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Martha Argerich in KölnEin Hochseilakt, in pure Lust verwandelt

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Martha Argerich mit dem Philharmonischen Orchester Cottbus spielt Robert Schumann Klavierkonzert a-Moll, op. 54.

Martha Argerich, hier in Cottbus, gastiert 2026 zwei Mal in Köln. 

Martha Argerich war an der Seite von Darío Ntaca in der Kölner Philharmonie zu Gast und zeigte, dass noch alles Große in ihr steckt.

Schon seit Jahren gibt Martha Argerich keine Klavierabende mehr. Lieber spielt sie Kammermusik mit bewährten Partnern und begabten Eleven, gastiert mit einem kleinen Repertoire an Konzerten bei internationalen Orchestern. Die geistigen und physischen Anforderungen des virtuosen Solorepertoires müsste sie zwar auch mit ihren fast 85 Lebensjahren noch nicht fürchten, aber sie möchte sich ihnen nicht mehr aussetzen – und dazu hat sie natürlich jedes Recht.

Für das Publikum scheint es ohnehin zweitrangig, was die argentinisch-schweizerische Pianistin tut; es strömt nach wie vor verlässlich in Scharen zu ihren Konzerten – wie nun in die Kölner Philharmonie, wo Martha Argerich gemeinsam mit dem gleichfalls argentinischen Pianisten und Dirigenten Darío Ntaca an zwei Klavieren zu hören war.

Martha Argerich spielte mit ihrem Landsmann Darío Ntaca im Duett

Im Zentrum des ausverkauften Meisterkonzerts standen die beiden Suiten, die der junge Sergej Rachmaninow dieser Besetzung zugedacht hat. Die 1893 entstandene erste mit ihrem etwas übertriebenen Angebot an klingelnder und rauschender Dekorationsmalerei steht noch ganz im Zeichen der slawischen Salon-Romantik; die zweite aus dem Jahre 1901 ist deutlich schärfer in den Konturen, zugespitzter in der Rhythmik und persönlicher in der musikalischen Sprache: Früher war mehr Lametta, später war mehr Substanz.

Solche Qualitätsunterschiede wurden indes hinfällig, weil das Duo beide Stücke mit unwiderstehlichem Musikantentum servierte und dabei selbst glitzernden Strass in solides Gold verwandelte. Die Aufgaben sind in beiden Suiten etwa gleich verteilt; mal hat das erste Klavier die tragende Melodie und das zweite die akkordische Umrankung, mal ist es umgekehrt. Da konnte man schon auch deutliche Unterschiede in der Künstlernatur, im musikalischen Temperament feststellen: Während Darío Ntaca sich eher an der weich fließenden Linie orientierte, suchte seine Partnerin stets nach Pointen und Impulsen, ließ aus lauernder Raubvogelhöhe jähe Akzente niedersausen.

Mit Debussys „Petite suite“ hatte der Abend harmlos begonnen

Oft setzten auch beide Instrumente einander in der mittleren Klangregion konfliktfreudig zu – so etwa im Walzer der zweiten Suite, der zudem durch die Überlagerung zweier Metren („Hemiolen“) in einen rasenden Strudel geriet. Solche Momente der Entfesselung, des pianistischen Deliriums boten die stärksten Eindrücke des Abends. Hier spürte man, dass Martha Argerich auch im vorgerückten Alter nichts von der anspringenden Vitalität früherer Jahre verloren hat, dass das Klavierspiel für sie nach wie vor ein Hochseilakt ist, der Risiko in pure Lust verwandelt.

Mit Claude Debussys „Petite suite“ hatte der Abend vergleichsweise harmlos begonnen, obwohl das Duo sich keineswegs dem schwingenden Ebenmaß der einleitenden Barkarole („En bateau“) überließ, sondern lieber für Verzögerungen und rhythmische Unwuchten sorgte. Bei diesem vierhändigen Stück saß das Duo gemeinsam am linken Flügel; Martha Argerich übernahm den Primo-Part, hatte sich aber entgegen der Konvention auch die Verfügungsgewalt über das rechte Pedal gesichert, was zu einer etwas verhakten Sitzweise nötigte.

Wiederum an zwei Klavieren erklangen die Bearbeitungen von Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ und – als zweite Zugabe – dem Mittelsatz („Fêtes“) der Trois Nocturnes. Argerich und Ntaca entfalteten diese Stücke ganz aus der pianistischen Klangpalette heraus, versuchten gar nicht erst, die delikaten Orchesterfarben zu imitieren. Das war künstlerisch nachvollziehbar, konnte im Ergebnis aber nicht so recht befriedigen – man musste schon die Originale innerlich mitlaufen lassen, um im Detail zu erfassen, worum es ging. Leichter machte es da die erste Zugabe, eine tanzbeschwingte, von sanfter Melancholie umwölkte Miniatur des argentinischen Meisters Carlos Guastavino.

Martha Argerich wird übrigens noch ein weiteres Mal in dieser Spielzeit in der Kölner Philharmonie zu erleben sein: Am 7. Juni spielt sie gemeinsam mit dem Rotterdams Philharmonisch Orkest unter Leitung von Lahav Shani eines ihrer absoluten Lieblingsstücke, das Klavierkonzert von Robert Schumann. Auch hier sind nicht mehr allzu viele Plätze frei …