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Kölner GeheimnisseWas Sie bestimmt noch nicht über den Neumarkt wussten

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Die Pferdeköpfe, die vom Richmodis-Turm aus  auf den Neumarkt schauen. 

Helmut Gabel hat für den Greven Verlag einen faszinierenden Überblick zur Geschichte des Kölner Neumarkts verfasst.

Der Platz polarisiert. Bereits vor 250 Jahren rufen das heilige, schlampige Köln und sein Neumarkt so starke wie gegensätzliche Reaktionen hervor. „Die hässlichste und schmutzigste Stadt, die ich je gesehen habe“, zitiert der Historiker Helmut Gabel einen zeitgenössischen Reisebericht. Der schwedische Gelehrte Jakob Jonas Björnståhl jedoch lobt in den 1770ern den Neumarkt als einen „der größten und schönsten Marktplätze in ganz Europa“.

Nach der Lektüre von Gabels im Greven Verlag erschienener, höchst aufschlussreicher und reich bebilderter Monografie zu „Kölns bewegter Mitte“ stimmt man beiden Aussagen emphatisch zu. Der mit 30 000 Quadratmetern größte Platz der Stadt ist das hektische, aber seltsam leere Zentrum der Stadt. Gabel spricht von Trubel und Tristesse, von einer „überdimensionierten Verkehrsinsel“, die zugleich ein „authentischer Großstadtplatz“ sei, eine Urquelle kölschen Jeföhls – und ein baulich verhunztes, hoffnungslos verwahrlostes Crack-Loch. Der Neumarkt ist all das, nur eines ist er nie: uninteressant.

Von der römischen Top-Lage zur fränkischen Weidefläche

Zu Zeiten der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, dem kölschen Big Bang, hausen im Schatten der Stadtmauer wohlhabende Römer. Der Platz am Westtor – das steht, so Gabel, dort, „wo sich heute der Chor von St. Aposteln erhebt“ – ist noch keiner. Wer hier viele hundert Jahre später im Erdreich schürft, stößt auf kunstsinnige Wandmalereien, auf luxuriöse Fußbodenheizungen und private Badeanlagen der reichen Erstbürger Kölns – und auch auf den helmbewehrten Marmorkopf der Athena Parthenos, den man Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Neumarkt-Boden entdeckt. Als das römische Reich zerbricht und die Franken kommen – man stelle sich einen festen Bildausschnitt im Fast Forward vor, so wie in der alten Verfilmung von H. G. Wells' „Die Zeitmaschine“ –, verfallen die Villen und die einstige urbane Top-Lage wird zur Weidefläche.

Die wirkliche Geschichte des Neumarkts beginnt vor knapp tausend Jahren. Erzbischof Hildolf erwähnt in einer Schenkungsurkunde anno 1076 einen „novo mercato“, in weiteren Quellen ist vom „novum forum“ die Rede, vom „Nymarkt“ und „Uff dem Numarkt“. Obwohl größer als Heumarkt und Alter Markt, kann er den alteingesessenen, rheinnahen Märkten nicht das Wasser reichen. Erst im Spätmittelalter, schreibt Gabel, etabliert sich ein Viehmarkt. 1391 erhält der Neumarkt sein frühes Wahrzeichen: eine Windmühle mit einem zylindrischen Turm aus Basalt und Tuff, die 18 Meter hoch ihre Umgebung überragt. Als sie das nicht mehr tut – wir drehen die Regler der Zeitmaschine um zwei Jahrhunderte nach vorn –, wird die nun windlose Mühle als Gefängnis genutzt.

Gemälde mit Ansicht von St. Aposteln in Köln, Blick auf den Neumarkt.

So idyllisch malte der Niederländer Gerrit Adriaenszoon Berckheyde St. Aposteln am Neumarkt um 1655.

Rund um den Platz entstehen geistliche Einrichtungen, zuerst die Basilika St. Aposteln am Westrand, dann das Dominikanerinnenkloster St. Gertrud, der Agnetenkonvent der Beginen und die „Lungenbrüder“ genannte Laiengemeinschaft der Alexianerbrüder. „Weihrauchduft“, so Gabel, „vermischt sich mit den diversen Gerüchen des Viehmarktes.“ Profane Bauten folgen, der Neumarkt wird gentrifiziert, das Patriziat hat die Gegend als Baugrund für repräsentative Herrschaftshäuser wiederentdeckt.

Gabel greift auch die Legenden auf, die sich um den Platz ranken, zuallererst die Sage von der vermeintlich Pesttoten Richmodis von Aducht, wohnhaft im Haus zum Papageien am Neumarkt: Sie erwacht, als ihr Grabräuber im Friedhof von St. Aposteln einen wertvollen Ring vom Finger ziehen wollen, wieder zum Leben und macht sich auf den Heimweg. Ihr Gatte Mengis zweifelt das Wunder an: „Meine Hausfrau kann ebenso wenig vom Tode auferstanden sein, als meine zwei Pferde aus dem Stalle brechen und auf den Söller steigen werden, um von da hinab in die Straße zu schauen!“ Klar, was als Nächstes passiert.

Helmut Gabel: „Der Neumarkt. Kölns bewegte Mitte“, Greven Verlag, 176 Seiten, 62 Abbildungen, 22 Euro

Seitdem betrachten vom Richmodis-Turm aus steinerne Pferdeköpfe das Treiben auf dem Platz, besingen die Black Fööss und Wolfgang Niedecken die Sage und ruft der ungläubige Kölner aus: „Ahm Nümaat zwei Päädsköpp!“

Die Fakten sind fast noch spannender. Saust man als Zeitreisender durch Gabels Buch, scheint die Geschichte selbst den Neumarkt zu bespielen. Frühneuzeitlichen Stadtbewohnern gilt er als Ort von Hexensabbaten. Ende des 17. Jahrhunderts sorgen hier stationierte Stadtsoldaten für Ordnung, der Volksmund verspottet sie als „Rote Funken“. 1768 bietet die Kurz’sche Schaubühne Platz für 3000 Zuschauer: Kölns erstes Theaterhaus. Dann wird die Stadt französisch, Revolutionstruppen errichten einen Freiheitsbaum mit Jakobinermütze, erfinden immer neue Neumarkt-Namen: Place de la République, de la Liberté, d’Armes, des Victoires, schließlich Place de l’Empereur – wo Napoleon, als er 1804 durchs Eigelsteintor einzieht, im Blankenheimer Hof logiert.

Wir drücken den Zeitmaschinen-Regler nach vorn: Die Preußen kommen und exerzieren, werden vom ersten „Held Carneval“ (der Prinz kütt später) und seinen Roten Funken parodiert, als 1823 der erste Rosenmontagszug vom Neumarkt aufbricht. Dann kommt der Verkehr. Eine Pferdebahnlinie wird 1900 von der Stadt gekauft und elektrifiziert, bald passieren täglich 3500 Straßenbahnwagen den Neumarkt. Patriziervillen werden abgerissen, große Geschäftsbauten entstehen.

Der junge Jacques Offenbach spielt im Gymnicher Hof an der Ostseite des Platzes sein Cello, die Prinzipalin Emma Millowitsch, Willys Großmutter, lebt an der Südseite, ebenso wie Willi Ostermann. Die Hitlerjugend versammelt sich, ein Nazi-Architekt bricht eine breite Schneise bis zur Cäcilienstraße und der Neumarkt, so Gabel, verliert „seine Gestalt als geschlossener Platz, seine Funktion als sozialer Raum und große Teile seiner historischen Substanz“. Das Problem besteht bis heute. Dabei könnte er, klagt der Autor, „wieder das Herz der Stadt sein – wenn man ihn endlich als solches behandelt“.

Wer Helmut Gabels schmalen, aber unendlich faszinierenden Band liest, wird in seine Klage einfallen. Dieses Herz schlägt noch.