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Kommentar

Zuschauerverhalten
Warum buht eigentlich niemand mehr im Theater?

Ein Kommentar von
3 min
Puppen auf den Sitzplätzen der Theaterzuschauer als Abstand-Platzhalter während der Jahrespressekonferenz, Spielzeit 2020–2021, Schlosspark Theater, Schlossstrasse, Berlin-Steglitz-Zehlendorf, Deutschland, Europa, 31/08/2020. *** Puppets on the seats of the theatre audience as distance placeholders during the annual press conference, season 2020-2021, Schlosspark Theater, Schlossstrasse, Berlin Steglitz Zehlendorf, Germany, Europe, 31 08 2020

Trauen sich Zuschauende nicht mehr, ihren Frust vor Fremden herauszulassen, weil sie sonst als Banausen dastehen könnten?

Im Theater wird kaum noch Widerspruch laut, obwohl unsere Gesellschaft überall anderswo doch ständig empört ist.

Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder im Theater. Die Inszenierung war herausfordernd, dafür aber auch sehr gut. Dem Publikum wurde zugemutet, die meiste Zeit im Stockdunkeln zu verharren und sich drastische Szenen über die Flächenbombardierung einer Stadt im Zweiten Weltkrieg anzuhören. Das gefiel erwartungsgemäß nicht allen. Man hörte es am Schlussapplaus, den manche verweigerten. Nur Buh-Rufe, die gab es nicht. Mal wieder nicht.

Als ich vor mehr als 30 Jahren meine ersten Theaterkritiken schrieb, war das noch völlig anders. Buhrufe waren ein sozial eingeübtes Ritual. Wer was auf sich hielt, der buhte. Hört mich an, ich bin ein Mensch, der sich nicht alles bieten lässt! Inzwischen gehört das Buh zu den bedrohten Arten. Wer heute öffentlich lautstark geäußerten Dissens hören will, der muss schon in die Oper gehen, den letzten Rückzugsort bürgerlicher Empörungskultur. Und selbst dort bekommt man immer seltener ein Buh zu hören. Irgendwann einmal wird es bestenfalls noch im Bayreuther Biotop existieren, dort am Ende eines langen Abends im Festspielhaus erschallen, nachdem sich der Regie-Wüterich der Stunde an Wagners „Ring“ vergangen hat.

Die letzten Buhbürger findet man in der Oper

Aber warum regt sich eigentlich niemand mehr im Theater auf? Trauen sich die Menschen nicht mehr, ihren Frust vor Fremden herauszulassen, weil sie sonst als Banausen dastehen könnten, die mal wieder nichts verstanden haben? Vielleicht gibt es den klassischen Banausen gar nicht mehr und das Spiel von Schock auf der Bühne und Empörung im Parkett ist schlicht ausgereizt? Begreifen die letzten Kulturbürger – ebenfalls eine aussterbende Art – den samstäglichen Premierenbesuch nur noch als repräsentative Pflicht, in deren Rahmen man auch Ärgerliches höflich weglächelt, um bloß nicht aus der Rolle zu fallen?

Die scheinbare Gleichgültigkeit des Theaterpublikums ist gleich in mehrerer Hinsicht seltsam. Erstens, weil abseits der Bühnen bekanntlich die sogenannte „Outrage Culture“ herrscht, also jene Empörung, die vor allem in den sozialen Medien als Normreaktion durchgeht, weil sie in einem Aufwasch Aufmerksamkeit, Reichweite und moralische Überlegenheit generiert. Zweitens, weil sich heutzutage nicht nur in den Kommentarspalten, sondern fast überall die Menschen als Meinungsträger unversöhnlich gegenüberstehen. Außer im Theater.

Man könnte sich zurücklehnen und die Harmonie genießen. Einigkeit ist doch auch ein Wert. Aber ich fürchte, die fehlende Entrüstung ist keine gute Nachricht. Das Theater gehört seit seinen griechischen Anfängen auf die Agora, auf den Markt- und Festplatz der Stadt. Dort erstreitet eine Gemeinschaft ihre Identität. Nicht einmal für immer. Nein, sie tut das jedes Mal aufs Neue. Erschweigen kann man sich sein Selbstverständnis aber nicht. Vom ewigen Abnicken stirbt die Kunst.