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Michael Wollny und Kit ArmstrongAm Ende teilen sich Jazz und Klassik einen Flügel

4 min

Die Pianisten Michael Wollny und Kit Armstrong

In der Kölner Philharmonie treffen Jazz-Pianist Michael Wollny und Klassik-Virtuose Kit Armstrong aufeinander.  

Der Beginn lässt alles, aber auch wirklich alles offen: Michael Wollny spielt eine abwärts gerichtete Folge von Quarten. Sie könnte den idealen Bass für eine Sequenz liefern, wie sie für die Musik der Barockzeit typisch ist. Barock? Nun ja, immerhin wird Bach wiederholt aufklingen in diesem gigantischen Improvisationstheater, das sich da über zwei Stunden hinweg an den beiden Flügeln der Kölner Philharmonie entwickelt. Es gibt für dieses Konzert auch kein gedrucktes Programmheft, sondern nur ein digitales, über einen QR-Code abrufbares. Tatsächlich kann man die Biografien der beiden Künstler auf Wikipedia abrufen, und was sie an Ort und Stelle tun, das spottet (in einem positiven Sinn) jeder vorausschauenden Beschreibung.

Zwei Stars ihres jeweiligen Metiers – der „Klassiker“ Kit Armstrong und der Jazzpianist Michael Wollny – haben sich da, zum wievielten Male eigentlich?, zusammengetan, um über dem staunenden Publikum ihr unerschöpfliches Wunderhorn auszuschütten. Dass die Sphären, die sich da berühren, sehr unterschiedlich sind, ist nicht nur am jeweiligen Klavierstil unüberhörbar, sondern schlägt bereits auf die äußere Erscheinung durch: Armstrong kommt geschniegelt und gebürstet in schwarzen Lackschuhen aufs Podium, sitzt dann wie ein strebsamer Gymnasiast konzentriert, beherrscht und vergleichsweise bewegungsarm am Instrument. Wollny tritt in weißen Sportsneakers und in einer Art Joggingmontur auf, wippt kräftig bei seinen rhythmischen Exzessen und geht überhaupt mächtig aus sich heraus.

Die klassischen Regeln der Harmonielehre gelten nicht

Wie passt das zusammen, passt es überhaupt zusammen? Nun ja, die beiden spielen längst nicht immer gemeinsam, oft genug klinken sie sich reißverschlussartig ineinander, da blendet sich der eine allmählich aus, während der andere loslegt. Immer aber horcht man intensiv aufeinander, die motivischen oder rhythmischen Bälle, die der eine in den Äther geworfen hat, lässt der Partner nicht etwa fallen, sondern greift sie auf, entwickelt sie nach eigener Lust und Laune weiter, wenn er dran ist.

Und wenn sie tatsächlich simultan spielen? Dass das spontan funktioniert, mag auf Anhieb erstaunen. Aber die klassischen Regeln der Harmonielehre (da ist wahrscheinlich mehr verboten als erlaubt) gelten in einem weithin frei- bis atonalen Umfeld nicht, da dürfen auch mal As-Dur und cis-Moll zusammenklingen oder Quint- und Oktavparallelen intoniert werden. Darüber hinaus gibt es einen überwältigenden Zitatenschatz aus der Musikgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, den gemeinsam anzuzapfen man sich augenzwinkernd verständigt hat. Das sind dann so Fixpunkte, die der ausufernden Klangfantasie Kontur und Richtung geben. Zu ihnen gehört zum Beispiel die sequenzierte Fortschreibung der kleinen Sekunden aus der B-A-C-H-Formel.

Fabelhafte Souveränität und zauberkünstlerische Brillanz

Wollny marschiert mit fabelhafter Souveränität und zauberkünstlerischer technischer Brillanz durch den Stilkosmos der Jazzgeschichte bis hin zur Minimal Music. Aber Armstrong steht ihm auf seinem Feld keineswegs nach. Klar, dass da außer Bach auch viele andere gute, alte Bekannte auf der Linie Beethoven–Liszt–Ravel begegnen. Mitunter erinnert die Figuration an Debussys „La cathédrale engloutie“, dann wird es choralhaft feierlich. Überhaupt ist an diesem Abend nicht alles Tempo und Exzess, Rausch und Ekstase. Integriert in die beiden jeweils dreivertelstündigen Sessions werden vielmehr ausgedehnte „langsame Sätze“, in denen es elegisch, verträumt, stimmungsvoll wie bei Kerzenlicht zugeht – das vor allem in der wunderbar poetischen Zugabe. Claydermans „Ballade pour Adeline“ ist da gar nicht mal so weit weg. Nur: Was Armstrong und Wollny machen, ist viel, viel besser, komplexer, erfindungsreicher.

Vor allem sind im Spiel der beiden Lust, Spaß und Humor am Werk – immer in der Selbstgewissheit, dass da die Einfälle so schnell nicht ausgehen. Kurz vor der Pause und somit hintergründig passend etwa intoniert Armstrong das Einlasssignal der Kölner Philharmonie aus dem Finale von Schumanns Rheinischer Sinfonie. Und für die reinste Gaudi ist gesorgt, wenn sich die Gäste gegen Ende an einem einzigen Flügel versammeln, sich dort auch noch vertauschen und einander die beackerten Regionen der Tastatur spielerisch streitig machen.

Die Frage nach dem genuin künstlerischen Mehrwert des Unternehmens mag vor der Erfahrung solch überwältigenden Gelingens leise werden – ganz verstummen kann sie möglicherweise nicht. Zweifellos geben Armstrong und Wollny auf höchstem Niveau ihr Bestes, aber dass Klassik und Jazz hier nicht nur ineinander geklinkt werden, sondern aus der Begegnungsreibung wirklich glühende Funken schlagen – dieser Beweis konnte an diesem faszinierenden Abend nicht vollends erbracht werden. Wer „Was soll das alles?“ dahermeckern wollte, entgleiste in eine rohe und grobe Unfreundlichkeit. Aber könnte es nicht doch sein, dass in einer Ecke der Performance eine Restportion an Unverbindlichkeit, ein Mangel an zwingender Notwendigkeit steckt?