Kölner GastspielWie Michael Turinsky mit einem Körper tanzt, der als „behindert“ gilt

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Szene aus Michael Turinskys „Precarious Moves“ 

Köln – „Potenzial“ - das ist ein Wort, das Michael Turinsky überhaupt nicht mag. Will jemand „sein Potenzial ausgraben“, antwortet er: „Schätzchen, lass mein Öl im Boden.“ Da wird er dann doch ein bisschen knurrig, der sonst unglaublich liebenswürdige, charmante Performer und Choreograf, der mit seinem Stück „Precarious Moves“ im Depot 2 gastierte.

„Precarious“, denn, wie er sagt, die Beziehung zwischen seinen Gesten und seiner Umgebung sei nun mal heikel. Jeder Gang über die Bühne - ein lang dauernder Prozess. Jeder Griff nach einer Requisite - ein Wagnis.

Michael Turinsky hat, wie er es auf seiner Homepage bezeichnet: einen als „behindert“ markierten Körper“. Der Formulierung samt Anführungszeichen ist schon anzumerken: Hier will einer für unsere Sprache sensibilisieren, unseren Umgang mit Behinderung.

Identitätspolitische Codes

Nicht gerade leicht also, den Solo-Tanz des aus Wien kommenden Choreografen zu beschreiben, ohne gegen sämtliche identitätspolitische Codes zu verstoßen. Also: Turinsky sitzt teilweise im Rollstuhl, der Muskeltonus in seinen Armen ist hoch, sein Körper vibriert oftmals und es ist schwer zu unterscheiden, welche Bewegungen willkürlich, welche unwillkürlich sind.

Das ist aber auch fast egal, denn in jedem Fall haben seine Aktionen auf der Bühne eine Sinnlichkeit und Zartheit, die ergreifend ist. Und so kompliziert viele Bewegungen für ihn scheinen, so leicht ist sein Denken.

Ein kleiner Schritt

Zu Beginn seiner mit dem Nestroy-Preis ausgezeichneten Arbeit baut Turinsky behutsam, mit vielen schlenkernden, kurvenden Armbewegungen eine kleine Modelleisenbahn aus Holz zusammen und erzählt dazu von der Entstehung dieses Stückes. Das sollte eigentlich von der „kommunistischen Bewegung“ handeln, hat aber unterwegs irgendwie das „kommunistisch“ verloren. Ein Wortspiel, aber eigentlich auch wieder nicht. Von der ideologischen zur körperlichen Bewegung ist es für jemanden wie Turinsky eben nur - nun ja: ein kleiner Schritt.

Das wird auch klar, wenn er uns im ersten Teil seines Stücks mit raffiniert vieldeutigen Fragen konfrontiert: Wie können sich meine Geste und deine Geste möglichst mühelos begegnen? Und wonach sehnen wir uns eigentlich, wenn wir uns nach Bewegungsfreiheit sehnen? Für die meisten mag sie selbstverständliches juristisches Recht sein. Für Turinsky ist es vermutlich doch ein bisschen mehr.

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Er kriecht auf den Knien und schaukelt dabei mit dem Oberkörper als tanze er einen einsamen Walzer. Wenn er die Arme schlängelt, sehen die Ruckler aus wie die Moves eines Breakdancers. Und dann singt er zu düsteren Elektropop-Klängen sein Identitäts-Manifest als „Crip“ heraus und steigt in das Kindermodell eines rosafarbenen Porsches, um schnittig um die verwaiste Tanzfläche zu kurven.

Manche Choreografen benutzen Spitzenschuhe. Er eben einen Minisportwagen, um Eleganz und Künstlichkeit in den Tanz zu bringen. Zauberhaft selbstironische, gar nicht heikle, sondern heitere „Precarious Moves“.

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