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Interview

Eren Keskin
„In gewisser Weise lebe ich wie eine Geisel“

6 min
Günter Wallraff with Eren Keskin and her staff. Istanbul 2 Oct 2017

Eren Keskin (Mitte, mit Brille) mit Günter Wallraff und ihrem Team im Oktober 2017 in Istanbul. Die Anwältin darf seit zehn Jahren nicht aus der Türkei ausreisen. 

Eren Keskin erzählt im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, wie es ist, ständig mit einem Bein im Gefängnis zu sein, und wie wichtig internationale Öffentlichkeit für sie ist. 

Herzlichen Glückwunsch zum „Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis 2026“ der Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung, Frau Keskin. In Deutschland wurden Sie bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Aachener Friedenspreis und der Menschenrechtspreis von Amnesty International. Was bedeuten diese Preise für Sie?

Eren Keskin: Den Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis zu erhalten, ist für mich eine große Ehre – Gerhart Baum war eine bedeutende liberale Persönlichkeit, die sich auch in der Türkei stark für die Menschenrechte eingesetzt hat; er war ein Mensch, der mit der Kraft seiner beeindruckenden Lebensgeschichte die Demokratie aufgebaut und sie gegen ihre Gegner verteidigt hat. Ich hatte auch die Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen – unsere Ansichten zu Demokratie und Menschenrechten lagen sehr nahe beieinander. Für meine Arbeit ist es wichtig, in der Öffentlichkeit der EU-Länder präsent zu bleiben – Öffentlichkeit bietet Menschen wie mir, die in der Türkei leben und sich kritisch äußern, einen wichtigen Schutz.

Dank der Kampagnen internationaler Organisationen sind die gegen mich verhängten langen Haftstrafen noch nicht vollstreckt wurden
Eren Keskin, Anwältin

Heißt, solange über Sie gesprochen wird, ist das Risiko einer Verhaftung geringer?

Ja. Ich glaube, dass sich die Prüfung meiner Akte vor dem Obersten Gerichtshof dank der Kampagnen internationaler Organisationen verzögert hat und dass die gegen mich verhängten langen Haftstrafen deshalb noch nicht vollstreckt wurden. Eine solche Auszeichnung hilft mir auch moralisch sehr – die internationale Anerkennung gibt mir Kraft.

Wie oft werden Sie wegen Ihres Engagements für Frauenrechte und die kurdische Minderheit bedroht?

Vor allem in den 1990er- und 2000er-Jahren wurde ich sehr intensiv bedroht. Ich wurde zweimal Opfer eines bewaffneten Angriffs. In letzter Zeit hat sich die Art der Drohungen verändert; sie kommen nun meist über soziale Medien. Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich übers Internet nicht bedroht werden.

Warum erhalten Sie so viele Hass- und Drohbotschaften?

Vor allem wegen meiner Artikel zur Kurdenfrage und zum Völkermord an den Armeniern. Ich spreche den Völkermord an den Armeniern offen an – für viele nationalistische Türken, die die Geschichte leugnen, ist das wahrscheinlich eine Beleidigung.

Wie ist es, als Menschenrechtsverteidigerin und Anwältin in der Türkei zu leben, während man ständig unter dem Druck steht, angeklagt und ins Gefängnis gesteckt zu werden?

Ständig in der Sorge zu leben, ins Gefängnis zu kommen, erschwert den Kampf für die Menschenrechte. Die Türkei ist Vertragspartei zahlreicher internationaler Abkommen und hat tatsächlich eine Reihe wichtiger Abkommen zur Meinungs- und Vereinigungsfreiheit unterzeichnet. In der Praxis sind die Vereinigungs- und Meinungsfreiheit jedoch stark eingeschränkt.

Die Angst vor dem Gefängnis ist immer da. Außerdem muss ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und meine Miete bezahlen
Eren Keskin

Dennoch äußern Sie weiterhin Ihre kritischen Ansichten.

Ja, das ist deshalb nicht einfach. Die Angst vor dem Gefängnis ist immer da. Außerdem muss ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und meine Miete bezahlen. In meinem Leben gibt es viele wirtschaftliche und soziale Schwierigkeiten – das bestimmt meinen Alltag. Ich versuche, damit zurechtzukommen und weiterzumachen.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Deutschland. Vor mehr als 20 Jahren wurden Sie zu zehn Monaten Haft verurteilt, nachdem Sie bei einer Podiumsdiskussion in Köln die türkische Armee beschuldigt hatten, im Kampf gegen die PKK Frauen sexuell missbraucht zu haben. Wie oft wurden Sie seitdem wegen „Beleidigung der türkischen Nation, der Republik und der staatlichen Institutionen und Organe“ verurteilt?

Damals wurde ich wegen meiner Reden, Texte und Veranstaltungen, in denen ich die Situation von Frauen ansprach, die sexueller Folter ausgesetzt waren, häufig wegen Beleidigung der türkischen Armee verurteilt; einmal führte das Gericht meine Äußerungen bei einer Veranstaltung in Köln als Begründung an. Daraufhin wurden die Strafmaßnahmen gegen Regimekritiker noch verschärft. Insbesondere nach 2015, als Erdoğans AKP eine inoffizielle Koalition mit der nationalistischen MHP einging und ihre autoritäre Struktur festigte, nahmen die Einschränkungen der Meinungsfreiheit weiter zu.

Gerhart Baum, der im vergangenen Jahr starb, hatte mit seiner Frau Renate Liesmann-Baum eine Stiftung gegründet, die regelmäßig einen Menschenrechtspreis vergibt.

Gerhart Baum, der im vergangenen Jahr starb, hatte mit seiner Frau Renate Liesmann-Baum eine Stiftung gegründet, die regelmäßig einen Menschenrechtspreis vergibt.

Welche persönlichen Konsequenzen hatte diese Situation für Sie?

In Solidarität mit der pro-kurdischen Zeitung „Özgür Gündem“, die zwischen 2013 und 2016 in der Türkei den heftigsten Repressionen ausgesetzt war, bei denen auch zahlreiche Redakteure und Autoren ermordet wurden, habe ich – wie viele andere auch – zugestimmt, dass mein Name in die Impressumsangaben der Zeitung aufgenommen wird. Doch seit 2016 wurden mit der Zunahme autoritärer Tendenzen und der Verschärfung der sicherheitsorientierten Politik in der Kurdenfrage zahlreiche Klagen gegen diese Zeitung und gegen mich eingereicht. Allein aufgrund der Tatsache, dass mein Name als Chefredakteurin aufgeführt war, wurden insgesamt 143 Klagen gegen mich eingereicht, obwohl ich die kritisierten Artikel gar nicht verfasst hatte.

Wofür genau wurden Sie angeklagt?

Zum Beispiel wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wegen Propaganda für diese Organisation (die kurdische PKK, die in der Türkei und in Deutschland verboten ist, Anmerkung der Redaktion), wegen Beleidigung des Präsidenten und wegen Beleidigung der staatlichen Sicherheitskräfte. Im Jahr 2016 fand eine Polizeirazzia in meiner Wohnung statt; ich wurde festgenommen und unter der Auflage, mich ein Jahr lang einmal pro Woche zu melden, wieder auf freien Fuß gesetzt. Seit zehn Jahren darf ich das Land aufgrund eines Ausreiseverbots nicht verlassen. Die Gesamtstrafe, die mir in diesen Verfahren auferlegt wurde, beträgt 26 Jahre und 9 Monate Haft. Alle diese Verfahren warten derzeit auf eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs.

Deshalb können Sie auch nicht ins Ausland reisen – zum Beispiel können Sie den Gerhart-Baum-Preis in Köln nicht persönlich entgegennehmen.

Seit zehn Jahren kann ich nicht ins Ausland reisen. Das zu akzeptieren ist wirklich schwer: Ich kann die Türkei nicht verlassen, nur weil meine politischen Ansichten der Regierung nicht gefallen. Diese Situation gilt nicht nur für mich, sondern auch für viele Regimekritiker. Das bedeutet in gewisser Weise, wie eine Geisel zu leben.

Als Anwältin setzen Sie sich unermüdlich für Frauen ein, die sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden. In Deutschland gilt Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 als Straftat. Wie sieht die Situation in der Türkei aus?

Die Staatsstruktur der Republik Türkei ist männlich dominiert, feudalistisch und militaristisch geprägt. Leider hat auch die Justiz diese Sichtweise übernommen. So war die Türkei beispielsweise eine Zeit lang Vertragspartei der Istanbul-Konvention des Europarats. Im Jahr 2021 trat sie aus dem Abkommen aus. Dabei ist die Istanbul-Konvention eines der bislang wichtigsten internationalen Abkommen zum Thema Gewalt gegen Frauen.

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei weit verbreitet, es werden zahlreiche Frauenmorde begangen. Die Zahl der Beratungsfälle nimmt nicht ab – im Gegenteil, sie steigt
Eren Keskin, Anwältin und Frauenrechtlerin

Wie hat sich die Situation für Frauen seitdem verändert?

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei weit verbreitet, es werden zahlreiche Frauenmorde begangen. Nach dem Austritt aus der Istanbul-Konvention hat sich die Lage weiter verschlechtert. Obwohl im Jahr 2005 dank des Kampfes der Frauenbewegung und unter dem Einfluss des EU-Beitrittsprozesses einige wichtige Änderungen an Gesetzen und Verordnungen vorgenommen wurden, sind Frauen nach wie vor zahlreichen Formen der Diskriminierung ausgesetzt; sie sind privater und staatlicher Gewalt ausgesetzt. In unserer Kanzlei gibt es eine Beratungsstelle, die Frauen und Transfrauen, die sexueller Folter durch staatliche Kräfte ausgesetzt waren, kostenlose Rechtshilfe anbietet. Die Zahl der Beratungsfälle nimmt nicht ab – im Gegenteil, sie steigt.

Im vergangenen Sommer forderte die türkische Diyanet-Behörde in ihren Freitagsgebetspredigten, dass Frauen ihren Kopf bedecken müssten. Es wurde darauf hingewiesen, dass das Tragen von Kleidung, die den Körper nicht bedeckt oder dessen Konturen betont, verboten sei. Sehen Sie solche Forderungen als Vorboten einer strengeren Islamisierung der Türkei?

Die Erklärungen der Diyanet-Behörde haben einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft. Ich sehe dies jedoch nicht allein als direkte Gefahr an, auch wenn sich die politische Macht in der Türkei mit ihren autoritären Tendenzen auf den politischen Islam stützt. In unserer Region gibt es zwei vorherrschende Sichtweisen: auf der einen Seite den islamistischen Ansatz, auf der anderen Seite die kemalistische Weltanschauung, die die Gründungsideologie der Türkischen Republik repräsentiert. Beide sind repressiv und stehen in ständigem Konflikt miteinander. Daneben gibt es für mich und viele andere noch einen dritten Weg: einen Ansatz, der sich für echte Demokratisierung, die Einhaltung internationaler Abkommen, Frauenrechte, LGBTI+-Rechte und eine friedliche Lösung der Kurdenfrage einsetzt. Leider müssen wir feststellen, dass diejenigen, die denken wie wir, nicht in der Mehrheit sind. Ich glaube aber nicht, dass das Schleiergebot ein Vorbote einer noch strengeren Islamisierung ist.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan tritt als Friedensvermittler im Nahen Osten und im Ukraine-Krieg auf. Die Türkei erscheint als ein Land, das von der Krise profitiert. Könnte dies auch der Grund dafür sein, dass kritische Stimmen aus Deutschland gegenüber Ankara mittlerweile selten zu hören sind?

Staatenbeziehungen beruhen auf gegenseitigen Interessen. Menschenrechte stehen dabei meist nicht im Vordergrund. Die Türkei ist Vertragspartei der Europäischen Menschenrechtskonvention, der UN-Konventionen und des Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Die Bestimmungen dieser Verträge werden jedoch häufig verletzt. Vertragsverletzungen gegenüber der Türkei werden nicht wirksam geahndet. Anscheinend machen sich Staaten meist indirekt mitschuldig, indem sie zu Menschenrechtsverletzungen schweigen, die von anderen begangen werden. Das eigentliche Problem ist hier aber natürlich die Türkei.


Zur Person und zum Preis

Die türkisch-kurdische Anwältin Eren Keskin (67) wurde durch ihren Einsatz für Meinungsfreiheit bekannt. Sie engagiert sich besonders für Frauen und Minderheiten, gegen Gewalt und Folter in Haft. Allein als Chefredakteurin einer prokurdischen Zeitung wurden 143 Verfahren gegen sie angestrengt.

Für ihre Menschenrechtsarbeit hat Keskin bereits zahlreiche Preise erhalten, darunter den Aachener Friedenspreis, den Helsinki Civil Society Award und den Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland.

Der Gerhart-Baum-Menschenrechtspreis 2026 der Gerhart-und-Renate-Baum-Stiftung wird am 31. Mai im Kölner Comedia-Theater verliehen. Preisträgerin Eren Keskin, die die Türkei nicht verlassen darf, wird per Video zugeschaltet. Die Laudatio hält der Journalist Osman Okkan, Gründer des Kulturforums Türkei-Deutschland. Erhalten haben den Preis zuletzt die afghanische Frauenrechtsinitiative Hami, die ukrainische Schriftstellerin und Journalistin Katja Petrowskaja und die belarussische Bürgerrechtlerin und Musikerin Maria Kalensikava.