Kölnischer KunstvereinMarie Angeletti bring Glanz in die bescheidene Hütte

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Installationsansicht aus dem Kino des Kölnischen Kunstvereins mit einem Bauarbeiter, der in die Kamera schaut.

Aus Marie Angelettis ram spin cram im Kölnischen Kunstverein.

Mit einer verblüffenden Ausstellung der Künstlerin Marie Angeletti verabschiedet sich Nikola Dietrich als Direktorin des Kölnischen Kunstvereins. 

Die lang gestreckte, rundum verglaste Ausstellungshalle des Kölnischen Kunstvereins habe ihr gehörig Angst gemacht, sagt Marie Angeletti, denn „die Straße gewinnt immer gegen die Kunst“. Und vor den Fenstern des Kunstvereins liegt mit der Hahnenstraße nun einmal ein besonders lebendiges Stück der Kölner Innenstadt. Angelettis verblüffende Lösung für dieses Problem sieht zunächst nach geordnetem Rückzug aus. Sie lässt die Halle bis auf vier, mit Nieten zusammengehaltene Stahlträger leer, die, in Orange, Rosa, Grün und Schwarz angemalt, die keinesfalls einsturzgefährdete Decke stützen. Sie sind also völlig nutzlos – der kleinste gemeinsame Nenner aller Kunstdefinitionen.

Allerdings zieht Angeletti den langen Ausstellungsraum noch ein wenig länger, indem sie die Tür in ein anderes Museum öffnet. An der Schlusswand der Halle läuft ein Film, den sie mit um den Hals baumelnden Smartphone heimlich in der Menil Collection in Houston aufnahm und der nichts anderes zeigt, als eine Frau, die ein Kind durch eine Walter-de-Maria-Ausstellung trägt und sich mehrere Minuten vor Lachen nicht mehr einzukriegen scheint. Ob sie die gezeigten Kunstwerke, die sich teils kaum von zu groß geratenen Alltagsgegenständen unterscheiden, lächerlich oder beglückend findet oder einfach nur einen zu viel im Tee hatte, bleibt völlig offen. Aber ihr Glucksen hallt bis nach Köln und hüllt auch die von de Marias Minimalismus inspirierten Stahlträger ein.

Marie Angeletti fotografierte wildfremde Bauarbeiter auf der Straße

Vielleicht liegt es daran, dass Lachen ansteckend ist, oder daran, dass Angeletti, 1984 in Marseille geboren, eine passionierte Sammlerin ungewöhnlicher Eindrücke ist. Jedenfalls läuft man nach diesem Auftakt mit einem Lächeln durch den Kunstverein und ist bestens darauf vorbereitet, in dessen Kinosaal eine digitale Diashow zu sehen, für die Angeletti zwischen 2008 und 2023 männliche Bauarbeiter auf der Straße fotografierte. Die schauen meist geschmeichelt unter ihren Helmen hervor, manchmal tun sie auch cool und gelegentlich posieren sie stolz mit ihrem Presslufthammer. Auch diese Aufnahmen habe sie zunächst ohne Hintergedanken gemacht, so Angeletti. Sie habe einfach gesammelt, wie die Männer auf sie reagieren. Der freundliche Funke, der dabei hin und her fliegt, springt auch auf die Betrachter über.

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In den oberen Stockwerken des Kunstvereins finden sich weitere Fundstücke der in New York lebenden Künstlerin. Etwa eine weiße Tafel mit den Reisedaten eines Weltenbummlers, die Angeletti auf der Straße entdeckte und wegen der „schockierend“ eng getakteten Reiseziele kurzentschlossen mitgehen ließ. Oder die Silbergelatinedrucke alltäglicher Schnappschüsse, die auf Museumsformat aufgeblasen und teilweise ins Negative verkehrt, eine schmuddelig-abstrakte Warhol-Factory-Aura verströmen. Mehrfach fotografierte Angeletti zerbrochenes Glas. 43 Kilo davon sollen, schwarz gefärbt, auf dem Dach des Kunstvereins liegen, als Abschluss der Ausstellung. Sehen kann man das allerdings nur vom Himmel aus. Also muss man es eben glauben.

Mit der Angeletti-Schau endet Nikola Dietrichs Amtszeit als Direktorin des Kölnischen Kunstvereins – ein gelungener Abschied, denn Angeletti bringt ein Kunstverständnis mit, das nicht auftrumpft, sondern einen wie nebenbei ins Alltägliche verstrickt. Im Untergeschoss des Treppenhauses hat sie mehrere Hunderte Metallkugeln verteilt, die sich, wie bei einem außer Rand und Band geratenen Boule-Spiel, mehrheitlich aneinander schmiegen. Jede einzelne Kugel hat sie (mit etwas Hilfe wohl) von Hand poliert, weshalb das Werk nicht in der (zufälligen) Anordnung der Kugeln bestehe, sondern aus der in die Politur geflossene Arbeitszeit, so Angeletti. Diese habe etwas Beruhigendes in ihrer Eintönigkeit. Und sie erfüllt den Kölnischen Kunstverein mit dem Glanz der Bescheidenheit.


„Marie Angeletti – ram spin cram“, Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, Köln, Di.-So. 10-18 Uhr, bis 2. Juli 2023. Eröffnung: 31. März, 19 Uhr.

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