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EnergiewendeSchlaue Sensoren aus Leverkusen sind weltweit unerreicht

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Michael Niggemann, Chef von Enerthing

Michael Niggemann, Chef von Enerthing, vor der Fertigungsstraße in Opladen

Enerthing hilft mit wartungsfreier Technik, den Energieverbrauch von Gebäuden zu senken. Unter den Kunden sind Telekom, Mercedes und neuerdings Currenta.

In den meisten Büros wird zu viel geheizt. Das weiß man längst, aber Abhilfe zu schaffen war meist aufwendig. Für Sensoren und irgendwelche schlauen Thermostate brauchte man Stromleitungen. Also wurde das Thema nur angegangen, wenn ein Gebäude sowieso saniert wurde. Auch Sensorik mit Batteriebetrieb machte Immobiliennutzer nicht recht glücklich: Die Stromspeicher müssen in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden. Das ist lästig und damit teuer, wenn es im großen Maßstab geschehen muss.

Michael Niggemann weiß das alles. Er hat Angewandte Physik studiert, am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg gearbeitet. Danach wechselte er als Technik-Chef nach Cambridge zu einem Start-up, das sich ebenfalls mit Energie befasste. Wie wichtig die Jahre in der englischen Universitätsstadt waren, sieht man heute in der Halle an der Schusterinsel in Opladen. Eine Maschine dort „konnten wir aus Cambridge übernehmen“, sagt Niggemann.

Ein paar Patente haben wir schon.
Michael Niggemann, Gründer von Enerthing

Hinter gelben Plastikvorhängen werden in Opladen unter Reinraum-Bedingungen die Sensoren produziert, ohne die sein Unternehmen Enerthing gar nicht existieren würde. Der extrem leistungsfähige Photovoltaik-Film ist das technologische Herzstück. Die Folie ist „weltweit führend“ – und ihre Herstellung natürlich geschützt: „Ein paar Patente haben wir schon“, sagt Niggemann. Sie macht die Sensoren unabhängig von irgendeiner Stromquelle. „Das ist sozusagen die Taschenrechner-Solarzelle 2.0.“

Niggemann schraubt den Sensor auf, man sieht nur einen extrem flachen Akku. „15 Jahre sollte das halten, mindestens“, sagt der promovierte Physiker. Weil der Sensor so lichtempfindlich ist, kann er auch „in einer dunklen Ecke hängen“. Indoor-Photovoltaik kann man das auch nennen. Das macht das System erst recht unabhängig und enorm flexibel. Binnen eines Tages kann man es montieren.

Der Enerthing-Thermostat an einem Heizkörper

Der schlaue, weil sensorgesteuerte Enerthing-Thermostat am Heizkörper

Gemessen wird nicht nur die Raumtemperatur, sondern auch die Luftfeuchtigkeit und der CO₂-Gehalt der Luft. Ebenfalls wichtig, nicht nur mit Blick auf die Corona-Pandemie. Auch ein Bewegungsmelder gehört zum Sensorium. Das ist wichtig, wenn Büros flexibel genutzt werden und auch mal einen ganzen Tag leer bleiben, weil der Nutzer im Homeoffice bleibt. Komplettiert wird das Ganze durch einen smarten Heizkörper-Thermostat, der durch die Wärmenutzung ebenfalls ohne Stromquelle auskommt. Der wird einfach anstelle des herkömmlichen Reglers aufgeschraubt – fertig ist ein System, das sich zudem von außen steuern lässt.

Niggemann klappt einen Rechner auf, zum Vorschein kommt der Zimmerplan eines Seniorenheims. Die derzeitige Temperatur kann er sehen: 22,2 Grad, fast überall. Vor allem aber die Schwankungen und – dank der CO₂-Sensoren – auch, wann gelüftet wurde. Selbstverständlich kann man vom Rechner aus eingreifen, wenn es irgendwo zu warm wird.

Ein Sensor, ein Thermostat und ein Rechner auf einem Tisch.

Die Überwachung des Raumklimas läuft über eine Software. Das geht von überall.

Wie viel sich so einsparen lässt: „Bis zu 30 Prozent Energie“, sagt er. Nach der Faustformel, dass ein Grad weniger Raumtemperatur sechs bis zehn Prozent spart, je nach Isolation des Gebäudes.

Dieses Versprechen hat schon namhafte Unternehmen überzeugt. Das Enerthing-System findet man in mehr als 100 Gebäuden der Telekom, mehr als 5000 Sensoren habe man dort verbaut. Diese Dimension zeigt, warum wartungsfreie Systeme so wichtig sind. Müsste man in den Sensoren alle zwei Jahre die Batterie wechseln, „wäre man permanent beschäftigt“, sagt Niggemann.

Telekom, Mercedes, Klinikum Aachen

Niederlassungen von Mercedes-Benz nutzen die Sensor-Systeme aus Leverkusen, außerdem das Klinikum Aachen – und neben dem Seniorenheim hat Enerthing auch Kühlhäuser des Spezial-Logistikers Nagel ausgerüstet. Was das besonders reizvoll macht, zeigt Niggemann auf dem Temperaturdiagramm. Wärmer als minus 21 Grad darf es in den Kühlhäusern nicht werden. Aber die Temperaturspanne ist viel höher als in einem Büro. Das eröffne die Möglichkeit, die Kühlhäuser faktisch als Energiespeicher zu verwenden: Wenn der Strom im Tagesverlauf billig ist, könne man auch auf zum Beispiel minus 27 Grad herunterkühlen. Und in teuren Phasen die Temperatur wieder Richtung 21 Grad steigen lassen.

Nicole Rieger checkt unter Reinraum-Bedingungen ein Panel.

Nicole Rieger checkt unter Reinraum-Bedingungen ein Panel.

In Zukunft sollen die Kühlhäuser außerdem mit Türsensoren ausgerüstet werden. So lässt sich beobachten, ob Tore womöglich zu lange offen stehen und welchen Effekt das tatsächlich hat auf das Klima.

Das Potenzial der Enerthing-Technik könne man kaum überschätzen, sagt der Gründer. Gebäude smart zu machen und ihren Energieverbrauch auf diese Weise zu senken, müsse unabhängig sein von der Frage, ob die passenden Leitungen liegen. Im Bestand lasse sich sehr viel ausrichten.

Michael Niggemann unterzeichnet mit Michael Franz von Currenta Conneqtive den Partnerschaftsvertrag zur Digitalisierung von Bestandsgebäuden. Christian Haase, Murat Mutlu und Konstantin Fonk schauen zu.

Der vorerst letzte Streich: Michael Niggemann (links) unterzeichnet mit Michael Franz von Currenta Conneqtive den Partnerschaftsvertrag zur Digitalisierung von Bestandsgebäuden. Christian Haase, Murat Mutlu und Konstantin Fonk schauen zu.

Das sieht man auch im Chempark so. Gerade haben Enerthing und Currenta eine Vereinbarung unterzeichnet. Die Opladener und die Currenta-Tochter Conneqtive – das Unternehmen verbindet nach eigener Darstellung „die physische mit der digitalen Welt“ – arbeiten künftig bei der Digitalisierung von Gebäuden zusammen. Die Daten aus den Messfühlern sollen mit der Chempark-Infrastruktur zusammengeführt werden.

Lötstation bei Enerthing

Zwischendurch muss auch immer mal gebastelt werden.

Bei Currenta freut man sich auf den steten Datenstrom zu Raumklima, Luftqualität oder Belegung. Sie könnten „unmittelbar in Cloud- oder Energiemanagement-Systeme integriert werden“, hieß es beim Abschluss der Vereinbarung. Das seien „Lösungen, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch überzeugen“, findet Michael Franz, Leiter von Currenta Conneqtive.

Für Michael Niggemann ist der Deal mit dem Chempark natürlich reizvoll. Allerdings ist er auch noch mit vielen anderen namhaften Kunden im Gespräch. Für Enerthing ist es besonders gut, wenn außer den Sensoren und Ventilen auch noch die Regel-Dienstleistung verkauft werden kann. Die Server dafür „stehen bei der Telekom in Österreich“. Datensicherheit muss gewährleistet sein.


2016 hat Michael Niggemann Enerthing am Zentrum für Organische Elektronik an der Universität zu Köln gegründet. Das COPT ist ein Forschungs- und Transferzentrum, das an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft arbeitet.

2018 wurde Enerthing der Next Economy Award zugesprochen, zwei Jahre später der Handelsblatt Energy Award.

2019 fand Enerthing in Opladen an der Schusterinsel ein passendes Domizil. Zum Führungsteam gehören neben dem CEO Michael Niggemann der ebenfalls promovierte Physiker Christian Haase, der sich um die weitere Entwicklung des Geschäfts kümmert, und Martin Lenze. Er hat seinen Doktor in Physikalischer Chemie gemacht und kümmert sich jetzt um Produktion und Weiterentwicklung von Enerthings Kerntechnologie, der Photovoltaik. Das Unternehmen hat derzeit 14 Mitarbeiter.