Wolfgang Niedecken„Wir waren nicht naiv, wir wollten die Probleme friedlich lösen“

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Wolfgang Niedecken

Köln – Da kommt einiges zusammen. Nicht nur erscheint an diesem Freitag Wolfgang Niedeckens Solo-Album „Dylanreise“. Auch beginnt am Samstag mit einem ersten Warm-up-Konzert in Hannover die Tournee zum jüngsten, allerdings bereits im September 2020 erschienenen BAP-Album „Alles fließt“.

Der offizielle Tourstart ist dann am 30. März in der Lanxess-Arena, wo Wolfgang Niedeckens 70. Geburtstag nachgefeiert wird. Das ist dann zugleich sein 71. Geburtstag. Ja, die Pandemie hat viele Pläne verwirbelt.

Auf den Plakaten zu den insgesamt drei Warm-up-Konzerten steht mit sanft ironischem Akzent: „Findet statt!“. Nach all den Absagen der jüngsten Vergangenheit ist das ein legitimer Hinweis. „Es ist unvorstellbar, wie viel Planung wir in der letzten Zeit in die Tonne getreten haben“, sagt Wolfgang Niedecken im Gespräch. „Man steckt permanent in einem Dilemma: Bewirbt man ein Konzert oder lässt man es lieber bleiben.“ Für ihn steht fest: „Unser Tour-Veranstalter kriegt den Sisyphus-Orden.“

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So lange ist BAP noch nie der Bühne ferngeblieben 

Eine historisch lange Live-Pause liegt hinter der Band. „Seit drei Jahren stand BAP nicht mehr auf der Bühne – das hat es noch nie gegeben. Wir haben bisher mindestens jedes zweite Jahr gespielt. Ganz am Anfang waren wir sogar immer auf Tour und sind nur zwischendurch einmal ins Studio gegangen.“

Die Songs für die „Schließlich unendlich“-Tour stehen im Großen und Ganzen seit dem Sommer 2021 fest. Eine Aktualisierung wegen Putins Krieg in der Ukraine ist nicht vorgesehen. Die einschlägigen Titel seien sowieso schon im Programm – darunter „Absurdistan“, „Widderlich“, „Kristallnaach“ und vom neuen Album „Ruhe vorm Sturm“. Wolfgang Niedecken meint: „Es ist eigentlich alles schon da.“

Der Überfall auf die Ukraine hat den BAP-Chef ebenso entsetzt wie alle im Land. „Wir haben uns zu lange von der Hoffnung leiten lassen, dass schon nichts Schlimmes passiert. Jetzt stehen wir vor einer Situation, mit der wir – wenn wir ehrlich sind – nicht so richtig umgehen können.“ Allerdings – er findet es „sehr mutig von unserer Regierung, dass sie nicht kneift.“

„Die Rüstungsindustrie wird sich freuen“

Dass wir erneut an einer Zeitenwende stehen, macht er an den 100 Milliarden für den Wehretat fest. „Da musste ich erst einmal schlucken. Ich weiß gar nicht, was man dafür alles kaufen kann, aber die Rüstungsindustrie wird sich freuen.“  Man dürfe nun bloß nicht auf die Scharfmacher hereinfallen.

Trotzdem hält er die Rüstungs-Entscheidung für richtig: „Ich möchte nicht in die Situation kommen, dass so ein Irrer wie Putin mit uns alles machen kann, was er will. Da sitzt ein verrückt gewordener Präsident, der die Macht hat, den roten Knopf zu drücken – das ist doch Wahnsinn.“

BAP war einst ein Teil der Friedensbewegung in den frühen 80er Jahren. Da spielte die Band auf den Bonner Rheinwiesen gegen die Nachrüstung und fixierte das Ereignis in dem Song „Zehnter Juni“. War man damals zu blauäugig? „Das ist 40 Jahre her. Die Welt hat sich geändert. Man kann die Ereignisse von damals nicht mit den Maßstäben von heute messen. Wer das macht, der ist weltfremd. Darum habe ich nicht so gerne Begriffe wie »blauäugig« oder »naiv«.   Das war ja damals alles angetrieben von Werten: Wir wollten es anders machen, wir wollten die Probleme friedlich lösen. Diesen Ansatz finde ich auch heute noch ganz, ganz großartig.“

Niedecken ist sein eigenes perpetuum mobile

Durch die Fülle der Krisen – durch Pandemie, Flutkatastrophe und nun den Ukraine-Krieg – fühlen sich viele Menschen erschöpft und antriebslos. Und wie steht es um Wolfgang Niedeckens Befinden? „Gottseidank bin ich mein eigenes perpetuum mobile. Ich komme mir manchmal vor wie der Typ in den alten Comicfilmen, der über die Klippe hinausläuft – und nur wenn er runterguckt, stürzt er ab. Was die Gesamtlage betrifft: Ich habe morgens nichts Eiligeres zu tun, als die Nachrichten zu checken. Ich eigne mich überhaupt nicht zum Vogel Strauß: Kopf in den Sand, das kann ich nicht.“

Mobil war Wolfgang Niedecken also auch in den vergangenen Monaten. Was mit der Anfrage der Elbphilharmonie begann, ob er ein Dylan-Konzert geben wolle, führte zu mittlerweile 45 Konzerten. Und im Oktober geht es weiter. Eine „Dylanreise“ in kleiner Besetzung. Die zwei Kombis fahren Ehefrau Tina und der Tontechniker. Und auf der Bühne ist nur noch Mike Herting dabei (und ab und an Familienhündin Numa).

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Bob Dylan? Ja, das ist der Künstler, von dem Wolfgang Niedecken sagt, dass der sein Leben „entscheidend geprägt“ habe. Für eine TV-Produktion hat er Dylan-Orte in den USA aufgesucht und anschließend darüber ein Buch bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht. Mit dem Buch und einigen Dylan-Songs – mal im Original, mal eingekölscht – ging es dann auf Tournee. Und nun erscheint auch noch das Album zur Tournee zum Buch zum Film. Was Niedeckens Mantra bestätigt: „Es hängt alles mit allem zusammen.“

Die Achtung vor Bob Dylans Songs, auf denen schon das Album „Leopardefell“ (1995) basierte, sei durch die intensive Beschäftigung in jüngster Zeit nur noch gewachsen, sagt der Kölner Künstler. „Selbstverständlich gibt es auch bei Dylan schwächere Songs mit abgedroschenen Reimpaaren. Da denkt man dann: Ach komm, wärst du doch mal schlafen gegangen – am nächsten Morgen wäre dir was Besseres eingefallen.“ Aber das seien Ausnahmen. „Wenn ich in den Kosmos der Dylan-Songs eintauche, vor allem, wenn ich so ein Stück übersetze, dann fallen mir immer wieder neue Sachen auf. Wie das alles zusammenpasst und gar nicht anders sein darf, ist großartig.“

Dass Bob Dylans frühe Songs gerade jetzt eine neue Aufmerksamkeit erfahren, ist kaum zu überhören. Auch nicht bei der großen Kölner Friedensdemonstration am Rosenmontag. Da kam ein Dylan-Song nach dem anderen aus den Boxen: „A Hard Rain’s a gonna fall“, „Masters of War“, „Blowin’ in the Wind“, „With God on Our Side“. Wolfgang Niedeckens Eindruck: „Die Dylan-Songs waren der Soundtrack zu diesem sehr bewegenden Demonstrationszug. All das am Rosenmontag am Chlodwigplatz – das war schon surreal.“

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