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Rückkehr in die alte HeimatSo emotional war die HSK-Sonderfahrt des „Finchen“ nach Frechen

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Auf dem Bild sind die historische Straßenbahn Finchen und Fahrgäste am Gleis zu sehen.

Auf Gleis zwei lief Finchen ihrer ursprünglichen Endstation ein. 1914 war sie von der Köln-Frechen-Benzelrather-Eisenbahn in Betrieb genommen worden. 

Zum ersten Mal nach zwölf Jahren fuhr die legendäre Straßenbahn wieder auf einer Zeitreise auf ihrer historischen Strecke von Köln nach Frechen. 

Finchen bei der Einfahrt in die KVB-Endhaltestelle in Benzelrath: Nach rund zwölf Jahren kehrte die historische Straßenbahn auf einer Sonderfahrt vom Kölner Neumarkt wieder einmal an ihre ursprüngliche Endstation zurück und wurde dort von einigen Liebhabern historischer Fahrzeuge begrüßt. Organisiert wurde die Ausfahrt vom Verein Historische Straßenbahn Köln.

Michael Krings wollte seine Schwiegereltern Helga und Dieter in Empfang nehmen, die Familie hatte ihnen zwei der rund 90 begehrten Tickets spendiert – sie waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Mit dem Schriftzug „Finchen Willkommen“ begrüßten Heike Marx vom Verein Historische Straßenbahn Köln und ihr Sohn Tobias Marx vom Frechener Geschichtsverein das Finchen. Es sei die einzige erhaltene, elektrische Straßenbahn ihrer Bauart mit den typischen Holzaufbauten auf einem Chassis aus der Pferdebahn-Ära, alle anderen seien in einer Aufräumaktion nach Kriegsende verbrannt worden, erläuterte Tobias Marx. Allein Finchen sei dabei in einem Lokschuppen der Köln-Frechen-Benzelrather-Eisenbahn, kurz KFB, vergessen worden. Auf der historischen Linie F verband die Bahn von 1914 bis 1967 Frechen mit der Großstadt.

Frechen: Altbürgermeister Hans-Willi Meier fuhr als Kind mit der Bahn an ausgebomten Häusern vorbei

Zum Gespräch über vergangene Zeiten hatte Tobias Marx den ehemaligen Bürgermeister Hans-Willi Meier eingeladen. Er erinnerte sich, wie er in den 1950er Jahren als Sechsjähriger etwa einmal im Monat die Straßenbahn bestiegen hatte, um mit der Mutter im DeFaKa-Kaufhaus einzukaufen – „die haben nämlich angeschrieben“. Vorbei am Millowitsch-Theater habe die Fahrt in die Flandrische Straße mit ausgebombten Häusern geführt, über den Rudolfplatz Richtung Neumarkt: „Die Bahn war damals schon klapprig.“ Für Kundschaft habe Finchen auf der damals mit Fachgeschäften gut besetzten Hauptstraße gesorgt, als es noch keine Einkaufszentren in Weiden oder Hürth gegeben habe, schilderte Meier.

Auf dem Bild ist eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Finchen bei der Fahrt durch Köln zu sehen.

Im August 1960 nahm der KVB- Fotograf Rolf Isensee Finchen bei ihrer Fahrt auf der LInie F durch Köln an der Flandrischen Straße auf. Dort endete die Linie F damals regulär.

„Ich fühle mich geschüttelt und gerührt“, spielte Ralf Schmidt auf den Martiniausspruch von James Bond an. Gerührt, angesichts der langen Historie der Bahn, durchgeschüttelt von ihrer harten Federung, beschrieb Schmidt, der schon Schriften zur Rolle der Pädsbahn, der Pferde-Straßenbahnen zur Anbindung an die Kölner Vororte veröffentlicht hat.

Bereits im Straßenbahn-Museum Thielenbruch bewundert

„Sehr schön und entspannend“ ganz im Unterschied zum täglichen Pendelverkehr mit modernen Bahnen, hatte die Kölnerin Desiree Freude an der Ausfahrt auf den Holzbänken. Vom Finchen schlichtweg begeistert sei sein dreieinhalbjähriger Sohn, schilderte Familienvater Franz Schmidt. Im Straßenbahn-Museum Thielenbruch in Dellbrück hätten sie Finchen schon bewundert.

Auf dem Bild sind Personen zu sehen, die in die historische Straßenbahn einsteigen.

Gerührt angesichts der langen Historie der Straßenbahn zeigte sich Ralf Schmidt (r.), zum ersten Mal fuhr er mit im Finchen-Zug.

„Das Fahren ist noch Arbeit“, erläuterten die Straßenbahnfahrerin Ricarda Böhme und die Straßenbahnfahrer Michael Mertner und Robin Much. Am Rad im Führerhaus müsse man ordentlich kurbeln. Gedreht im Uhrzeigersinn werde die Geschwindigkeit mittels Stromzufuhr zum Elektromotor gesteuert, gegen den Uhrzeigersinn stufenweise die Bremsen angesteuert.

Auf dem Bild sind eine Frau und zwei Männer zu sehen, die das Finchen fahren.

Mit viel Gefühl fahren die Straßenbahnfahrerin Ricarda Böhme und die Straßenbahnfahrer Robin Much und Michael Mertner (v.l.n.r.) heutzutage das Finchen.

Zusätzlich streue man mit einem Hebel Sand auf die Schienen, zur verbesserten Reibung der Räder beim Bremsen. Ein Tachometer suche man vergebens. „Ein paar hunderttausend Kilometer Erfahrung“ in modernen Bahnen der KVB empfahlen die Fahrer, ehe man sich zutrauen könne, die alte, etwas untermotorisierte Dame zu fahren, nämlich nach Gefühl buchstäblich „mit dem Popo“.