Die Kölner Blockflötenkönigin Dorothee Oberlinger und der Star-Organist Peter Kofler traten zu einem ebenso ungewöhnlichen wie überzeugenden Zusammenspiel an.
Kölner PhilharmonieAuch ungewöhnliche Kombinationen können überzeugen

Die Kölner Blockflötistin Dorothee Oberlinger
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„Eine Blockflöte ist ja eigentlich auch eine Orgelpfeife“, merkte Dorothee Oberlinger an – und traf damit die Sache auf den Punkt. Die Kombination von Blockflöte (in riesiger Bandbreite zwischen Flautino und Kontrabassflöte) und Kölner Philharmonieorgel mag auf Anhieb befremdlich erscheinen – allein ob der Vermutung, dass sich das Blasinstrument gegen die imperiale Majestät der Partnerin kaum werde behaupten können. Aber es kommt eben ganz auf deren Registrierung an. Und diesbezüglich legte Oberlingers Kompagnon, der Münchner Star-Organist Peter Kofler, im „Orgel plus …“-Konzert alle gebotene Zurückhaltung, Noblesse und Delikatesse an den Tag. Dergestalt, dass sich, gefördert auch durch das exzellente Zusammenspiel, sozusagen auf einem Atembogen, immer wieder der Eindruck eines einzigen Großinstruments einstellte.
Keine leichte Besetzung
Die Besetzung Orgel/Blockflöte zeitigt auch noch andere Schwierigkeiten. Weil es kaum Originalliteratur gibt, sind Oberlinger und Kofler auf „Arrangements“ und „Bearbeitungen“ angewiesen. Die waren dann letztlich aber dank der Überzeugungskraft der Performance genauso wenig ein Problem, wie es die starke Programmheterogenität war. Bekanntlich verabschiedet sich die Blockflöte in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus Orchester und Kammermusik, sie entsprach nicht mehr einer neuen Klangästhetik. Im 20. Jahrhundert kam sie wieder, aber dazwischen war – nichts.
Interpreten, die nicht in der Barockzeit steckenbleiben wollen – die Kölner Blockflötenkönigin gehörte schon immer zu ihnen –, sehen sich deshalb einer Repertoirespreizung gegenüber, die kaum eine Vermittlung zuzulassen scheint. Im vorliegenden Fall reichte der musikhistorische Ambitus von Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) bis Martin Herchenröder (Jahrgang 1961), dessen siebenteilige, faszinierend klangexperimentelle „Poems of Heaven and Earth“ von 2025 nach Texten der Amerikanerin Louise Glück unter Beteiligung diverser Blockflötentypen Oberlinger und Kofler beim Komponisten in Auftrag gegeben hatten.
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Besagte Vermittlung klappte dann doch recht gut – etwa wenn Kofler von Messiaens „L’Ascension“ zur Chaconne des 17.-Jahrhundert-Meisters Nicola Matteis improvisierend überleitete, dabei die Stildivergenz genial verwischend. Für einen Teil des Barockrepertoires stieg er aufs Cembalo um, das er in der figurativ-thematischen Ausgestaltung seines Parts vom dürren Generalbasslieferanten durchaus emanzipierte (inklusive einer angedeuteten Jazz-Kadenz als „Rauswurf“ bei Matteis). Als Soloplayer bei Messiaen (wo es ordentlich was auf die Ohren gab), Bachs (allenfalls etwas abgehackt phrasierter) Choralfantasie „Komm, heiliger Geist“ und der Orgelumschrift von Mendelssohns „Variations sérieuses“ stellte er dann seiner Virtuosität, seinem Stil- und Klangsinn das beste Zeugnis aus.
Oberlinger hat das auf der Blockflöte Sagbare auf bislang ungekannte Weise ausgeweitet
Auch Oberlinger ließ sich mit Soloeinlagen hören – mit Berios „Gesti“, wo sie Finger, Atem und Zunge einer Hexenmeisterin gleich auf eine je selbstverantwortliche Reise schickte, und einem Stück von Dorothée Hahne (geboren 1966), in dem sie auf zwei Flöten simultan spielte. Klar, so etwas geht ins Circensische, da werden die Ton- und Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments weit über ihre de-jure-Grenzen hinausgeführt. Was aber in ihrem Fall nichts mit selbstgenügsamem Technik-Prunk zu tun hat. Oberlinger hat das auf der Blockflöte Sagbare – dieses Verdienst kann ihr niemand mehr nehmen – mit freundlicher Attacke auf bislang durchaus ungekannte Weise ausgeweitet.
Höhepunkte des inspirierenden Abends waren freilich immer wieder die souveränen, teils (etwa in den Kadenzen eines Vivaldi-Konzerts) humoristisch angespitzten, die Optionen des instrumentalen Mit- und Gegeneinanders bis zur Neige ausschöpfenden Duo-Aktionen. Auch sie gaben Oberlinger Gelegenheit, ihre Vielseitigkeit zu beweisen: vollendet den barocken Kunstgesang zu adaptieren (in Händels „Lascia ch’io pianga“), temperamentvollen motorischen Drive zu entwickeln und koboldartig-quirlig zu brillieren. In der Zugabe ging es dann mit dem Choral „Zion hört die Wächter singen“ aus der berühmten Kantate BWV 140 noch einmal zurück in die Weihnachtszeit – obwohl die beiden Künstler in ihrem Metier zweifellos auch einen mehr als nur akzeptablen Vorgriff auf den Karneval hätten abliefern können.

