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Kölnischer KunstvereinZu Besuch beim letzten Überlebenden der Menschheit

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Aus der Ausstellung im Kunstverein

Köln – Im Jahr 1826 erschien Mary Shelleys „Verney, der letzte Mensch“, ein apokalyptischer Science-Fiction-Roman, der angeblich auf Prophezeiungen einer antiken Priesterin beruhte, die Shelley in einer italienischen Höhle auf Laubblättern gekritzelt fand. Er spielt am Ende unseres Jahrhunderts und handelt grob gesagt von einer dekadenten, dem Untergang geweihten Gesellschaft, die dann tatsächlich so lange von einer weltweiten Seuche dezimiert wird, bis nur noch ein einziges Menschlein übrig ist.

Shelleys Untergangsvision war bei Erscheinen ein kapitaler Misserfolg, wurde praktisch sofort vergessen und erst in den 1960er Jahren als „seherische“ Zukunftsbeschreibung wiederentdeckt. Heute trifft sie den Nerv unserer pandemischen Gesellschaft, die sich in Geschichten von Isolation, Einsamkeit und globaler Hoffnungslosigkeit bestens wiederfinden kann. Dieser zeitgenössische Pesthauch weht nun auch durch den Kölnischen Kunstverein, wo fünf Mitglieder des Schreib- und Performance-Kollektivs Pure Fiction ihre Assoziationen zu Shelleys Roman ausbreiten. Oder sollte man sagen: zerstreuen wie Laubblätter in einer Höhle?

Das Kollektiv Pure Fiction erkundet Mary Shelleys visionäre Fantasiewelt

Einen geradezu didaktischen Zugang in die Ausstellung legt Mark von Schlegell, Begründer von Pure Fiction, mit einem antiquarischen Buchladen, den er schon im Schaufenster als „Real Bookstore“ annonciert. In einem Bücherständer finden sich Romane, die auf Shelleys Prophezeiung zurückgehen sollen (vor allem Science-Fiction-Klassiker, aber auch „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth), in Vitrinen liegen Pure-Fiction-Programmhefte und „Pamphlete“ aus und auf dem Verkaufstisch steht als Mahnmal des einsamen Schöpfungsaktes eine Schreibmaschine. Ein Blatt Papier ist eingespannt. Darauf steht in Englisch: „Die verlassenen Museen waren dazu da, all das zu werden, was wir Überlebenden uns wünschten, das sie sein könnten.“ Schön und gut. Aber ich hätte mir gewünscht, im „verlassenen“ Kunstverein eine Ausstellung mit etwas schlüssigerer Kunst zu sehen.

Stattdessen wabern die Assoziationen etwas ziellos durch die Hallen. Das kann durchaus reizvoll sein, wie bei Ellen Yeon Kims Toninstallation „Jane“: Aus mehreren Ablaufgittern quellen abwechselnd Geräusche aus der Straßenentwässerung und die Stimme einer Frau herauf, die auf den Namen Jane anspricht. Aber dass diese Jane eine Mischung aus Jane Doe, ein Platzhaltername für nicht identifizierte tote Frauen, und der Shelley-Zeitgenossin Jane Austen sein soll, darauf muss man erst einmal kommen.

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Hübsch anzusehen sind auch die sechs höhenverstellbaren Tische, die ohne Tischplatte und wie von Geisterhand gesteuert hoch und runter fahren. Erika Landström hat diese Metapher auf die rückenbrechende Einsamkeit des Büroarbeiters arrangiert – aber was hatte das noch gleich mit der signierten Fotografie von Valentina Tereshkova, der ersten Frau im Weltall, zu tun?

Bei den beiden Filmarbeiten der Ausstellung fehlen sogar die ästhetischen Reize. Rosa Aiellos Kurzfilm „The Last Man“ krankt an den steifen Dialogen, in denen ein tödlicher Klassenkampf zwischen Freiberufler und Unternehmersöhnchen ausgefochten wird, und Luzie Meyers philosophisch gemeintes Video „What happens when one looks“ ist eher ein seichter Bewusstseinsstrom mit Gliederpuppen. Ein Museum ist eben keine Wunschmaschine – und manchmal auch nur eine einsame Insel für unausgegorene Ausstellungsideen.

„Shifting Theatre: Sibyl’s Mouths“, Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, Köln, Di.-So. 11-18 Uhr, bis 6. März.