Der US-Star, letztes Exemplar der Gattung „Rockstar“, trug am Mittwochabend die Liebe in die Lanxess-Arena. Und jede Menge unwiderstehlicher Gitarrenriffs.
Konzert in KölnLenny Kravitz ist der heißeste 62-Jährige im Musikgeschäft

Lenny Kravitz während eines früheren Konzerts.In Köln durfte nicht fotografiert werden.
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„It ain’t over ’til it’s over“, es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist, denkt man noch, aber als Lenny Kravitz nach gut zwei Stunden in der Lanxess-Arena seine Flying-V-Gitarre ablegt, muss man es schließlich doch einsehen: Die Lederjacke bleibt bis zum Ende an und das T-Shirt darunter ist noch nicht einmal aus Netzstoff. Eine kleine Enttäuschung, denn Kravitz ist ziemlich sicher der heißeste 62-Jährige im Musikgeschäft. Ja, er sieht fast noch fitter aus als sein Schwiegersohn-in-spe, der Marathonmann Harry Styles.
Immerhin, die Bug-Eye-Sonnenbrille sitzt bombenfest und die enge Hose hat untenrum ordentlich Schlag. Als der Sohn einer schwarzen TV-Berühmtheit und eines weißen Jazz-Promoters – zum fünften Geburtstag des kleinen Lenny spielte ihm Duke Ellington ein Ständchen – im Sommer 1989 mit der Single „Let Love Rule“ reüssierte, gab es das, was er bis heute so formvollendet verkörpert, eigentlich gar nicht mehr: den Rockstar. England war im Acid-Fieber, die USA wurden von Madonna regiert, und Deutschland klatschte so lange zu „Looking for Freedom“ auf die Eins, bis die Mauer fiel.
Plattenbosse sagten ihm, er sei nicht weiß genug für Rockmusik
Aber die Rockmusik hatte ihre große Zeit hinter sich. Nur Lenny Kravitz träumte noch vom Rock’n’Roll-Lifestyle. Obwohl sein Name eher nach jüdischem Zahnarzt klang – eine Zeit lang versuchte er es unter dem albernen Pseudonym „Romeo Blue“. Obwohl die Plattenbosse ihm sagten, dass er nicht weiß genug war für die Musik, die doch Chuck Berry und Little Richard erfunden hatten. Oder alternierend auch nicht schwarz genug, für das gerüttelt Maß an Funk, das er seiner Rockmusik beimischte. Er war und ist nicht nur ein Wiedergänger Robert Plants, man kann in seiner Musik und seinem Habitus gleichermaßen den Einfluss von Jimi Hendrix, von Bootsy Collins, Rick James, Prince und sogar von Bob Marley erkennen.
Lange musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, lediglich die Hohlform eines sinnentleerten Genres aufrechtzuerhalten. Heute wirkt er, etwa wenn zu Anfang nur seine Silhouette im Bühnennebel zu erkennen ist, eher wie das platonische Ideal eines Rockstars, vielleicht ist er ja der Letzte seiner Art.
Mit „Bring it on“ und „Dig in“ drückt er gleich das Gaspedal durch. Zum neuen Song „TK421“ greift er sich kurzerhand eine Bassgitarre und bearbeitet sie mit Donnerdaumen. „TK421“ ist die Nummer des Sturmtrupplers, dessen Rüstung sich Luke Skywalker in „Star Wars“ ausborgt. Hier dient die nerdige Referenz allerdings eher als Code für „Penis“. Rockmusik eben. Man könnte hier von Lied zu Lied eine Strichliste darüber führen, ob gleich ein Gitarren- oder ein Saxofonsolo folgt oder ein Trinkspiel daraus machen.
Vergebung und Verständnis statt Sex und Drogen
Aber dann taucht zu „Always on the Run“ – mit der ersten Single vom zweiten Album „Mama Said“ hatte sich Kravitz noch einmal neu erfunden – ein ganzer Bläsersatz auf, die Band ist jetzt neunköpfig und die Stimmung geht spürbar nach oben. Natürlich auch wegen des unschlagbaren Gitarrenriffs. Von denen hat er freilich noch einige in petto, die selbst Keith Richards vor Neid erblassen ließen.
Jetzt gibt es auch ein wenig Ansprache. Dieser Rockstar predigt nicht Sex und Drogen, sondern Vergebung und Verständnis, er hat die Liebe mitgebracht – und hinter dem Schlagzeug eskaliert prompt die britische Jazz-Drummerin Jas Kayser in freudiger Erregung. Zusammen mit Sologitarrist Craig Ross – seit 35 Jahren an Kravitz‘ Seite – ist sie der Liebling des Abends.
Dann wird das Tempo etwas gedrosselt, Lenny singt mit Kopfstimme eine psychedelische Soulballade im Stil der Rotary Connection, charmiert mit dem entspannten Calypso-Rhythmus von „I Belong to You“, lässt zu „Stillness of Heart“ das weich gekochte Publikum zur von Ross geschrammelten Akustikgitarre mitsingen, während er von der Bühne steigt, um seinen Fans noch etwas näher zu kommen, zumindest denen im Hochpreissektor des „Golden Circle“. Kurz darauf flirtet er aber auch mit den oberen Rängen, und ruft einer unbekannten Besucherin zu: „Baby, das nächste Lied singe ich nur für dich.“
Vor allem wird hier aber Musik gespielt, ohne Feuerstöße, Konfettikanonen oder Laufstege über den Köpfen der Menge. Es ist, auch da grüßt die Vergangenheit, ein klassisches Konzert, wie man es auch vor 40, 50 Jahren hätte erleben können – wie erfrischend!
Das Finish ist phänomenal. Auf die eingangs erwähnte Curtis-Mayfield-Hommage „It Ain’t Over ‘Til It’s Over“ folgen Hit auf Hit: „American Woman“, „Fly Away“, „Are You Gonna Go My Way“ mit seinem Monsterriff. Herrje, das hatte man fast vergessen, auf was für einen Katalog der gute Lenny zurückgreifen kann!
Zur Zugabe spielt er endlich seine erste Single, „Let Love Rule“. Das klingt an diesem Abend programmatisch. Wie schön die Fans den sanft anschwellenden Refrain hinbekommen, es ist ein Liebesfest. Zur Belohnung kommt Kravitz noch einmal anfassen, gibt Autogramme, zeigt, wie nahbar auch der breitbeinigste Rockstar sein kann.
