Der Kölner Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Göttert hat ein Buch über das lebendige römische Erbe der Stadt geschrieben.
Kölner ForscherWarum Köln bis heute eine Römerstadt geblieben ist

Der Kölner Germanist und Historiker Karl-Heinz Göttert posiert am Römisches Nordtor vor dem Dom.
Copyright: Alexander Schwaiger
Herr Göttert, an – historisch ausgerichteten – Köln-Büchern besteht wahrlich kein Mangel. Was hat Sie bewogen, mit Ihrer neuen Arbeit „Römerstadt Köln“ die einschlägige Literatur noch einmal zu bereichern?
Karl-Heinz Göttert: Es ging mir tatsächlich zentral um diesen Begriff „Römerstadt“. Dass Köln von den Römern gegründet wurde, ist bekannt und wird ja auch oft genug festgestellt. Mir ging es aber um eine Antwort auf die Frage, ob es eine geschichtliche Kontinuität über 2000 Jahre hinweg gibt, die sich als solche begründen und nachweisen lässt. Haben wir es mit einer Stadt zu tun, für die dieses Gründungserbe bis heute maßgeblich ist?
Ja, haben wir das?
Eindeutig „ja“. Römisches gibt es bis heute allenthalben im Untergrund der Stadt, das muss ich hier nicht weiter ausführen. Aber Überreste, die bei Ausgrabungen zutage kommen – Mauern, Gräber, Mosaike – sind bei weitem nicht das Einzige. Sehen Sie sich mal die Rheinfront der Stadt von Deutz her an, wie sie auf den Stichen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit immer wieder dargestellt wurde und auch heute noch imposant genug ist: Dieses steinerne Gesicht ist eindeutig römischen Ursprungs. Die Germanen auf der rechten Rheinseite sollten sehen: Das da drüben ist der Inbegriff der Zivilisation – und zwar einer wehrhaften Zivilisation, mit der man sich besser nicht anlegte. Dafür, diese Wirkung zu erzeugen, haben die Römer viel getan.
Die Germanen auf der rechten Rheinseite sollten sehen: Das da drüben ist der Inbegriff der Zivilisation – und zwar einer wehrhaften Zivilisation, mit der man sich besser nicht anlegte.
Köln gehörte ja zur Befestigungslinie des niedergermanischen Limes. Dieser Begriff taucht bei Ihnen aber kein einziges Mal auf …
Das stimmt, ich habe das weggelassen, weil ich mich eben auf die Colonia, die Stadt Köln, konzentrieren musste und wollte.
Interessant ist aber allemal, dass der Limes – der Philosoph Helmuth Plessner etwa beschrieb das in seinem einflussreichen Buch „Die verspätete Nation“ – so ungefähr die spätere Grenze zwischen dem katholischen und dem protestantischen Deutschland vorzeichnet.
Tatsächlich begründeten diese uralten römischen Grenzen immer wieder Kontinuitäten. So stieß der römische Limes genau da auf die linke Rheinseite, wo später die Grenze zwischen den Erzbistümern Köln und Trier verlief. Aber eine Erörterung all dieser Dinge hätte den verabredeten Rahmen des Buches gesprengt.
Kommen wir zurück zu Kölns römischem Erbe. In der Tat lässt sich das römische Köln im Stadtbild wie bei einem Palimpsest unter den späteren überdeckenden Lasuren geradezu „lesen“.
Ja, und teilweise ist es bis heute oberirdisch sichtbar, etwa in der römischen Stadtmauer mit noch rund 700 Metern. Aber darum ging es mir, wie gesagt, nicht zentral. Ich habe mich vielmehr gefragt: Ist die Tatsache dieser römischen Gründung auf die Strecke wirksam gewesen, auch in den zahlreichen Veränderungen und Umformungen, die die Stadt auf dem Weg zur Metropole – im Mittelalter war sie immerhin die größte Stadt nördlich der Alpen – erfahren hat? Als „heilige Stadt“ im Mittelalter, später als Wirtschafts- und Industriemetropole?
In Ihrem Buch antworten Sie auch auf diese Frage mit „ja“. Man könnte freilich spontan einwenden, dass da das Fortwirken der Gründungskonstellation mythisch überhöht und somit arg strapaziert wird. Wiegen die Brüche – im vergangenen Jahrhundert noch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges – letztlich nicht doch stärker als die Kontinuitäten?
Das kann man sicherlich so sehen, für die von Ihnen geäußerten Zweifel gibt es Gründe. Ich habe mich entschlossen, trotzdem oder eben vorrangig die besagten Kontinuitätslinien herauszustellen. Beflügelt dabei hat mich übrigens der Masterplan, den Albert Speer 2009 für ein künftiges Köln und seine Entwicklung vorlegte. Speer sagte damals: Köln ist eine 2000 Jahre alte Stadt, darauf muss man Rücksicht nehmen, das muss man heute auch zeigen. Und besonderen Wert legte er auf das Rheinpanorama – davon sprachen wir –, die Rheinfront als jene steinerne Landschaft, als welche sie bereits die römische Bebauung auswies.
War denn der römische Ursprung auch mentalitätsprägend für die Bevölkerung – und, wenn ja, wie?
Gerade, wenn es hart auf hart kam – etwa in der Franzosenzeit, als man sich gegen die Begehrlichkeiten der Eroberer wehren musste –, hat man sich immer wieder auf die römische Gründung berufen, damals allerdings auch auf Köln als die Stadt der Ubier. Und in der frühen Neuzeit gab es eine Prozession mit zwei Teilen: Die Vertreter der Stadt zogen um die mittelalterliche Mauer herum, aber der Klerus zog 14 Tage später um die römische Stadtmauer. Man wollte damit sagen: Wir sind eine alte Römerstadt, und daraus beziehen wir auch unsere Reputation.
Nun ja, da war zweifellos auch Selbstmystifizierung am Werk …
Ja, das auch, man kann alles übertreiben. Aber eben nicht nur. Sehen Sie: Es gibt sehr wohl „Stadttypen“, die sich als solche eindeutig identifizieren lassen. Es gibt Hansestädte – Köln war auch Hansestadt, aber keine typische –, es gibt Residenzstädte, und es gibt den Typus „Römerstadt“. Und das ist es, was ich an Kölns Beispiel zeigen wollte.
Kommen wir mal auf den – von Ihnen bereits erwähnten – Topos des „heiligen Köln“ als Vehikel der Selbstidentifikation. Wie verbindet sich das mit dem römischen Mythos? Denn das gründungsrömische Köln – nicht das der römischen Spätantike – war ja nun unstrittig ein heidnisches Köln?
Das ist richtig, aber Römisches und christlich konnotierte Heiligkeit verbanden sich eben miteinander. Wenn die Kölner Bürger in späteren Zeiten in Schwierigkeiten waren, haben sie sich sofort auf Rom bezogen: Köln war dann erstens römische Gründung und zweitens „die getreue Tochter Roms“ – wobei sich das antike Rom, dem die Stadt ihre Gründung verdankte, und das Zentrum der katholischen Christenheit problemlos mischten. So finden wir es jedenfalls in der Zeit des Bismarck’schen Kulturkampfes.
Köln ging bekanntlich als einzige große Reichsstadt nicht zur Reformation über. Dafür gab es zweifellos politische und wirtschaftliche Gründe, aber wahrscheinlich hatte es auch mit der werbewirksamen Selbstwahrnehmung der Stadt als „heiliges Köln“ zu tun. Oder?
Ja, es hatte damit zu tun – und war zugleich ein riesiger Fehler. Die Vertreibung der Protestanten aus Köln hat die ökonomische und politische Entwicklung der Stadt extrem behindert – bis die Protestanten nach der Franzosenzeit zurückkamen und Kölns Weg in die industrielle Moderne ebneten.
Der selbstverliebten Köln-Idee, besser wohl: Köln-Ideologie, ist ja von der frühen Neuzeit an über die Aufklärung bis hin zur Gegenwart beharrlich widersprochen worden. Ein Essay des Autors Peter O. Chotjewitz über Köln zum Beispiel ist eine einzige Schmähung, eine Schmähung der total zugekoteten, „bekackten“ Stadt. Wer hat recht?
Na ja, wahrscheinlich haben beide recht. Dass in 2000 Jahren nicht alles gut gegangen ist, liegt eigentlich auf der Hand. Es ist sinnlos, das zu leugnen. Aber der landläufigen „Köln-Besoffenheit“ habe ich mich, glaube ich, auch nicht schuldig gemacht.
Angesichts massiver Säkularisierungsschübe und migrantischer Zuwanderung kann in unseren Tagen von einem „heiligen Köln“ keine Rede mehr sein. Was das Stadtbild anbelangt: Auch der Dom sieht sich angesichts in die Höhe schießender säkularer Bebauung in seiner näheren oder weiteren Umgebung als Unesco-Weltkulturerbe bedroht. Wie geht eine Stadt damit um – mit den divergierenden Anforderungen, ein Erbe zu bewahren und zugleich allein städtebaulich den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren?
Nun ja, es gibt ja das Höhenkonzept, um das allerdings immer wieder aus aktuellem Anlass gerungen wird. Da stoßen dann die von Ihnen genannten Imperative unmittelbar zusammen. Ich gestehe aber: Ich fände es gut, wenn sich in diesem Punkt die Traditionsbewahrer durchsetzen könnten. Wer sagt denn, dass die Kölner Stadtsilhouette wie die von Frankfurt durch Wolkenkratzer definiert sein muss?
