wir ganz viel von Gedichten lernen.
Das Gespräch führte Kerstin Meier
„Soft Magic – Poesie & Weltgestaltung“ lautet das Thema der Poetica 11, des Festivals für Weltliteratur, das von der Universität zu Köln in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vom 26. bis 31. Januar veranstaltet wird. Kuratorin ist die Lyrikerin, Übersetzerin und Musikerin Rike Scheffler.
Es kommen die palästinensische Lyrikerin Asmaa Azaizeh, der belarusische Romanautor Alhierd Bacharevič, die indigene US-Amerikanische Lyrikerin Natalie Diaz, der ägyptische Autor Haytham El-Wardany, die portugiesische Lyrikerin Angélica Freitas, die chinesisch-britische Lyrikerin Sarah Howe, die US-Amerikanische Autorin Joyelle McSweeney, die dänische Dichterin Mette Moestrup sowie die deutschsprachigen Dichterinnen Ursula Krechel und Daniela Seel. Um den Bezug zum Klangzauber herzustellen, sind darüber hinaus die haitisch-kanadische Musikerin Mélissa Laveaux und die äthiopisch-schwedische Stimmkünstlerin Sofia Jernberg eingeladen.
Die Veranstaltungen werden in der Universität zu Köln, der Kulturkirche Nippes, dem VHS-Forum, im Alten Pfandhaus, im Filmforum im Museum Ludwig und im Schauspiel Köln stattfinden. Der Eintritt ist abhängig von der jeweiligen Veranstaltung, teilweise auch frei.
