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InterviewJürgen Resch: „Rhein-Erft-Kreis kann zur grünen Lunge werden“

3 min
Zu sehen ist Jürgen Resch.

Jürgen Resch stellt seine Arbeit in Kerpen vor und diskutiert mit dem Publikum.

Der Umwelt- und Verbraucherschützer Jürgen Resch kommt nach Kerpen. Im Interview berichtet er von seiner Arbeit.

Saubere Luft – das zu erreichen, war und ist für Jürgen Resch das wichtigste Ziel. Seit seiner Jugend engagiert sich der Baden-Württemberger für Umwelt- und Verbraucherschutz, seit fast 40 Jahren ist er das „Gesicht“ der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Am kommenden Mittwoch erzählt Resch in Kerpen von Erfolgen wie Umweltzonen oder Dosenpfand und diskutiert mit dem Publikum. Beate Schwarz sprach mit ihm über Kohleausstieg, Verpackungssteuer und wie wichtig Umweltschutz den Menschen noch ist.

Herr Resch, Sie und die Deutsche Umwelthilfe haben Vieles gerichtlich erstritten. Das ist mühsam. Sind Sie ein optimistischer Mensch?

Ja, sonst könnte ich nicht so lange tätig sein. Und der Optimismus ist ja auch begründet.

Was sind die größten Erfolge Ihrer Arbeit?

Erst einmal: Erfolge sind nie eine alleinige Leistung. Dafür braucht es Partner und Allianzen – und natürlich viele Unterstützerinnen und Unterstützer. Die Deutsche Umwelthilfe hat über 500.000 Unterstützer. Am wichtigsten ist für mich, und das betrifft ja auch den Rhein-Erft-Kreis, der Einsatz für saubere Luft. Am Anfang waren es die Großfeuerungsanlagen, in denen Braunkohle verbrannt wurde. Wir haben unter anderem mit Waldschadenskarten gezeigt, welche Folgen es hatte, dass es nicht einmal eine Rauchgaswäsche gab. Später haben wir uns zum Beispiel auf die Verbrennungsmotoren konzentriert. Die Einführung von Umweltzonen und von Fahrverboten für bestimmte Dieselfahrzeuge etwa in Köln oder Düsseldorf waren wichtige Schritte für saubere Luft.

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Die DUH liegt mit der Autoindustrie vor allem wegen der Diesel-Pkw im Clinch.

Ja, eine Vielzahl der Dieselfahrzeuge hat einen deutlich höheren Schadstoffausstoß als erlaubt. Das haben wir mit eigenen Messungen nachgewiesen. Die Bundesregierung lässt die Hersteller aber seit Jahren gewähren. Die Grenzwerte sind ohnehin lax. Verbrenner, die über den Grenzwerten liegen, schädigen die Umwelt jährlich zusätzlich mit Millionen Tonnen Klimagasemissionen. Sie sind verantwortlich für tausendfachen Tod – jedes Jahr.

Im Untertitel Ihres Buchs unterstellen Sie Politik und Wirtschaft, wissentlich Umwelt und Klima zu schädigen. Ein scharfer Vorwurf.

Es wird Politik für die ölverarbeitende und die Gasindustrie gemacht. Für kurzfristige Renditen wird die Zukunft ganzer Branchen riskiert. Ein Beispiel: In Spanien sind 98 Prozent der Haushalte an Smart Meter angeschlossen, eine Voraussetzung für die Nutzung dynamischer Stromtarife und erneuerbarer Energien. In Deutschland wird der Einbau von Smart Metern systematisch durch extrem komplexe Vorschriften verhindert.

Vor dem Bundesverwaltungsgericht hat die DUH durchgesetzt, dass die Bundesregierung das Klimaschutzprogramm ergänzen muss, damit das Klimaziel 2030 erreicht wird. Anfang Mai haben Sie einen Vollstreckungsantrag gestellt. Haben Sie kein Vertrauen, dass die Regierung das Urteil umsetzt?

Der Weg durch die Instanzen bedeutete bereits fünf verlorene Jahre für den Klimaschutz. Dass die jetzt vorgelegten Maßnahmen nicht ausreichen, hat selbst der Expertenrat der Bundesregierung bestätigt. Mit einem Tempolimit auf Autobahnen oder der energetischen Sanierung öffentlicher Gebäude wäre viel zu erreichen. Man muss Druck machen.

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Sie fordern auch die Bürgerinnen und Bürger auf, Druck zu machen für den Umwelt- und Klimaschutz. Gibt es daran überhaupt Interesse? Die Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen sinken jedenfalls.

Umweltschutz muss das direkte Lebensumfeld betreffen. Wenn Sie die Menschen fragen, ob Schulhöfe in ihrer Gemeinde weniger Asphalt und mehr Grün haben sollen, bekommen Sie immer ein Ja. Die Menschen wollen saubere Luft, gutes Klima in der Stadt, mehr ÖPNV. Auch für ein Tempolimit auf Autobahnen gibt es eine Mehrheit in Deutschland. Umwelt- und Klimaschutz vor Ort ist den Menschen wichtiger als früher. Ich ermutige daher alle, sich für eine lebendige und lebenswerte Gemeinde einzusetzen.

Die DUH ist eine Vorkämpferin für die Verpackungssteuer. Viele Kommunen, im Rhein-Erft-Kreis zum Beispiel Brühl, lehnen sie ab. Was sind Ihre Pro-Argumente?

Die Verpackungssteuer sorgt für weniger Vermüllung und stärkt die Mehrwegquote. Das Beispiel von Tübingen, das 2022 als erste Stadt eine Verpackungssteuer eingeführt hat, belegt das. McDonald’s hatte Tübingen bis zum Verfassungsgericht verklagt – und verloren. Angesichts von zunehmender Rohstoffknappheit ist es vernünftig, Kreisläufe zu schaffen. Denn beim Recycling geht viel verloren, oft werden die Behälter verbrannt. Das Mehrwegsystem ist in Deutschland weniger erfolgreich als geplant. Bei bepfandeten Getränkeverpackungen liegen wir immerhin bei rund 42 Prozent Mehrwegquote, bei Bier sind es über 70 Prozent. Wir begrüßen es sehr, dass die Europäische Union europaweit Mehrwegquoten festlegen will.

Wie blicken Sie als Umweltschützer auf den Rhein-Erft-Kreis?

Er ist ein Symbol und ein Labor für die Energiewende. Es ist eine riesige Chance, mit dem absehbaren Ende des klimaschädlichsten Energieträgers Braunkohle zu zeigen, wie man in der Fläche Zukunftsarbeitsplätze schaffen und ein angenehmes Leben sicherstellen kann. Ich würde mich freuen, wenn die vielen bürgerschaftlichen Initiativen im Kreis sich einbringen könnten. Der Rhein-Erft-Kreis kann zur grünen Lunge und zum Vorbild für ganz Deutschland werden.