Der Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden zeigt zentrale Werke von Rebecca Horn im faszinierenden Dialog mit der Natur.
Rebecca Horn in WuppertalGoldene Pumps und ein explodierender Konzertflügel

Rebecca Horns „El Calvario“ (1997) im Skulpturenpark Waldfrieden
Copyright: VG Bild-Kunst Bonn 2026/ Foto: Attilio Maranzano
Immer mal wieder fällt die Stadt Wuppertal den Lifestyle-, Reise- und Kunst-Kennern als verkannte Perle auf und wird dann sogleich als Geheimtipp oder sogar als „das neue Berlin“ gehypt. Wahr ist, dass Wuppertal wie so viele Städte in den Ballungsräumen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes die Brüche seiner Geschichte und die Ambivalenz der Gegenwart ungeschminkt präsentiert: arm und reich, abgerockt und großbürgerlich, postindustriell und idyllisch.
Ungebrochen ist Wuppertals Anziehungskraft für eigenwillige Künstlerinnen und Künstler. Nach der Tanz-Ikone Pina Bausch ist es heute vor allem der britische Bildhauer Tony Cragg, der seit 1977 in Wuppertal lebt und 2008 in Eigenregie und mit so furchtlosem wie generösem Engagement seinen Skulpturenpark am Hang des Hesselnberges eröffnete. Derzeit präsentiert der Park etwa 65 Skulpturen, davon 26 von Tony Cragg selbst. Als Träger der Aktivitäten fungiert die gemeinnützige Cragg Foundation, die für die Bespielung des Parks Skulpturen entweder zeitweise leiht, aber meistens ankauft, sowie die ambitionierten Wechsel-Ausstellungen in den mittlerweile drei Ausstellungshallen, sowie ein umfangreiches Rahmenprogramm organisiert.
Tony Cragg muss sich nicht den üblichen Erklärzwängen beugen
So ungewöhnlich wie der Ort ist die Präsentation: Der Skulpturenpark Waldfrieden ist alles andere als barrierefrei, schon die Anreise mit Öffis beschert einen steilen Aufstieg, und auch im Park selbst sind Kondition und festes Schuhwerk gefragt. Und da es ein privates Museum ist, muss Tony Cragg sich auch nicht den Usancen der üblichen Erklär-Zwänge beugen, denn außer diskret angebrachten Schildchen gibt es für das wandernde Publikum keinerlei Didaktik, geschweige denn den wolkigen Jargon überambitionierter Kuratoren-Lyrik zu verarbeiten.
Und wenn Cragg höchstselbst durch sein stilles, bewusst nicht multimedial hochgerüstetes Reich führt, hält er wenig von bevormundenden Erklärungen. Wie nun bei der ersten Begehung der Ausstellung „Emotion in Motion“ mit einer konzentrierten Retrospektive auf das Werk der 2024 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Rebecca Horn, die sich über alle drei Ausstellungshallen im weitläufigen Gelände erstreckt. Die gezeigten Werke entstanden in den 1980er- und 2010er-Jahren, darunter großformatige Installationen und kinetische Skulpturen.

Rebecca Horns „Concert for Anarchy“ (2006) in Wuppertal
Copyright: VG Bild-Kunst Bonn 2026/ Rebecca Horn Estate/ Foto: Michael Richter
Horns Werke bedürfen keiner großen Vorstellung, sie sind präsent in musealen Sammlungen, auch und gerade in NRW, wo ihr vor neun Jahren im Duisburger Lehmbruck Museum eine große Ausstellung gewidmet war. Im vorigen Jahr war ihre Großinstallation „The Universe in a Pearl“ in einer Kirche im sächsischen Lößnitz der Clou des „Purple Path“ im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs 2025 in Chemnitz, und vor zwei Jahren richtete das Münchener Haus der Kunst ihr noch zu Lebzeiten eine große und fulminant bestückte Schau aus.
Damit kann und will Wuppertal nicht konkurrieren, zumal hier nur 14 Arbeiten gezeigt werden. Die aber haben es in sich. Denn sie entwickeln in den puristischen Hallen, umgeben vom vorfrühlingshaften Bergpanorama, eine gesteigerte Vitalität und atmende Präsenz. In den gläsernen Pavillons entsteht eine sacht bewegte und bewegende Dynamik, die sich im Dialog mit der draußen zaghaft erwachenden Natur entfaltet. „Das ist etwas ganz anderes als in einem White Cube“, gibt Cragg zu bedenken.
Die obere, elliptisch geformte Glashalle, die vorbei an Horns Objekten einen grandiosen Blick ins Tal gestattet, ist dominiert von der Arbeit „Turm der Namenlosen“ von 1994, einst errichtet in einem Wiener Treppenhaus als Reaktion auf den Jugoslawien-Krieg. Historische Obstleitern türmen sich zu einer steilen Installation, auf der Horn Geigen montiert hat, deren Bögen elektronisch gesteuert über eine Mechanik fragmentarische Tonfolgen anspielen, heiser, kratzend, wie eine traurige, verlangsamte Erinnerung an fröhliche Tänze. Horn verwies damit auf die Geflüchteten, die in Wien damals als Straßenmusiker ums Überleben kämpften.
Rebecca Horns Installation „Concert of Anarchy“ ist eine Ikone ihrer Kunst
Ungleich spektakulärer und längst ikonisch ist in der mittleren Halle die Installation „Concert of Anarchy“ von 2006, die einen kopfüber von der Decke hängenden Konzertflügel geräuschvoll dekonstruiert, indem sie die Tasten mithilfe pneumatischer Zylinder in regelmäßigen Abständen ruckartig aus dem Instrument herausfahren lässt, als wollten sie zu Boden stürzen, während die Saiten im Corpus des Instruments auf den Sturz mit einer kreischenden Kakofonie antworten. Sind die Klänge verhallt, ziehen sich die bleckenden Tasten langsam wieder in den Corpus zurück, als wäre nichts geschehen. Bevor sich der verstörende Sturz der Tasten wiederholt. Immer und immer wieder.
Den denkbar größten Kontrast dazu liefert im gleichen Saal die späte und gänzlich geräuschlose Arbeit „Hauchkörper“ von 2017: Spitz zulaufende, überlebensgroße Messingstäbe ragen aus einer Stahlplinthe empor und wiegen sich in sanftem Rhythmus in verschiedene Richtungen, aufeinander zu und voneinander weg, als würden sie sich gegenseitig anziehen und dann wieder abstoßen. Die Schwingungen sind minimal, kaum wahrnehmbar, die Metallspitzen erinnern an wogendes Getreide, wirken zugleich aber ungemein wehrhaft.
In der unteren Halle schließlich hat die „Malmaschine“ von 1999 in rhythmischer Bewegung mit schwarzer Tinte ein gestisches Bild auf weißer Wand erzeugt, während vor verglastem Ausblick der „Kuss des Rhinozeros“ von 1989 zwei Metallbögen langsam aufeinander zubewegt, an deren Enden sich Nashornspitzen befinden, die bei der Berührung zischende Lichtblitze erzeugen. Eine kinetische Skulptur, die über das Spannungsfeld zwischen Aggression und Zärtlichkeit nachdenkt und dabei auf der Rasierklinge der typisch Horn’schen Poesie balanciert: immer mehrdeutig, oft surreal, auch ironisch und immer von beunruhigender Ambivalenz, die um die Gewalt als Kehrseite der Schönheit weiß.
„Rebecca Horn – Emotion in Motion“, Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstr. 12., Wuppertal, Di.–So. 11–18 Uhr, bis 30. August 2026

