Jarvis CockerWas der Pulp-Sänger jahrelang auf seinem Dachboden versteckt hat

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Jarvis Cocker, britischer Popstar

Köln – Jarvis Cocker entrümpelt seinen Dachboden. Gut, das mag an sich noch kein Leseanreiz für „Good Pop, Bad Pop“ sein, das Buchdebüt des Briten. Auch wenn Cocker in den 1990er Jahren der beste Popstar der Insel war. Blur oder Oasis, das war damals die Gretchenfrage des Britpops. Die korrekte Antwort lautete jedoch: Pulp, die Band aus Sheffield, die Jarvis Cocker bereits 1978 gegründet hatte, die aber erst mit den Alben „His’n’Hers“ (1994) und „Different Class“ (1995) ganz vorne in den Charts landete. 

Seitdem ist Cocker als gewitzte und versöhnliche Stimme im Popgeschäft präsent geblieben. Wer an der Welt zu verzweifeln drohte, musste nur „Jarvis Cocker’s Sunday Service“ auf BBC 6 lauschen und alles war wieder im Lot. Aber will man deshalb schon dabei sein, wenn der bekennende Alles-Sammler Cocker aus dem obersten Stockwerk eines viktorianischen Wohnhauses ans Tageslicht fördert, was Jahrzehnte lang im Dunkeln Staub ansetzte? Ein altes Wrigley’s Kaugummi, ein in Kunstharz gegossener Penny, Flohmarkt-Hemden, Plastiknippes. Allesamt im Buch abgebildet.

Vertrauen Sie mir, man will. Die Marie-Kondo-mäßige Abrechnung mit dem angehäuften Leben ist zum einen nur strukturelle Stütze, die es Cocker erlaubt, das eigene Aufwachsen nachzuzeichnen. Das ist erlaubt, wenn man als begnadeter Songschreiber zwar die kurze Form beherrscht, aber eben nicht die Beharrlichkeit des Berufsschriftstellers mitbringt. 

Pulp und Pop, das ist dasselbe

Der wichtigere Punkt ist freilich dieser: Die liebevolle und ernsthafte Beschäftigung mit den Dingen, die unsere Wegwerfgesellschaft für entbehrlich hält – Kaugummiautomatenware, die Mode von gestern, oder eben Popmusik – steht im Zentrum von Cockers Schaffen, „denn die Vorstellung, dass eine Kultur durch ihre Wegwerfartikel mehr über sich aussagt als durch ihre vermeintlich verehrten Kunstwerke, faszinierte mich“. Warum sonst hätte er seine Band „Pulp“ genannt, nach den auf Billigpapier gedruckten Western- oder Arztroman-Heftchen, die in der kulturellen Werteskala ganz unten stehen? Pulp und Pop, sagt er, seien für ihn dasselbe.

Der Name stand schon für den präpubertären Jungen fest, er ziert ein vergilbtes Schulheft, in dem Cocker auch gleich den Kleidungsstil der bis dato nur in seiner Vorstellung existierenden Band festschreibt: Ranzige Schlipse, alberne Socken, Pullis von C&A. Da hatte er noch keine Note geschrieben, ja er konnte gar keine Noten lesen und kann es bis heute nicht. Aus dem VHS-Kurs „Gitarre für Anfänger“ rettete ihn der Punk: Mit drei Akkorden und der richtigen Haltung war alles zu schaffen.

Zum Buch

Jarvis Cocker: „Good Pop, Bad Pop. Die Dinge meines Lebens“, übersetzt von  Harriet Fricke und Ingo Herzke, Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 28 Euro. E-Book: 24,99 Euro.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die Punk-Ästhetik verfestigte sich bald zu ihrer eigenen, im Grunde stockkonservativen Ideologie. Mit der räumt Cocker hier ebenso gnadenlos auf, wie mit dem eigenen Rockstar-Mythen. Auf den ersten Seiten stellt er sich selbst und die Lesenden immer wieder vor die Entscheidung, ob das just präsentierte Gerümpel nun bleiben soll, oder weg kann, was den Lesefluss ein wenig stört, doch bald übernimmt Cockers kuriose  Coming-of-Age-Geschichte und es wird klar, dass das Gerümpel für all die Kleinigkeiten und Peinlichkeiten steht, die Autobiografen sonst lieber in die Abstellkammer sperren.

Den Popstar, der einst einen salbungsvollen Auftritt von Michael Jackson im Live-TV kommentierte, in dem er auf die Bühne sprang und der Kamera seinen wackelnden Hintern hinhielt, interessieren aber gerade die Kinderzimmerträume des Pop. Das Missverstandene, Eigensinnige, schlecht Abgeguckte oder mit Mängeln behaftete.

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Das ist es, was in seinen Augen „good pop“ ausmacht: „Neue & anspruchsvolle Ideen konnten in die Mainstream-Kultur eindringen, wenn genug Menschen beschlossen, die Platten zu kaufen & sie dadurch in die Charts zu bringen. Pop konnte das Bewusstsein erweitern (& sprengen!).“ Zwei Absätze weiter bemüht Cocker sogar einen berühmten sowjetischen Filmemacher: „Dziga Vertovs Traum selbst gemachter Proletarierkunst hatte sich manifestiert. & zwar in der Plattenabteilung bei Woolworth.“ So finden Kommunismus, Kapitalismus und Basisdemokratie im Grabbelregal des Provinzkaufhauses zusammen.

Das Buch – ein weiterer Band wird hoffentlich folgen – endet mit einem spektakulären Fenstersturz des Autors und der nicht minder erschütternden Erkenntnis des Rekonvaleszenten, dass das Leben hundertmal seltsamer und interessanter ist als jede ausgedachte Geschichte, selbst im tristen Sheffield der Thatcher-Jahre. 

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