Das Museum Ludwig in Köln widmet der Jahrhundertkünstlerin Yayoi Kusama eine Ausstellung zwischen Jahrmarkt und Erlösung.
Yayoi Kusama in KölnAus dem Höllenschlund zum unendlichen Spaß

Besucher in der Ausstellung „Yayoi Kusama“ im Kölner Museum Ludwig
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Ach, wie herrlich ist es, jung, talentiert und erfolgreich zu sein. Yayoi Kusama war lediglich 22 Jahre alt, als sie die erste große Ausstellung ihrer Kunst erlebte, mit rund 200 Zeichnungen und Gemälden. Später hat sie das meiste davon verbrannt, weshalb wir nur ahnen können, wie typisch der Höllenschlund war, der uns jetzt im Museum Ludwig entgegengähnt. Er besteht aus braunen, mit schwarzen Ringen gemusterten Tentakeln, die den Betrachter wie eine Welle zu verschlingen drohen. Am Horizont öffnet sich der Wirbel in eine leere Landschaft, die zwei dürre Sträucher bewohnen. Kusama nannte das Bild „Anhäufung der Leichen (Gefangener, umgeben vom Vorhang der Entpersönlichung)“. Bei seiner Premiere wurde es unter einem etwas erheiternden Titel präsentiert.
Zwischen diesem gemalten „Erlebnisraum“ aus dem Jahr 1950 und den begehbaren Spiegelkabinetten, für die Kusama mittlerweile berühmt ist, liegen Welten – und vor allem liegt zwischen diesen Welten ein Leben in Gefangenschaft. Die Weltangst der frühen Jahre blieb eine ständige Begleiterin der heute 94-Jährigen, eine Angst, der alles Unbeschwerte ihres Werks abgerungen werden musste. Steht man vor dem fröhlich gepunkteten Riesenkürbis im Ludwig-Foyer, springt einen diese Erkenntnis nicht gerade an. Aber beim Gang durch die Ausstellung wird man beständig an sie erinnert.
Im Grunde ist Kusamas Werk eine lange Selbsttherapie
Im Grunde ist Kusamas Werk eine lange Selbsttherapie, die aus dem Höllenschlund der Angst in die vollverspiegelten Heilräume ihres Spätwerks führt. Aus Furcht, sich aufzulösen, mit der Unendlichkeit verschmelzen: Das ist Kusamas paradoxe Medizin, in der die abstrakte Kunst auf einzigartige Weise zur Jahrmarkts-Attraktion mutiert – und umgekehrt. Auch das altehrwürdige Museum Ludwig verwandelt seinen „Heldenraum“ für dieses säkulare Wunder in einen gelb gepunkteten Rummelplatz, durch den tentakelartige Schläuche schießen, als seien es Märchenranken. Im Inneren der vollverkleideten Kusama-Höhle steht ein Spiegelkabinett, in dem sich alle Besucher ins Unendliche vervielfältigt sehen. In den Fangarmen pulsiert das Licht, während man mit kindlicher Begeisterung entdeckt, was man schon weiß: Unter den eigenen Füßen spiegelt sich die Welt ins Bodenlose und über einem wölbt sich das unendliche Firmament.
Den Aufwand, den das Museum für diesen Einbau trieb, nennt Stephan Diederich, Kurator der Ausstellung, mit freundlicher Untertreibung „sportlich“. Olympiareif scheint auch die Finanzierung der Schau gewesen zu sein, jedenfalls konzentrierte sich Ludwig-Direktor Yilmaz Dziewior in seinem Vortrag an die Presse weitgehend auf den Dank an die Sponsoren. Ohne deren Zuwendungen, so Dziewior, gäbe es diese Ausstellung nicht, mit der sich das Museum offenbar selbst zum 50. Geburtstag beschenkt. Vor fünf Jahren musste das Ludwig eine geplante Kusama-Schau wegen der Corona-Pandemie ausfallen lassen. Jetzt holt es das Versäumte in Kooperation mit der Fondation Beyeler und dem Stedelijk-Museum nach.
Einen Sonderapplaus forderte Dziewior erfolgreich für die Stadt Köln ein, weil diese verstanden habe, dass man zum Ludwig-Jubiläum etwas Besonderes machen und finanzieren müsse. Allerdings erwartet Kulturdezernent Stefan Charles dafür auch einen Blockbuster. Das Museum plane mit mindestens 300.000 Besuchern, verriet er, und das sei noch konservativ geschätzt. Charles hofft, dass die Selfies aus Kusamas Unendlichkeits-Räumen um die Welt gehen, um für Köln zu werben. Am Ende heilt Kusamas Kunst vielleicht nicht die kranke Welt. Aber nach dem Motto „Geld ausgeben, um Geld zu verdienen“ immerhin den städtischen Kulturetat.

Riesenblumen von Yayoi Kusama auf der Dachterrasse des Museum Ludwig
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Anders als die Stadt konnte Stephan Diederich für seine Kusama-Schau aus dem Vollen schöpfen. Sie beginnt mit einigen Kindheitswerken, auf denen schon die ersten Punkte zirkulieren, zeigt ausgesuchte, noch recht konventionelle Studienarbeiten und breitet anschließend die surrealistische Frühphase Kusamas aus. Hier finden sich bereits die zellartigen Strukturen, aus denen Kusama ihre klassischen Motive entwickelte: aus Malkringeln gebildete Netze, die sich über riesige Leinwände spannen.
Mit diesen abstrakten Bildern wurde die nach New York ausgewanderte Japanerin Ende der 1950er Jahre in ihrer Wahlheimat schlagartig berühmt. In Köln sind neben diesen von Hand gemalten „Infinity-Nets“ einige „Anhäufungen“ zu sehen, auf denen Kusama ihre spröde Wiederholung des Immergleichen poppig werden lässt. Statt selbst zu kringeln, klebt sie hier unzählige kleine Papieraufkleber auf die Leinwand und in „Accumulation of Letters“ sogar ihren eigenen, tausendfach wiederkehrenden Namen. Raffinierter hätte sich selbst Andy Warhol nicht als Kunst vermarkten können.

Yayoi Kusama 2017 bei der Arbeit an „My Eternal Soul“ (2009–2021)
Copyright: Yayoi Kusama
Mit den Helden der Pop-Art verband Kusama eine Hassliebe. Als sie um 1962 begann, Möbel mit ausgestopften Stoff-Phalli zu drapieren, konnte man diese neben Arbeiten von Warhol und Claes Oldenburg sehen. Sie gehörte zur Speerspitze der Bewegung, fühlte sich aber nicht ausreichend gewürdigt, gegenüber den männlichen Künstlern benachteiligt und von diesen gelegentlich regelrecht bestohlen. Oldenburg habe erst nach ihrer gemeinsamen Ausstellung angefangen, weiche Stoffskulpturen zu produzieren, schreibt Kusama in ihrer Autobiografie, und Warhols berühmte Kuhtapete sei ein direktes Zitat ihrer im Jahr zuvor gezeigten „Tausend Boote“. Wer will, kann im Ludwig jetzt die Beweise sichten: Das von Phalli bedeckte Ruderboot dümpelt eindrucksvoll in einem mit lauter Abbildern des Hauptwerks tapezierten Raum.
Solche Arbeiten nennt Kusama „psychosomatische Kunst“, die für sie eine therapeutische Wirkung hat. „Allein die Vorstellung, dass ein langes, hässliches Etwas wie ein Phallus in mich eindringen könnte, ist grauenvoll“, schreibt sie. „Deshalb stelle ich so viele Penisse her.“ Genauso streng glaubte Kusama damals daran, dass auch die aufgewühlte Welt um sie herum leidet und sich nach Heilung sehnt. In gewisser Hinsicht nahm Kusama damit die Hochzeit der Hippiebewegung vorweg, denn dass die Zivilisation, der Kapitalismus, die „Phallokratie“, unglücklich und krank machen, war Mitte der 60er Jahre, wie heute wieder, in linken Kreisen ein Gemeinplatz. Kusama lehnte sich auf sehr private Weise gegen die Verhältnisse auf, und das in einer Welt, in der das Private zum Teil der Politischen erhoben wurde.
Zeitweise brachte Kusama eine eigene Modelinie heraus
Mit ihrer schocktherapeutischen Kunst traf Kusama den Zeitgeist der 60er Jahre und wurde mit ihren Happenings auch außerhalb der Kunstszene bekannt. Zeitweise brachte sie eine eigene Modelinie heraus, mit Phalli als Attributen und Hosen ohne Hinterteil, die sich zu ihren künstlerischen Objekten verhalten wie Werbeträger zur Haute Couture. Im Ludwig sind einige historische Modeaufnahmen zu sehen; die deutlich größere Attraktion bilden ein silbernes Kleid mit Kunstblumen oder die von einer passenden Nudel-Handtasche begleiteten Makkaroni-Pants.
In den 1970er Jahren fiel Kusama, die von Kindesbeinen an von Visionen verfolgt wurde, in eine tiefe Depression, aus der sie sich nach langen Kämpfen selbst befreite – mit bunten Riesenpflanzen, fröhlichen Kürbissen und gepunkteten Wohnräumen, die nun auch im Ludwig von fluoreszierendem Licht durchflutet werden. Stephan Diederich erzählt diese biografische Entwicklung unaufdringlich mit Gedichten der Künstlerin, in denen sie einen verlorenen Stern beschwört oder sich von den weichen Formen eines Kürbisses betören lässt.
Für die Jahrhundertkünstlerin Kusama hat das Ludwig sogar einen Teil der Dauerausstellung ins Depot verbannt. In diesem Anhang finden sich vor allem ihre Arbeiten der letzten Jahre, die das Glück darin finden, das Immergleiche in allen Regenbogenfarben zu variieren. Auch das ist ein Gefängnis. Aber eines, in dem man gerne zu Besuch ist.
„Yayoi Kusama“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, 14. März bis 2. August 2026. Eröffnung: Freitag, 13. März 2026, 18 Uhr


