Karriereschritt für Stefan BachmannFür ihn ist Wien noch schöner als Köln

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Stefan Bachmann erklärt sich als neuer Burgtheater-Direktor

Stefan Bachmann wird neuer Burgtheater-Direktor.

Es ist eine Berufung, die Karrieren von Intendanten krönt. Nach mehr als einem Jahrzehnt in Köln wechselt Stefan Bachmann nach Wien – und bringt Ideen vom Rhein mit.

Der Anruf mit der Frage, ob er schon mal daran gedacht habe, sich für das Burgtheater zu bewerben, kam, als er gerade seiner Tochter die Schuhe band. Das erzählt Stefan Bachmann am Mittwoch auf der Pressekonferenz in Wien, auf der er als neuer Direktor der wohl renommiertesten deutschsprachigen Bühne vorgestellt wird.

Nein, daran hatte der langjährige Kölner Intendant tatsächlich noch nicht gedacht. Und bat sich aus, eine Nacht über der Entscheidung zu schlafen. Am nächsten Tag sagte Bachmann zu: Ja, er habe große Lust. Und die sei von Bewerbungsrunde zu Bewerbungsrunde immer größer geworden.

Am Ende setzte sich der 56-jährige Schweizer gegen 18 Kandidaten (es waren auch Doppelspitzen im Gespräch) durch. Darunter auch der seit 2019 amtierende Direktor des Burgtheaters Martin Kušej, der am Dienstag seine Bewerbung wutschnaubend mit einer öffentlichen Verdammung der österreichischen Kulturpolitik zurückzog.

Es muss alles dafür getan werden, dass die Menschen wieder die Burg stürmen.
Stefan Bachmann, designierter Burgtheater-Direktor

Denn selbstredend ist die Bestellung der Burgtheater-Direktion im Nachbarland eine höchst politische Angelegenheit. Sie habe sich für Bachmann entschieden, so Kultur-Staatssekretärin Andrea Mayer (Grüne), weil sie überzeugt habe, „wie selbstreflektiert und selbstverständlich und mit welch uneingeschränkt positiver Energie“ er sich positioniert habe. Dann zitiert sie einen Satz aus seiner Bewerbung: „Es muss alles dafür getan werden, dass die Menschen wieder die Burg stürmen.“

Auf der Pressekonferenz vergaß Stefan Bachmann weder seine langjährige und erfolgreiche Arbeit als Regisseur am Burgtheater zu erwähnen, noch den Umstand, dass er vier Jahre in Wien gelebt hat. Dann erzählte er aber vor allem von seiner Kölner Erfahrung. Davon, wie das ist, zehn Jahre lang ein Theater ohne Schauspielhaus zu leiten.

Wie schwer die Aufgabe war, sich selbst einen Spielort zu suchen und zu einem etablierten Kulturort zu formen, Theater „auf Straßenniveau“ zu spielen, ohne Schwellen, die zu überschreiten sind, vernetzt mit der Nachbarschaft, ein jüngeres, bunteres, diverseres Publikum ansprechend. „Mein Blick auf Theater“, so Bachmann, „hat sich in dieser Zeit weiterentwickelt und auch verändert.“ Nun falle es ihm gar nicht so leicht, Abschied von Köln zu nehmen.

Nun soll, man höre und staune, der Kölner Geist ins „erhabene, fast furchteinflößende“ (sagt Bachmann) Burgtheater fließen. Das größte deutschsprachige Sprechtheater müsse Schwellen abbauen, „hemmungslos offen“ werden und stärker auf die moderne Stadtgesellschaft reagieren: „Alle Menschen sollen sich gemeint fühlen!“

Auch alte Vorwürfe gegen Bachmann werden angesprochen

Es war nicht alles reine Liebe auf der Pressekonferenz. Angesprochen auf die Vorwürfe, denen er sich vor vier Jahren wegen einer angeblich „toxischen Atmosphäre“ am Schauspiel Köln ausgesetzt sah, sprach Bachmann von einer schmerzhaften Erfahrung: „Ich habe die Vorwürfe ernst genommen, eine Mediation mit dem gesamten künstlerischen Ensemble organisiert und selbst Coachings in Führungskultur gemacht.“ Dass die Stadt Köln seinen Vertrag anschließend zweimal verlängerte, zeuge von dem Vertrauen, dass man weiterhin in ihm gesetzt habe.

Die Kölner Stadtspitze regierte am Mittwoch entsprechend versöhnlich auf den prominenten Abgang. Laut Kölns Kulturdezernent Stefan Charles sei die Wiener Entscheidung für Bachmann noch „ganz frisch“. Der Intendant habe Oberbürgermeisterin Henriette Reker und ihn selbst aber umgehend informiert. Man einigte sich darauf, den eigentlich bis zur Spielzeit 2025/26 laufenden Vertrag vorzeitig zu beenden. Allerdings habe man, so Bachmann, vereinbart, dass er die Spielzeit 23/24 in Köln zu Ende bringen, der Wechsel nach Wien erfolgt also im Fluge.

Zwar wäre es für alle schöner gewesen, wenn der Wechsel erst ein Jahr später erfolgen würde, schätzt Stefan Charles. Nun sei der Zeitrahmen etwas eng. „Aber uns ist allen bewusst, dass das Burgtheater eine allererste Adresse ist. Und es ist auch eine große Ehre für Köln, dass die ganze Theaterwelt nun auf das schaut, was Bachmann und sein Team hier geleistet haben.“ Auch OB Reker gratulierte dem Regisseur und bedankte sich für dessen langes und erfolgreiches Engagement in Köln. „Was Stefan Bachmann mit der Interimsspielstätte in Köln-Mülheim geschaffen hat, ist einzigartig und ringt mir den größten Respekt ab.“

Bleibt ein Wermutstropfen: Die weiterhin für 2024 angesetzte große Neueröffnung am Offenbachplatz, wird Bachmann nun nicht mehr erleben. Wer wohl an seiner statt ins Haus am Offenbachplatz einziehen wird?

Stefan Charles kündigt an, als Nächstes mit der OB über das Bewerbungsverfahren für Bachmanns Nachfolge zu sprechen. „Ich gehe davon aus, dass wir das zügig abwickeln.“ Auch die Nachfolgerin oder den Nachfolger des scheidenden Generalmusikdirektors François-Xavier Roth, so Charles, wolle man bereits im ersten Quartal des kommenden Jahres finden.

Wie Charles’ Wunschprofil für die Schauspiel-Intendanz aussieht? „Es muss jemand sein, der zu Köln passt. Wir brauchen eine Intendanz, die einen Blick auf die freie Szene hat, die kulturelle Teilhabe umsetzt und die Bevölkerung integriert. Wir brauchen ganz viel Offenheit.“

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