Neuer Netflix-Hit „Liebes Kind“Beklemmender Krimi mit Kölner Beteiligung

Lesezeit 3 Minuten
HANDOUT - 06.09.2023, ---: Die Schauspieler Kim Riedle als Lena (l-r), Naila Schuberth als Hannah und Sammy Schrein als Jonathan in einer Szene aus «Liebes Kind» (undatiert). Die Netflix-Serie «Liebes Kind» (Start: 7. September) beginnt dort, wo andere Stoffe ihr Happy End zu bieten haben. (zu dpa «Der Keller im Kopf: Die finstere Netflix-Serie «Liebes Kind»)

Kim Riedle als Lena (l-r), Naila Schuberth als Hannah und Sammy Schrein als Jonathan in einer Szene „Liebes Kind“

Der deutsche Sechsteiler „Liebes Kind“ führt weltweit die Netflix-Charts an. Unsere Kritik.  

Lange Zeit war „Aktenzeichen XY“ die einzige TV-Sendung aus Deutschland, deren Konzept erfolgreich ins Ausland verkauft werden konnte, in den USA zum Beispiel als „America's Most Wanted“. Seitdem gehören True Crime im Allgemeinen und Frauen, die auf dem Nachhauseweg von der Disco überfallen werden im Speziellen zu den Kernkompetenzen deutschen Fernsehschaffens.

Anfang des Jahres hatte Amazon Prime Video mit „German Crime Story: Gefesselt“ als „erster deutscher True-Crime-Serie“ reüssiert, nun legt Netflix mit dem in NRW, auch in Köln, gedrehten Sechsteiler „Liebes Kind“ nach. Hier wie dort sperren Männer Frauen in Kellern weg, um dort auf denkbar monströse Weise das unangefochtene Patriarchat wiederherzustellen. Das ist nicht schön anzuschauen, ja man fragt sich, wie bereits bei den „XY“-Einspielfilmen, warum sich das überhaupt jemand antun möchte?

In der ersten Woche hatte „Liebes Kind“ schon mehr als 10 Millionen Views

Tatsächlich sind das viele: „Liebes Kind“ führte gleich nach Erscheinen die globale Rangliste der nicht-englischen Serien in den Netflix-Charts an, war in 84 Ländern in den Top 10. In ihrer ersten Woche, meldet der Streamingdienst, habe die Miniserie bereits 10,2 Millionen Views erzielt. „Liebes Kind“ ist eine Adaption des gleichnamigen Krimis von Romy Hausmann, der sich wiederum an den Fällen Natascha Kampusch und Josef Fritzl orientiert: Eine Frau (eine äußerst eindringliche Kim Riedle) und ein 12-jähriges Mädchen können sich nach Jahren aus der Gewalt eines Entführers befreien, die Frau läuft vor ein Auto, das Mädchen bleibt bei ihr, bis der Krankenwagen kommt, einen achtjährigen Jungen müssen sie im Familienkerker zurücklassen.

In „Gefesselt“ kreist alles um den von Oliver Masucci dargestellten, charismatischen Täter, in „Liebes Kind“ bleibt dessen Identität dagegen lange im Dunkeln, präsent ist er allein als innere Stimme, die weiterhin die Handlungen seiner Opfer kommentiert, oder diese sogar befiehlt. Der gewisse „Aktenzeichen“-Schauer ergibt sich stattdessen aus Steadycam-Fahrten durchs Kellerverlies und den Rückblenden auf das Disziplinar-Martyrium der Insassen. So sehr die Serie genregemäß mit der Angstlust spielt, erzählt wird aus der Perspektive der Opfer.

Zu den Opfern gehören bei „Liebes Kind“ auch die Angehörigen und die Kommissare

Zu denen gehören nicht nur die Gefangenen, sondern ebenso die Angehörigen. Die Eltern, die immer noch hoffen, ihr entführtes Kind wiederzusehen — Justus von Dohnányi und Julika Jenkins, er aufbrausend, sie traumatisiert, beide stark — und stattdessen auf immer weitere Rätsel stoßen: Die Frau kann unmöglich ihre Tochter Lena sein, aber warum ist das Mädchen dann Lena wie aus dem Gesicht geschnitten?

Und auch Hans Löws depressiver Kommissar ist ein Opfer: Seine Ermittlungen haben 13 Jahre lang ins Nichts geführt, er hat darüber den eigenen Lebenswillen verloren. Selbst Aida Kurt (Haley Louise Jones), die nun den Fall übernommen hat, wird bald mit eigener Schuld konfrontiert.

Drehbuch und Regie teilen sich Isabel Kleefeld und Julian Pörksen, dessen Theaterstück „Wir wollen Plankton sein“ vor einigen Jahren am Schauspiel Köln Premiere hatte. Ihr Buch ist nicht frei von „Tatort“-Klischees — versteckte Waffen, Zuständigkeitsgerangel, falsche Verdächtige —, aber das sind nur die unverzichtbaren Rädchen im Getriebe, mit denen sie beschädigte Leben in Krimispannung übersetzen.

Die lädt allemal zum Binge-Watching ein, noch interessanter sind freilich andere Aspekte: Wie kann Welt entstehen, wenn man nur geschlossene Räume kennt? Wie Normalität, wenn ein Verlust zu groß ist? Wie pflanzen sich Kindheitstraumata fort, wie befreit man sich von ihnen? Ausgerechnet das Mädchen oszilliert lange zwischen Opfer- und Täterrolle, das erzeugt ein kribbeliges Unwohlsein beim Publikum, und Naila Schuberth spielt sie verstörend intensiv.

Das alles weist dann doch weit über den gewöhnlichen True-Crime-Grusel hinaus.

Nachtmodus
KStA abonnieren