Das Kölner nö theater zeigt mit „Geschichten aus der 2. Klasse“ einen herrlichen Abend über das Leiden an der Deutschen Bahn.
nö theater KölnWir sitzen alle im Zug nach Nirgendwo

Warten auf die Bahn ist wie Warten auf Godot: „Geschichten aus der 2. Klasse“ im Kölner nö theater
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Es gehört schon eine gehörige Portion Mut dazu, ein Stück über die Deutsche Bahn zu entwickeln. Stellwerke, Schieneninfrastruktur oder Weichen sind jetzt nicht gerade der Stoff, aus dem Theaterträume sind, und dann sorgt das Pleiten-, Pech- und Pannen-Unternehmen auf der Schiene selbst für jede Menge unfreiwillige Komik, so dass eine humoristische Zuspitzung auf der Bühne fast immer wie ein Zustandsbericht anmutet.
Doch das Kölner nö theater ist dafür bekannt, dass es gesellschaftliche Problemfelder in ebenso fundierte wie unterhaltsame Theaterstücke transformieren kann. Und auch bei „Geschichten aus der 2. Klasse“ enttäuscht das Ensemble um Regisseur Asim Odobašić nicht. Bevor allerdings das Bahn-Trio Julia Korst, Anne K. Müller und Asta Nechajute ihre Bühnenreise antritt, stimmt Tim Mrosek als musikalischer Stückbegleiter das Publikum in der Comedia auf den Verlauf des Abends ein.
Der Teufel trägt Nadelstreifen und ruiniert die Bahn
So heißt es erst mal „Warten auf Godot, 2. Klasse“, denn die Schauspielerin des Abends, Julia Korst, käme wegen Zugausfalls zu spät und überhaupt sei das Stück durch unplanmäßige Verspätungen der Bahn während der Probenzeiten nicht fertig geworden. Daraufhin wird das wartende Saalpublikum mit Trinkpäckchen vertröstet und mit Videos der schönsten Zugstrecken auf das Geschehen eingestimmt. Dass die Kulisse nicht an einen Bahnhof, sondern an eine verlassene Westernstadt erinnert, passt ins Bild. Hat die Deutsche Bahn doch seit ihrer Neugründung 1994 über 5400 km abgebaut und zahlreiche Bahnhöfe, vor allem im ländlichen Raum, stillgelegt.
Mit dem – fehlgeschlagenen – Ziel, die Deutsche Bahn profitabel und als Deutsche Bahn AG an die Börse zu bringen, tat sich Anfang des Jahrhunderts besonders ein Manager hervor. „Mittelfinger für Mehdorn“ hätte das Stück vom nö theater auch heißen können, denn Bahnchef Mehdorn hat während seiner Amtszeit mit radikalen Umbaumaßnahmen während seiner knapp neunjährigen Amtszeit bis 2009 maßgeblich die Weichen für das Unternehmen gestellt.
Der Teufel trägt Nadelstreifen und träumt von Renditemaximierung, statt von einem Unternehmen, das den gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt, die Infrastruktur für den Transport von Personen und Gütern möglichst flächendeckend zu gewährleisten. Am Western-Bahnhof trifft derweil die sich verspätende Schauspielerin auf einen Schäfer (Anne K. Müller), der zur Beerdigung seiner vom Zug überrollten Herde reisen möchte, und auf eine traurige Lokführerin im weißen Brautkleid (Asta Nechajute), die wegen Zugausfall zu spät zu ihrer eigenen Hochzeit kommt. Das illustre Trio begibt sich auf Entdeckungsreise in einem „Zug nach nirgendwo“, wobei hier eher Jimi Hendrix („Hear My Train A Comin‘“) statt Schlager-Barde Christian Anders den musikalischen Ton bestimmt.
Die ernüchternde Bestandsaufnahme des Ist-Zustands der Deutschen Bahn mit dem täglichen Entschuldigungs-Bingo, bei dem die strukturellen Probleme zu schicksalshaften Einzelfällen heruntergebrochen werden, wird von den Schauspielerinnen aufgegriffen und in kabarettistische Kleinode verwandelt. Wie überhaupt der ganze Abend einer Folge des ZDF‑Formats „Die Anstalt“ ähnelt, in der in Rollenspielen politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Vorgänge veranschaulicht werden. Hier auf der Bühne geschieht dies mit den begrenzten Mitteln einer Produktion der Freien Szene, wo allerdings die Not erfinderisch macht und mit jeder Menge Charme und kreativem Witz die vielen Ideen so auf die Bühne gebracht werden, dass sich das Publikum in der 2. Klasse an diesem Abend erstklassig unterhalten fühlt.
Die Vorführungen bis zum 10. Mai in der Comedia sind ausverkauft. Neue Termine sind in Planung.

