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Kurzfilmtage OberhausenDas läuft aus Köln beim Festival

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Peter Schneider als „Kerl“ in der KHM-Produktion „Beneath the Night“ 

Kölner Filme bei den Kurzfilmtagen: Vom Leben im KVB-Tunnel bis zu den erotischen Träumen eines Autonarren. 

Seine Schicht ist die Nacht, und sein Revier ist die Kölner Unterwelt. Für seine Kollegen (und vielleicht auch für sich selbst) ist der KVB-Fahrer einfach nur der „Kerl“, und man fragt sich, wann er zwischen U-Bahn-Tunneln, Bahnhöfen und Kneipe das Tageslicht erblickt. Vermutlich ist er Straßenbahnfahrer geworden, weil man vorn in der Kabine seine Ruhe hat – vor der Welt und ihren neugierigen Blicken.

Mit der Ruhe ist es vorbei, als der Kerl für eine Werbekampagne der Kölner Verkehrsbetriebe, die in Maximilian Karakatsanis' Kurzfilm selbstredend nicht so heißen, fotografiert wird und die KVB tatsächlich sein Gesicht in den Bahnhöfen plakatiert. Seine Kollegen feiern den schüchternen Mann, dessen Haare ergrünt statt ergraut sind, dafür beim Feierabendbier, und fortan schaut sich der Kerl ängstlich um, wenn er sich auf dem Arbeitsweg selbst begegnet. „Ich hab’ halt eine bekloppte Frisur“, beruhigt er sich. Doch die Frage, warum sie ausgerechnet ihn genommen haben, lässt ihn nicht los. „Bist halt ein Guter“, sagt die Frau hinter dem Tresen und schaut ihn an, als habe sie ihm das schon immer gestehen wollen. „Niemand ist einfach so gut“, wehrt er ab. Und doch dämmert ihm, dass sie vielleicht recht haben könnte. Und während er noch grübelt, trägt ihn die Straßenbahn in den Morgen hinein.

Die Kurzfilmtage sind das wichtigste Schaufenster der Kölner KHM

Mehr Kölner Lokalkolorit als in Karakatsanis' „Beneath the Night“ gibt es auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen dieses Jahr nicht zu sehen, dabei gehört das einzige NRW-Filmfestival von Weltrang zu den wichtigsten Schaufenstern der Kölner Kunsthochschule für Medien. Auch die KHM-Produktion „Beneath the Night“ ist nicht gerade kölnbesoffen. Man sieht wenig von der Stadt, und der „Kerl“ wird von Peter Schneider gespielt, einem Darsteller, den man aus den Filmen von Andreas Dresen oder aus dem Hallenser „Polizeiruf“ kennt. Offenbar sucht Karakatsanis nach etwas Archetypischem in seiner Figur – und findet es auf beglückende Weise im kalten Grau der Kölner Nacht.

Die beiden anderen KHM-Kurzfilme, die ab 29. April in Oberhausen gezeigt werden, sind eher internationale Produktionen – und treffen damit gleichermaßen den Anspruch von Festival und Kunsthochschule. „Eine Tochter und zehn Söhne“, ein Dokumentarfilm von Finn Ole Weigt und Paula Milena Weise, spielt in Kirgisistan und begleitet zwei beste Freundinnen bei einer Abschiedsrunde durch ihre Heimatstadt. Eine der beiden hat in der staatlichen Lotterie eine Greencard für die USA gewonnen, und so klappern sie noch einmal gemeinsam die Orte ihrer Jugend ab. Einem westlichen Beobachter erscheinen diese wie Ansichtskarten postsowjetischer Schwermut – auch die etwas klägliche Probe zu einer Parade darf dabei nicht fehlen.

Brühler Boxer unter sich: „Knockout Dreams“

Miri Klischats „Garden of Edie“ ist hingegen ein langer Brief, den eine Frau an ihr jüngeres Ich schickt – als überwiegend mit Standbildern unterlegter innerer Monolog. Der Filmtitel führt in die paradiesische Irre, denn Edie verdingt sich als Sexarbeiterin, findet dadurch aber immerhin die Zeit, die sie zum Schreiben braucht. Der monoton vorgetragene Text entwickelt einen angenehmen Sog, aber vielleicht nimmt Klischat das Etikett „Essayfilm“ doch etwas zu wörtlich.

Gleich zweimal widmen sich die Kurzfilmtage der „Kölner Gruppe“, einer verschworenen Filmgemeinschaft um den im letzten Jahr verstorbenen Bernhard Marsch. Ausgerechnet die Hommage an Marsch verzichtet allerdings auf alles Kölnische. Stattdessen ist in Oberhausen eine Auswahl von Filmen des Münchner Regisseurs Marran Gosov zu sehen, dessen Werke Marsch zu Lebzeiten verehrte. Eine schöne Geste, die vermutlich ganz im Sinne des Geehrten ist. Aber auch eher etwas für Eingeweihte.

Hommage an Kai Maria Steinkühler, Galionsfigur der „Kölner Gruppe“

Das Gleiche lässt sich über „Kommunist Kar Kommandos“ sagen, eine herrliche Kapriole, mit der Markus Mischkowski und Christos Dassios an Kai Maria Steinkühler, eine verstorbene Galionsfigur der „Kölner Gruppe“, erinnern. Ihr Film stellt Kenneth Angers Klassiker „Kustom Kar Kommandos“ (1965) Bild für Bild nach, nur dass Anger der jugendlichen Hot-Rod-Subkultur und deren erotischem Verhältnis zu aufgemotzten Oldtimern huldigte, während die verführte Kamera bei Mischkowski/Dassios über das heiße Blech eines Wartburgs streicht. Auch sonst ist alles auf westdeutsche Ostalgie getrimmt: Die Farben sind weniger bonbonbunt, der Fahrer ist deutlich gealtert, und der Evergreen „Dream Lover“ wird in der falschen Sprache gesungen.

Einen galligen Bogen um Köln schlagen Marie Gavois und Michel Klöfkorn in „Borderland“. Sie beginnen ihre Reise mitsamt Kind in Düsseldorf, wo sie Wasser aus dem Rhein schöpfen, um die Haushaltseimer in den Gruben des Garzweiler-Tagebaus auszuleeren. Dazu rechnen sie vor, dass sie 12,5 Milliarden Mal hin und herlaufen müssten, wollten sie die geplante Verwandlung Garzweilers in eine Seenlandschaft zu Fuß erledigen, und dass dies 142.000 Jahre dauern würde. „Joseph Beuys fürs Frühstücksfernsehen“ nennen sie ihre Aktion, mit der sich der Wahnsinn des Tagebaus hübsch illustrieren lässt. Eine etwas unvermittelte Wendung führt Gavois und Klöfkorn zur NS-Ordensburg Vogelsang, wo sie sich fragen, ob das alte Nazi-Zeugs hier vor allem erhalten und ausgestellt wird, damit es demnächst wieder aufgetragen werden kann?

Nach Brühl führt schließlich Andreas Birkenheiers „Knockout Dreams“, ein schöner Dokumentarfilm über den 13-jährigen Ilias, der sich im Boxverein Olympia Vochem den Mut zum Teenagerdasein antrainiert. Der eher schmächtige Junge wird in der Schule gemobbt, und auch unter seinen Mitboxern wirkt er wie allein unter großen Brüdern. Aber der Zusammenhalt funktioniert, und die Freude nach dem ersten gewonnenen Boxkampf erscheint wie eine Erlösung. Zur Belohnung geht es in der Gruppe auf die Deutzer Kirmes. Vom Stadtrand aus gesehen kommt Köln einer Verheißung erstaunlich nah.


Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 28. April bis 3. Mai 2026