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Neues Album von St. VincentAutogramme in der Strafanstalt

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St. Vincent

New York – Die texanische Gitarrenheldin Annie Clark, besser bekannt unter dem Künstlernamen St. Vincent, eröffnet den Titelsong ihres neuen, sechsten Albums „Daddy’s Home“ mit einer bemerkenswerten Vignette: „Ich schrieb Autogramme im Besucherraum, während ich auf dich wartete, Häftling Nummer 502.“

Da hat man sofort ein Bild im Kopf. Eines, das man in einem alten Mafiafilm  verorten würde: Sharon Stone in „Casino“, Michelle Pfeiffer in „Scarface“, Gena Rowlands in „Gloria“.   So hat sich Clark jedenfalls auf dem Cover stilisiert, mit blonder Perücke, die Finger schwer beringt, Pelzmantel über dem Negligé, in Sepiatönen abgelichtet.

Und so klingt diesmal auch ihre Musik, co-produziert von Jack Antonoff (Taylor Swift, The Chicks, Lana Del Rey): schmierig, funky, narkotisiert.  Wie die frühen 1970er-Jahre im vor die Hunde gehenden New York, bevor Punk den verkrusteten Dreck der Sixties wegspülte und Disco die Stadt in ein Winterwunderland aus Kokain verwandelte.

Mit Zitaten gespickt

Ein ausgeklügeltes Konzept ist exakt das, was man inzwischen von Annie Clark erwartet. 2014 präsentierte sie sich auf „St. Vincent“ als weißhaarige Führerin einer Ufo-Sekte, 2017 auf „Masseduction“ als Domina im zum Zerreißen gespannten Gummikostüm.  „Daddy’s Home“ ist ästhetisch nicht weniger elaboriert und so randvoll mit Zitaten gespickt wie ein postmoderner Roman.

Trotzdem liegt die Wahrheit diesmal an der Oberfläche. Die Szene, die sie im  Titelstück beschreibt, ist so passiert. Clark besuchte ihren Vater, der wegen betrügerischer Aktiengeschäfte zehn Jahre abzusitzen hatte. Sie beschreibt die Dissoziation, die wohl jeder spüren wird, dem ein geliebter Mensch von Staats wegen entzogen wird, zuerst mit Äußerlichkeiten. Die Tochter trägt schicke italienische Schuhe, Daddy einen grünen Sträflingsoverall. Dann wird sie direkt: „Yeah, you did some time, well, I did some time, too.“

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Jetzt, wo Papa wieder zu Hause ist, haben Metaphern, Allegorien und Rollenspiele ausgedient.  In „The Melting of the Sun“ ruft Clark ihre Vorgängerinnen wie Schutzgeister herbei: Nina Simone, Tori Amos, Joni Mitchell. Zitiert deren persönlichste Songs und bekennt: „But me, I never cried/ To tell the truth, I lied.“ Was wohl die einzige Möglichkeit ist, die Wahrheit zu sprechen, ohne mit ihr zu kokettieren.

Oder man verzichtet ganz auf Worte. Das schlafwandlerische „Live in the Dream“ sendet von Pink Floyds dunkler Seite des Mondes, bis Clark in eine kathartische Gitarrenklage ausbricht, die weniger an David Gilmour als an Eddie Hazels Erschütterungssolo erinnert, das fast die gesamte A-Seite auf Funkadelics „Maggot Brain“ einnimmt.

Die Musik der Kindheit

Sie spielt die Plattensammlung ihres Vaters. Die Musik, die sie als Kind hörte, in der verloren Zeit, bevor man die Wahl hat. Schon deswegen fühlt sich,  trotz offensichtlichster Querverweise, keine Sekunde auf „Daddy’s Home“ sentimental, nostalgisch oder ironisch an. Nicht einmal die von Sheena Eastons Hausfrauen-Schlager „9 to 5 (Morning Train)“ geborgte Melodie in „My Baby Wants a Baby“.

Zu der klagt St. Vincent nun zugleich ihre Unfähigkeit an, die Mutterrolle einzunehmen, wie den Unwillen der Gesellschaft, dies zu akzeptieren: Niemand werde eine Straße nach ihr benennen, konstatiert Clark, man werde sie nur anglotzen  und fragen: „Wo ist dein Baby?“ Nach diesem meisterlichen, tief berührenden Album wäre ich mir mit der Straße allerdings nicht mehr so sicher. St. Vincent ist zu Hause angekommen. Sie ist der Daddy.

„Daddy’s Home“ ist bei Loma Vista/Virgin erschienen.