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Konzert in KölnNach ihrer Nahtod-Erfahrung singt sich Florence Welch den Schmerz von der Seele

3 min

Florence Welch mit ihrem Hexenchor

Florence and the Machine gaben ein ausverkauftes Konzert in der Lanxess-Arena.

Es gibt so einige Momente in der Lanxess-Arena am Donnerstagabend, in denen man inständig hofft, dass die Ränge stabil genug gebaut sind. Die gute Nachricht: Sind sie! Doch wenn Florence Welch ihre Fans im ausverkauften Saal zum Hüpfen auffordert, wackelt es unter den Füßen – und zwar ordentlich.

Dass das Publikum der Sängerin jeden Wunsch erfüllt, wird schnell deutlich, nachdem diese mit ihrer Band The Machine auf die in rotes Licht getauchte Bühne getreten ist. Welch ist eine der Personen, für die das Wort „Geschöpf“ erfunden worden sein muss. Eine ätherisch wirkende Frau mit blasser Haut, wallenden roten Haaren in einem roten, wallenden Kleid.

Gäbe es einen Elfen-Radar, er würde sehr weit ausschlagen.

Manchmal steht sie regungslos da und streckt die Arme aus, als würde sie die Energie des Saals in sich hineinleiten. Gäbe es einen Elfen-Radar, er würde sehr weit ausschlagen. Während sie den langen Laufsteg in der Arena rauf und runter schreitet oder hüpft, quillt aus dem Boden unter ihr weißer Nebel. Mystik, Baby. Sie passt zu vielen Texten, in denen Welsh von Dämonen, Spiritualität, Nahtod-Erfahrungen singt – und davon, sich alles von der Seele zu schreien.

Loszuwerden und therapeutisch aufzuarbeiten gibt es bei ihr genug: Auf dem neuen Album „Everybody Scream“, nach der auch die aktuelle Tour benannt ist, thematisiert die 39-Jährige ihre Fehlgeburt, an der sie beinah gestorben wäre. Das Album changiert ebenso wie das fast zweistündige Konzert in Köln zwischen epischen und äußerst zarten Momenten: Die fünfköpfige Band hat sogar eine Harfe dabei, dazu viele sphärische Keyboard-Flächen und sparsame, dann aber äußerst effektvoll eingesetzte Rockgitarren-Riffs. Welch gehört nicht nur vom Typus, sondern vor allem gesanglich in eine Liga mit Klaviergöttin Tori Amos und Kate Bush. Was für eine unglaubliche Stimme, die so beschwörend flüstern, aber auch majestätisch wie ein Seeadler in jeden Winkel fliegen kann.

Wie eine Flamme, manchmal auch wie eine offene Wunde, wirkt Florence Welch auf der Bühne.

Der von ihr so genannte Hexenchor, vier in Schwarz, später in Weiß gekleidete Tänzerinnen, wirbelt um sie herum, wirft sich vor ihr zu Boden – so stellt man sich Hexen bei einem heiligen Ritual vor. So zauberhaft die Truppe ist: Welch, die wie eine Flamme, manchmal auch wie eine offene Wunde auf der Bühne wirkt, hat so viel Präsenz, dass sie auch ohne ihre Gefolgschaft auskäme. Wenn sie mit ihrem Publikum spricht, klingt die Britin stets äußerst sanft.

Witzig ist sie auch: „Eigentlich wollte ich nicht mehr über Typen singen, die nicht auf meine Nachrichten antworten“, erklärt sie lachend – und spielt dann „Buckle“ vom neuen Album. Auch ihren älteren Song „Never Let Me Go“ wollte sie eigentlich nicht mehr live spielen, weil er sie an schwere Zeiten erinnere, erklärt sie ihren Fans. Doch mittlerweile seien schlimmere Dinge passiert – sie spielt auf die Fehlgeburt an. Und so habe die Liebe der Fans zu dem Lied gesiegt. „Danke, dass ihr den Song nicht aufgegeben habt.“

Zum Abschied – noch vor den vier Zugaben – schreitet Welch singend an einer langen Fanreihe vorbei, streichelt ausgestreckte Hände, umarmt mit Blumenkränzen geschmückte Frauen, die in Tränen ausbrechen. Vor ihrem Überhit „The Dog Days Are Over“ bittet sie darum, die Smartphones wegzupacken. „Ihr seid doch gekommen, um im Moment zu sein. Umarmt lieber euren Nachbarn und sagt, dass ihr ihn braucht und liebt.“ Elfen-Therapie.

Sollte nur einer ihrer Songs jemals Realität werden, dann bitte dieser, sagt Welch vor der letzten Zugabe und stimmt das neue Lied „And Love“ an. Ob der darin wie ein Mantra wiederholte Wunsch nach Frieden jemals real werden wird? Der Kopf will das nicht glauben. Doch das Herz, in der Arena riesig und weich geworden, stimmt sofort ein.