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Rautenstrauch-Joest-MuseumDie Geister der verschwundenen Objekte

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Eine Frau raucht Pfeife, ein Mann hält ein Pfeifengemälde über ihren Kopf.

„This Is a Pipe“ von Yohannes Mulat Mekonnen ist derzeit im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum zu sehen.

Im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum sind mehr als zehn Prozent der Sammlung verschollen. Eine Ausstellung über das, was fehlt. 

Auch Museen können sich nicht alles merken. Wie jedes Gedächtnis müssen sie vergessen, um sich erinnern zu können. Würde das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum seinen gesamten, in Zehntausenden zählenden Bestand ausstellen, wäre es kein Museum mehr, sondern ein bis unters Dach vollgestopfter Kramladen. Also muss es auswählen und ins Schaufenster stellen, was sich gerade ins Bewusstsein drängt.

Allerdings würde man von einem städtischen Museum schon erwarten, dass es seine ins Langzeitgedächtnis gerutschten Sammlungsteile nicht gänzlich verliert. In dieser Hinsicht wartete das RJM jetzt mit einer erstaunlichen Meldung auf: Mehr als zehn Prozent seiner Bestände gelten als verschollen. Und niemand weiß, ob sie nur verlegt wurden, im Krieg verloren gingen oder auf anderen Wegen verschwunden sind. So etwas kratzt gerade am Selbstverständnis eines Museums, das noch während der deutschen Kolonialzeit mit dem Anspruch gegründet wurde, die bedrohten Kulturschätze der „Dritten Welt“ vor außereuropäischen Gefahren zu bewahren.

Das Kölner Eingeständnis gehört zum Prolog einer Ausstellung, die der äthiopische Künstler Yohannes Mulat Mekonnen im Auftrag des RJM eingerichtet hat. Sie trägt den Titel „We are what we are not“ (dt. „Wir sind, was wir nicht sind“) und rückt die Lücken der Sammlung in ein ungewöhnlich mildes Licht. Statt sich über ethnologische Museen lustig zu machen, die sich immer noch mit dem Argument gegen die Rückgabe mutmaßlich geraubter Objekte wehren, bei ihnen seien diese wenigstens sicher, nimmt Mekonnen einen philosophischen Umweg. Auf einer Museumswand beschwört er das Vergessen als heilsame, identitätsstiftende Kraft des Lebens (und der Museen) und feiert die „schöpferischen Potenziale der Abwesenheit“. Sollte dies Sarkasmus sein, hat ihn Mekonnen in postkoloniale Watte verpackt.

Eine Kopfstütze mit Wahlscheibe und Telefonhörer

Aus der Serie „Phantom Pain“ von Yohannes Mulat Mekonnen

Aus dem Kölner Fehlbestand suchte sich Mekonnen neun Beispiele heraus, um sie in der Ausstellung durch „schöpferische Potenziale“ zu ersetzen – oder einfacher gesagt: durch Kunst. Als Abwesenheitsbeleg dient jedes Mal die Karteikarte des verschollenen Objekts, mit einer kurzen Beschreibung, Angaben zur Herkunft und kleinlauter Vermisstenanzeige. Dazu kommt etwa, im Fall eines fehlenden Holzbechers, eine Reihe von Stellvertretern, die allerdings, wie Mekonnen betont, aus ihrem Inhalt gefertigt sind – aus Kaffee, Tee, Zucker und Sesam. Kleiner konzeptioneller Schönheitsfehler: Die Becher bestehen nicht gänzlich aus ihrem Inhalt (minus der Flüssigkeit). Sie werden lediglich von den aufgeklebten Pulvern, Körnern und Blättern umhüllt.

An Provenienzrecherche sei er nicht interessiert, so Mekonnen, weil er damit nur wieder den Museen zuarbeiten würde. Stattdessen beschwört er den Geist des verlorenen Objekts, damit dieser die museale Erzählung umschreibt und durch die Sammlung spukt. Auf den Scherben eines zerbrochenen Tellers zelebriert er runde Speisen aus verschiedenen Weltregionen. Seine kulinarische Fotoserie führt vom Teigfladen über geklumpten Reis bis zum klischeehaften Ausdruck westlicher Entfremdung: eine bedruckte Hamburger-Verpackung. Eine fehlende afrikanische Tonpfeife führt direkt zu René Magritte und dessen berühmter Behauptung, eine gemalte Pfeife sei gar keine – aufbereitet und weitergeführt als Video mit Schauspielerin und Magritte-Melone.

Die westlichen Museen schaffen falsche Werte, kritisiert Mekonnen

So spielt Mekonnen das beziehungsreiche Spiel mit der Abwesenheit des Anwesenden und umgekehrt. Einer Axt gibt er ihre im Museum verloren gegangene Funktion zurück, indem er sie zeichnerisch durch die Luft schwingen und einen Baumstamm fällen lässt; für eine nicht rechtzeitig fertig gewordene Recherche zum kolonialistischen Kulturgut Salz bittet er in Spiegelschrift um Verständnis; und eine vermisste Kopfstütze ersetzt er durch neun ähnliche Kopfstützen, die er auf Ebay ersteigerte. An dieser Stelle wird Mekonnen dann immerhin im Gespräch offen institutionskritisch: Die westlichen Museen würden falsche Werte schaffen, indem sie banale Alltagsgegenstände mit der Aura des Ausstellungsstücks umhüllen. Afrikanische Kopfstützen wie die im RJM verschollene gebe es im Handel bereits für wenige Euro zu erstehen.

Als Besucher ist man eingeladen, den eigenen Kopf auf die hölzernen Stützen zu betten und über Kopfhörer erzählten Träumen zuzuhören. Als Illustration sind deren Inhalte in einer wandhohen Vitrine ausgestellt: eine aufgerichtete Kobra mit Möhren und Olivenöl, eine Schwangere mit tierischem Totenschädel im Bauch und andere Requisiten aus dem surrealen Arsenal der Kunstgeschichte. Insgesamt greift Mekonnen gerne auf den Surrealismus zurück, um aus dem kreativen Potenzial der Abwesenheit zu schöpfen. Über den afrikanischen Schlafstätten hängt eine Bilderserie, in der Mekonnen das fehlende Bruchstück einer ersteigerten Kopfstütze jeweils mit geträumten Materialien ergänzt: eine Banane, ein Telefonhörer, Hand und Fuß, Füllfeder und Papier.

Am Ende der Ausstellung hängen beleuchtete Karteikarten in einem schwarzen Raum mit leeren Wandvitrinen. Vermisst wird hier ein Spiegelfetisch, und tatsächlich geistern die Spiegelbilder der Karten durch den gläsernen Raum. Hier wird die Ausstellungsidee zum verblüffenden visuellen Ereignis, eine Erfahrung, die man ansonsten allzu oft vermisst. Die Karteikartentexte haben Mekonnen und seine Assistenten eingesprochen, und weil sie überwiegend keine deutschen Muttersprachler sind, ergibt sich beim Zuhören ein netter Verfremdungseffekt. Auch hier scheint Yohannes Mulat Mekonnen eine sanfte Irritation anzustreben. Vielleicht ist das genau der richtige Weg, denn der Missstand, den er beklagt, schreit auch so zum Himmel.


„We are what we are not“, Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstr. 29–33, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr, 7. Mai bis 30. August 2026