Die feministische Provokateurin Peaches kehrte mit ihrem ersten Album seit elf Jahren in die Live Music Hall zurück.
Peaches in KölnWattierte Penisse und aufblasbare Gebärmutter

Sexuell andersdenkend: Peaches am 28. April 2026 in der Live Music Hall.
Copyright: Arton Krasniqi
Wie Fäuste, prahlt Peaches im sperrfeuernden Sprechgesang, würden ihre Hängebrüste zuschlagen. Dazu trägt sie eine Art Poncho aus Dutzenden schlaff-wattierter Stoffpenisse verschiedener Größen. Nur ihre Füße stecken in überdimensionierten Plüschschuhen mit roten Nippeln. „Mir gefällt der Schnitt, was hast du darunter an?“, befragt sich die Electroclash-Diva im nächsten Stück selbst.
Die Antwort folgt sogleich. Es ist ein haariges Werwolf-Kostüm und auch hier wurde das künstliche Gemächt nicht vergessen. Das ebenfalls schnell abgelegt wird, bis die Provokateurin im pinkfarbenen Plastikbikini auf einer ausklappbaren Showtreppe steht, umgarnt von zwei halbnackten Tänzern unbestimmten Geschlechts. Diesmal endet der Track im wiederholten Refrain: „Ich kann gerade nicht reden, ich hab’ den Schwanz von der Tussi im Mund.“
Ein Gleitmittel für unsere sich aufreibende Welt
Und das sind nur die ersten Minuten von Peaches Beinahe-Comeback-Konzert in der Live Music Hall. Das neue Album „No Lube So Rude“ ist ihr erstes seit elf Jahren. Das titelgebende Gleitmittel propagiert sie darauf als Allheilmittel für eine sich aufreibende Welt. Und als Unterstützung gegen die Menopause, in der Frauen – so formulierte es die 59-Jährige in einem „taz“-Interview – aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden drohten.
Die Gefahr besteht bei Peaches kaum. In den vergangenen Jahren war die Wahlberlinerin alles andere als untätig: Im Stuttgarter Staatstheater brachte sie als Hauptdarstellerin und Co-Regisseurin Brecht/Weills „Die sieben Todsünden“ auf die Bühne, für die Ausstellung „Sex Now“ im Düsseldorfer NRW-Forum bastelte sie einen Springbrunnen aus überdimensionierten Silikon-Sexspielzeugen, die sich ohne menschliches Zutun miteinander vergnügen. Vor anderthalb Jahren liefen gleich zwei Dokumentarfilme über sie im Kino: „The Teaches of Peaches“ von KHM-Absolvent Philipp Fussenegger und Judy Landkammer feierte seine Premiere auf der Berlinale, Marie Losiers „Peaches Goes Bananas“ auf den Filmfestspielen von Venedig.

Peaches begann das Konzert in einem Poncho aus Dutzenden schlaff-wattierten Stoffpenissen verschiedener Größen.
Copyright: Arton Krasniqi
In Köln konnte man sie zuletzt als Überraschungsgast ihres alten Bandkollegen Chilly Gonzales vor dem Dom bewundern – einst waren sie zusammen aus Kanada nach Berlin geflüchtet und hatten in der Hipster-Hauptstadt ihre Weltkarrieren begründet. Auf dem Roncalliplatz sang sie mit großem Einfühlungsvermögen und zarter Wucht Tina Turners Powerballade „Private Dancer“.
Am Dienstagabend muss sich die hehre Sangeskunst erst einmal hintanstellen, zugunsten unablässig drängender, vor ungebremster Libido schier berstender Club-Banger. Peaches balanciert auf dem Absperrgitter, bildet eine Chorus-Line mit humanoiden Riesen-Vaginas, lässt die freigelegten Pobacken wackeln, steppt vor einer aufblasbaren Gebärmutter und lässt sich schließlich crowdsurfend auf Händen ins hintere Drittel tragen, ohne einen einzigen Einsatz zu verpassen.
Das maximal diverse Publikum dankt es ihr mit kaum weniger großem Enthusiasmus. Es sind viele junge Fans hinzugekommen, die Peaches als Ikone einer sexuellen Dissidenz feiern, die zur Jahrtausendwende noch ein Nischendasein fristete. Aber es sind ebensoviele wiedergekommen, die bereits auf ihren ersten Auftritten – ich erinnere mich an eine orgiastische Show im Gebäude 9 – zu „Fuck the Pain Away“ getanzt und geschwitzt hatten.
Mehr als ein Vierteljahrhundert lang beschwört die Frau, die einst unter ihrem bürgerlichen Namen Merrill Nisker kanadische Kinder unterrichtete, nun schon alles, was da hängt und baumelt und Sekrete absondert. Das mag, auch in den gut anderthalb Stunden des Kölner Konzerts, gelegentlich ermüden. Aber es geht ja nicht um Zwangsvulgarismus, sondern um das Befreiungspotenzial selbstermächtigter Körper. Sie sei eine Frau, „in control of all her holes“, rappt Peaches und legt sich mächtig ins Zeug, um diese Kontrolle über die Rampe hinweg auf jede und jeden Einzelnen zu übertragen.
Zur finalen Zugabe darf die bollernde Bassdrum schweigen. Jetzt beschwört Nisker ihre innere Barbra Streisand und singt mit großer Broadway-Geste „People“ aus „Funny Girl“. Die glücklichsten Menschen der Welt, heißt es im Lied, sind diejenigen, die andere Menschen brauchen. Und als eine Gemeinschaft souveräner Körper verlassen wir die Ehrenfelder Halle.
