Abo

Sohn von NS-Kriegsverbrecher„Unsere Vorfahren hätten ihren Kindern von ihrer Feigheit erzählen müssen“

Lesezeit 5 Minuten
Niklas Frank, Journalist, Buchautor und Sohn des Kriegsverbrechers Hans Frank.

Niklas Frank, Journalist, Buchautor und Sohn des Kriegsverbrechers Hans Frank.

Niklas Frank rechnete in mehreren Büchern mit seiner Familie ab. In seinem neuen Buch richtet sich seine Wut gegen das deutsche Volk, beziehungsweise: gegen die Scheinheiligkeit in der Erinnerung an den Holocaust.

Niklas Frank trägt in seiner Jackentasche mehrere Fotos mit sich. Eines zeigt seine kürzlich verstorbene Ehefrau. Auf einem weiteren Foto blicken ihm seine Tochter und die drei Enkelkinder entgegen. Und Niklas Frank trägt ein Schwarzweißfoto seines Vaters in seiner Jackentasche, die Augen sind geschlossen, das Genick gebrochen, der leblose Kopf ruht auf einem Kissen. Es ist das letzte Foto von Hans Frank. Der Generalgouverneur von Polen im NS-Regime wurde bei den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und im Oktober 1946 hingerichtet. 

In den 1970er Jahren, als er es erstmals entdeckte, habe ihn das Foto des Vaters mit dem kaputten Genick ein wenig mitgenommen, sagt Frank. In den nächsten Jahren guckte er sich jedoch immer öfter an. „Ich glaube, ich wollte sichergehen, dass er wirklich tot ist.“ Wenn er heute das Foto ansieht, glaubt er, den Vater hämisch lachen zu sehen. „Weil der Antisemitismus wieder anschwillt, bärenstark, und wir in die Autokratie abdriften“, sagt Frank. „Da freut er sich natürlich.“

Niklas Frank und seine Bücher: Abrechnungen mit der eigenen Familie

An seinen Vater und die frühe Kindheit in Polen hat Niklas Frank nur wenige Erinnerungen. Einmal, erzählt er, als er mit seiner Mutter mit SS-Bewachung ins Ghetto gefahren sei, zum Einkaufen, habe er vorne im Mercedes gesessen. Am Straßenrand erblickte er ein Kind, kaum älter als er selbst. Niklas Frank streckte ihm die Zunge heraus. Es reagierte nicht. 

Kurz vor der Hinrichtung sah Niklas Frank, sieben Jahre alt, den Vater zum letzten Mal, zwischen ihnen eine Fensterscheibe mit kleinen Löchern, neben dem Vater ein Wachmann. „Er sagte, wir sehen uns bald wieder und feiern in unserem Haus am Schliersee Weihnachten“, sagt Frank. „Und ich dachte nur: Warum lügt er?“

Niklas Frank, 84 Jahre alt, jüngstes Kind von Hans und Brigitte Frank, Journalist und Autor, hat in seinem Leben viele Bücher über seine Familie geschrieben. Es sind gnadenlose Abrechnungen. Mit seinem Vater, dem Kriegsverbrecher. Mit seiner Mutter, die sich während der NS-Terrorherrschaft „Königin von Polen“ nannte. Mit seinen Geschwistern, die den Vater trotz seiner Verbrechen verteidigten.

In seinem neuen Buch „Zum Ausrotten wieder bereit? Wir deutschen Antisemiten – und was uns blüht“  rechnet Niklas Frank wieder ab: mit der deutschen Erinnerungskultur, die er als „scheinheilig“ bezeichnet, mit dem Wiedererstarken rechter Parteien in Deutschland und mit dem wachsenden Antisemitismus.  Er argumentiert, wieso der Hass gegen Jüdinnen und Juden nie weg war – und warum Deutschland heute näher und näher an eine neue Diktatur heranrücke. 

„Es fehlt mir das Entsetzen über das, was hier passiert“

Man merkt schon am Titel: Niklas Frank ist kein Autor von vorsichtigen „Ja, aber“-Texten, Frank schreibt wütend, er provoziert, er schimpft und blickt pessimistisch in die Zukunft. Er schreibt von der Freiheit, die die Siegermächte Westdeutschland 1945 ermöglicht hätten und „die wir in ein paar Jahren wieder verlieren werden“. Er malt sich ein Deutschland unter AfD-Regierung aus und stülpt die Abkürzung der Partei über neue Eigennamen. „Aus für Deutschland“, schreibt Frank, „Antisemiten für Deutschland. Ausrotten für Deutschland.“

Frank spricht von einer Art tektonischen Plattenverschiebung in Deutschland, in der sich die antisemitische Platte scheinbar unaufhaltsam über die demokratische schiebe. „Wenn ich mir anschaue, wer an berühmten deutschen KünsterInnen sich nicht zu schade war, meinen Vater, bei den Alliierten unter dem Spitznamen ‚Schlächter von Polen‘ berüchtigt, mit Konzerten in Krakau und Warschau anzuschleimen, weiß ich, dass von Kulturschaffenden kein Widerstand zu erwarten ist“, schreibt Frank. 

Vor allem scheint Frank jedoch wütend, weil ihm die Wut in der Gesellschaft fehlt. Eine Wut für die Demokratie, wie er es ausdrückt. „Der Demokrat ist zu brav. Er analysiert und sagt, man müsse ja auch die andere Seite sehen, während ringsum die Dämme zur Autokratie niederreißen“, sagt Niklas Frank. „Es fehlt mir das Entsetzen über das, was hier passiert.“

„Unsere Vorfahren hätten von ihrer Feigheit erzählen müssen“

In seinem Buch zitiert er eine Studie des „World Jewish Congress“: Demnach denkt jeder fünfte erwachsene Deutsche antisemitisch. Schuld daran gibt Frank in seinem Buch auch dem Umgang mit der NS-Vergangenheit. „Alle loben Deutschland wegen unserer Denkmäler und unseres offenen Umgangs mit dem Holocaust“, sagt Frank. Zwar seien die Verbrechen des Dritten Reiches sorgfältig recherchiert und aufgeschrieben worden, 354 Denkmäler seien in Deutschland errichtet worden. Im Herzen seien die Taten jedoch nicht angekommen. 

In den Familien sei zu häufig über die Nazizeit geschwiegen worden. „Unsere Vorfahren hätten ihren Kindern von ihrer Feigheit erzählen müssen“, sagt Frank. „Die war auch notwendig, es war schließlich eine blutige Diktatur, in der ein unglaubliches Denunziantentum herrschte. Aber sie hätten auch erzählen müssen, welche Gegenstände sie aus der Wohnung ihrer jüdischen Nachbarn genommen haben, nachdem diese deportiert wurden. Sie hätten erzählen müssen, wie sie weggeschaut haben. Dann wäre es zu einer Reinigung gekommen. Aber das ist nie passiert. Und das Gift des Antisemitismus hat überlebt.“ Frank zitiert in seinem Buch den israelischen Psychologen Zvi Rex: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Nach dem Krieg hätten die Täter den Opfern Denkmäler gebaut, sagt Frank. „Aber das einzig ehrliche Denkmal wäre eine riesige Krokodilsträne, in der sich unsere Scheinheiligkeit widerspiegelt.“ 

Niklas Frank stellte ein Denkmal in seinem Garten auf

Über seine Befürchtungen über eine düstere Zukunft für das Land spricht Frank in seinem Buch mit den Menschen, die es am meisten betrifft: mit einem Rabbiner, einer Holocaust-Überlebenden und weiteren Jüdinnen und Juden in Deutschland. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich mit meinen Befürchtungen Unrecht habe“, sagt Frank. „Also war es die Idee dieses Buches, dass ich zu den Leuten gehe, die sich für die Gesellschaft engagieren und mich von meinem wütenden Ross herunterholen.“

Das 355. Denkmal für die Opfer des Holocaust hat Niklas Frank bei sich zu Hause aufstellen lassen, im Garten, in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein: Es zeigt ein schwarz-rot-gelbes Krokodil, aus dessen Auge eine riesige Träne rollt. Auf dem Sockel steht die Inschrift: „Einzig ehrliches Denkmal für die von uns* ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer. *gilt auch für Österreich“.

KStA abonnieren