Das Gürzenich-Orchester spielte Werke von Maurice Ravel, Hector Berlioz und Nikolai Rimski-Korsakow. Zuvor würdigte OB Torsten Burmester den 150. Geburtstag von Konrad Adenauer.
Gürzenich-Orchester in der Kölner PhilharmonieFlucht aus dem Hier und Jetzt

Dirigent Riccardo Minasi bei einem Benefizkonzert in der Kölner Philharmonie 2024.
Copyright: Martina Goyert
Exotische Fernen, eine glorreiche Vergangenheit und die künstlichen Paradiese des Rausches und der Sinnlichkeit – in zwei Philharmonie-Konzerten am Wochenende widmete sich das Gürzenich-Orchester tönenden Fluchtbewegungen aus dem Hier und Jetzt. Dass dabei mit Hector Berlioz, Nikolai Rimski-Korsakow und Maurice Ravel drei Komponisten zum Zuge kamen, die als besonders raffinierte Beherrscher der orchestralen Farbpalette gelten, ist kein Zufall: Immer wieder wurde in dem üppig bemessenen Programm die bildgebende Kraft des Orchesterklangs genutzt, ganz gleich, ob es dabei um entlegene Regionen oder seelische Abgründe ging.
Die Suggestivkraft der Partituren ließ der formenden Hand des Dirigenten eigentlich nicht viel Spielraum – aber gegen diese Entmachtung setzte sich Riccardo Minasi kraftvoll zur Wehr. Unter den Händen des italienischen Maestros klang schon das Eröffnungsstück, Ravels „Le tombeau de Couperin“, ungewöhnlich rau und griffig. Wo der Komponist in sanften Pastelltönen das Bild eines idealisierten Barockzeitalters entwirft, setzte Minasi eher auf die Schwer- und Fliehkräfte des Tanzes – besonders in den auffälligen Stauungen und Beschleunigungen der „Forlane“.
Riccardo Minasi mit leidenschaftlichem Einsatz für musikalische Rhetorik
Ravel hat nur vier Sätze seiner Klaviersuite selbst orchestriert; die beiden fehlenden (Fuge und Toccata) fügte Minasi in Arrangements von Gianluca Cascioli ein, die man aber eher als Paraphrasen denn als Bearbeitungen kennzeichnen sollte. Der originale Tonsatz wird hier mit viel eitlem und überflüssigem Firlefanz behängt, der dem noblen Geist der Musik leider völlig fremd ist.
Alles zum Thema Gürzenich
- Gesundheitliche Sorgen WDR-Ikone Jean Pütz kann kaum noch sehen
- Dreikönigsempfang OB Burmester: Ehrenamt hält Köln im Innersten zusammen
- Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie Flucht aus dem Hier und Jetzt
- Jecke Premiere Madämchen-Sitzung der KG Große Bensberger eröffnet Karneval in Zentralwerkstatt
- Mit Dreigestirnslied Eikamper Jecken feiern Dreigestirn mit Prinz Robert I.
- Prinzenproklamation Denklinger Karnevalisten feiern in Gummersbach
- „Dreigestirn für alle Jecke“ Prinz, Bauer und Jungfrau erobern das Publikum der Volkssitzung im Sturm
Als Geiger und Ensembleleiter ist Riccardo Minasi aus dem Dunstkreis der historischen Aufführungspraxis hervorgegangen. Das erklärt seinen leidenschaftlichen Einsatz für die musikalische Rhetorik, sein Bemühen, gerade da klangrednerisch zu gewichten, wo andere eher auf den entspannten Fluss der Musik setzen. Entspannt geht bei Riccardo Minasi gar nichts; in dieser Hinsicht war er in Hector Berlioz’ Liederzyklus „Les nuits d’été“ („Sommernächte“) ganz im Einklang mit dem Solisten Christian Gerhaher.
Bariton Christian Gerhaher im Einklang mit dem Dirigenten
Der Münchner Bariton wechselte beständig zwischen kraftvoll durchgestützten und körperlos fahlen Tönen, zwischen kurzen Liedphrasen und weiten Strecken einer reinen Deklamation auf Tonhöhe. Das Publikum fühlte sich von der zuspitzenden Wirkung dieser Interpretation sehr angesprochen; das soll nicht verschwiegen werden. Trotzdem darf man vielleicht leise Zweifel anmelden: Wirkte die Unruhe der Darstellung nicht eher nivellierend als differenzierend, klangen die zwischen erotischem Eskapismus und nachtschwarzer Todesahnung angelegten Gesänge am Ende nicht alle irgendwie gleich?
Die Gürzenich-Musiker arbeiteten Berlioz’ ungemein wendiges und spaltfreudiges Klangprofil markant heraus. In Rimski-Korsakows „Scheherazade“ durften sie dann behaglich aus dem Vollen schöpfen: Man erlebte ein breit aufgezogenes, intensiv durchgefärbtes Panorama der orientalischen Märchenwelt, aus dem sich etliche solistische Einzelbeiträge (Violine, Flöte, Fagott) gewinnend heraushoben.

