Stefan Bachmann sagt Köln ab„Ich bin traurig, wütend und enttäuscht.“

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Vienna, Austria - November 7, 2024: Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann lehnt an einer Mamorsäule im Foyer des Wiener Burgtheaters.

Stefan Bachmann, Direktor des Burgtheaters in Wien, leitete elf Jahre lang das Schauspiel Köln

Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann hat elf Jahre lang das Schauspiel Köln geleitet. Vom Umgang der Stadt mit dem Mülheimer Depot ist er schockiert.

Stefan Bachmann, Sie haben das Depot in Mülheim 2013 eröffnet und in einen blühenden Kulturort verwandelt. Als Sie Köln elf Jahre später in Richtung Burgtheater verließen, glaubten Sie, die Zukunft des Depots als Heimat der neuen Tanzkompanie, des Schauspiels und der freien Szene gesichert. Nun ist von dieser ursprünglichen Vision nichts übrig geblieben. Wie bewerten Sie diese Entwicklung von Wien aus?

Stefan Bachmann: Es war ein Tod auf Raten. Ich war zunehmend irritiert, jetzt bin ich wirklich schockiert. Ich stelle mir vor, wie viele Menschen sich betrogen fühlen müssen, die in langwierigen Prozessen an Nutzungskonzepten gearbeitet haben. Da sind Menschen nach Köln gezogen, die jetzt mit der Arbeit beginnen sollten. Und die erfahren nun genau wie ich aus der Zeitung, dass die Stadt diesen Ort einfach weggibt. Wie wird hier mit der Kultur und mit den Menschen, die diese Kultur in Köln machen, umgegangen? Das erschüttert mich einfach.

Dabei wollten Sie zuerst nur zwei Jahre in Mülheim bleiben.

Aber je länger die Zeit im Interim durch die immer wieder verschobene Eröffnung wurde, desto mehr haben wir das Depot und den Carlsgarten entwickelt. Der hat sich im wahrsten Sinne des Wortes immer weiter verwurzelt, auf diesem ehemals brachliegenden Platz, dieser Betonwüste. Da sind sehr viele Ressourcen und viel Manpower hineingegangen. Man hat mit öffentlichen Geldern einen Ort mit Riesenpotenzial geschaffen. Es wurde immer absurder, sich vorzustellen, dass das nach dem Auszug des Schauspiels einfach so aufgegeben wird. Deswegen habe ich mich frühzeitig angestrengt, zusammen mit anderen, die diese Potenziale ebenfalls erkannt haben. Wir haben uns bemüht, die Stadt dafür zu sensibilisieren, und das ist dann auch gelungen. Es gab einen Ratsbeschluss, dass ein Nachnutzungskonzept erstellt werden sollte. Aber gefühlt in dem Moment, wo ich im Sommer 2024 einen Schritt aus dieser Stadt heraus gemacht habe, kam schon eine erste Hiobsbotschaft: Der Kirschbaum ist gefällt.

Die Stadt hat hier einen Ort geopfert, der in mehrfacher Hinsicht ein Symbol ist.
Stefan Bachmann

Der stand auf dem Hügel, unter dem sich die Grotte befand …

Angeblich sei der mit seinem Wurzelwerk durch die Container gebrochen. Eine fadenscheinige Begründung: Kirschbäume wurzeln anders. Im Gegenteil: Der Baum hat den ganzen Hügel mit seinen Wurzeln gehalten. Und so fing dieses Sterben auf Raten an. Erst hielt der Hügel nicht mehr, dann hat es durchgeregnet, man hat die Grotte abgebaut und so weiter.

Es ging aber um mehr als nur einen Hügel …

Ja, die Stadt hat hier einen Ort geopfert, der in mehrfacher Hinsicht ein Symbol ist.

Wofür?

Für eine positive Stadtentwicklung. Dafür, dass man eine Brücke zu Menschen gebaut hat, die in einem marginalisierten Bezirk wohnen. Da sind Momente von großem sozialen Wert entstanden. Vielleicht am sichtbarsten bei „Birlikte“. Der ganze Bezirk wurde lebenswerter. Dann ist der Carlsgarten auch ein Symbol dafür, eine andere Form von Kultur und Hochkultur zusammenzubringen. Schwellen niedriger zu machen, einladend zu sein. Und er ist auch ein Beispiel für die Renaturierung der Städte. Spätestens nach diesem Sommer müssten es alle kapiert haben, dass es so, wie unsere Städte aufgestellt sind, nicht weitergeht. Mit dem Carlsgarten war ein Biotop entstanden, das sowohl pflanzlich als auch von den Tier- und Insektenarten her unglaublich divers war. Ein Unding, so etwas kaputt zu machen. Es gibt ein berühmtes Stück von Tschechow, „Der Kirschgarten“: Darin überfährt die neue Zeit die alte und es werden erst einmal die Kirschbäume gefällt. Wie lange dauert es, bis ein Baum wirklich gewachsen ist? Wie lange dauert das, bis sich dann wieder ein Ökosystem gebildet hat?

08.05.2026 Köln. Der Carlsgarten am aktuellen Standort von Schauspiel und Depot in Mülheim. Der Carlsgarten soll demnächst umgestaltet werden, das kritisiert die Mülheimer Politik.

Der Carlsgarten vor dem Depot in Köln-Mülheim.

Als Sie 2024 nach Wien gegangen sind, sah der Haushalt auch noch nicht so katastrophal aus. Die Stadt hat eine Unsumme für die Sanierung am Offenbachplatz ausgegeben. Warum, geht das Gegenargument, sollte sie in dieser finanziell bedrohlichen Lage noch eine weitere Spielstätte finanzieren?

Warum muss ausgerechnet die Kultur für diese finanzielle Krise büßen? Es geht ja nicht darum, etwas Neues aufzubauen, sondern etwas zu erhalten. Verantwortungsvolleres Agieren vonseiten der Stadt- und Kulturpolitik wäre wichtig gewesen. Man streckt sich in Köln gerne zu den Sternen. Polemisch gesagt: Die Stadt ist immer wieder von einer merkwürdigen Selbstbesoffenheit ergriffen und vergisst darüber, was eigentlich realistisch wäre, und so vergaloppiert man sich gerne in hochtrabenden Plänen. Warum musste es gleich die beste Tanzsparte aller Zeiten sein? Ich habe sehr oft das Gespräch angeboten. Es ging mir nicht darum, Köln zu erklären, wie es seine Kultur machen soll. Ich hätte nur so wahnsinnig gerne mein Know-how zur Verfügung gestellt. Erzählt, worauf man bei der Nachnutzung des Depots achten muss, wo die Möglichkeiten sind, wo Gefahren lauern.

Was hätten Sie denn dann gesagt?

Meine Haltung war immer: Das Depot ist vergleichbar mit Kampnagel, der Spielstätte der freien Szene in Hamburg. Auch das ist durch ein Interim entstanden. Und es hat gedauert, bis daraus wirklich eine Spielstätte von internationaler Ausstrahlung entstanden ist. Das hätte Köln auch haben können. Man muss das ein paar Jahre auf kleiner Flamme köcheln lassen, wo man den Künstlern den Raum lässt, auszuprobieren und so etwas zu schaffen, das gewachsen ist und Bestand hat. Ein Profil zu entwickeln. Ich glaube, dem Carlsgarten gemäß, dass Kultur manchmal wie eine Pflanze funktioniert. Man muss nur ein bisschen Erde bereitstellen und ein bisschen Wasser geben, und sie wächst von ganz allein. Hätte man in Köln nicht alles gleich so hochgehängt, wäre man bescheiden herangegangen und hätte Geduld gehabt, dann würde es das Depot als Kulturzentrum heute noch geben. Aber in Köln steht am Anfang stets die Großmannssucht, die dann in Kleinmütigkeit endet. Hochtönende Verkündigungen, schrittweise, kleinlaute Absagen. Da ist in irgendwelchen Hinterzimmern unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemauschelt worden.

Köln ist von Selbstbesoffenheit ergriffen und vergaloppiert sich gerne in hochtrabenden Plänen.
Stefan Bachmann

Sie ärgern sich auch aus persönlichen Gründen über das Ende dieser Vision.

Klar, weil das Depot mein Baby ist, das gebe ich offen zu. Aber ich schäme mich auch, weil ich die Ideale der öffentlich subventionierten Kultur für eine ganz große demokratische Errungenschaft halte. Die Gesellschaft leistet sich eine freie Kunst, die auch unbequem, die nicht kommerziell, die experimentell sein kann. Die aber auch die Aufgabe hat, das Publikum glücklich zu machen und mit Bildung zu versorgen. Wer weiß, ob es die Stücke von Kleist, Goethe oder Schiller noch gäbe, wenn man die nicht subventioniert hätte? Jetzt duckt man sich vor einem Geldgeber mit privatem Nutzungskonzept und erklärt ihn zum Retter. Was der jetzt daraus macht, ist sein gutes Recht. Aber die Stadtverwaltung denkt weder clever noch geschäftstüchtig, wenn sie etwas so Nachhaltiges, das mit Steuergeldern aufgebaut wurde, einfach so wegschenkt. Das ist eine absolute Katastrophe, ein Ausverkauf. Jetzt sagt die Stadt Köln natürlich, das könne sie sich nicht leisten. Das glaube ich aber nicht. Da ist vorher viel zu viel Geld dort verschwendet worden, wo es gar nicht notwendig gewesen wäre.

Gilt nicht auch das Argument, dass auf diese Weise das Depot wenigstens als Kulturort erhalten bleibt?

Da reden wir über zwei verschiedene Paar Schuhe. Niemand hat etwas dagegen, wenn ein Privatier ein Theatermodell verfolgt, mit dem er möglicherweise auch Gewinn machen kann. Aber das ist eben eine andere Kultur. Die Sensibilität, mit der wir als subventionierte Kultur, auch im Sinne der Stadtentwicklung, in der Verbindung von marginalisierten Gruppen und Hochkultur agieren konnten, das ist nichts, was kommerziell ausbeutbar ist. Das Depot und der Carlsgarten sind wirklich die besten Beispiele für nichtkommerzielle Kultur, die trotzdem eine große Anziehungskraft hat.

Ihre Auslastungszahlen im Depot konnten sich jedenfalls sehen lassen.

Die sind in diesen elf Jahren, in denen ich das geleitet habe, wirklich stetig besser geworden. Und am Ende war das ein ganz großer Attraktionspunkt, ein Beispiel dafür, dass die Wirkmächtigkeit von Theater weit über die Theaterkunst hinausgehen kann. Das kann ein Musicalbetreiber nicht leisten, der betreibt keine Stadtentwicklung. Der muss kundenfreundlich arbeiten und wird sich bemühen, möglichst viele Parkplätze zur Verfügung zu stellen. Offensichtlich ist es auch so, dass ein Carlsgarten mit seinem wildwuchernden Charme ästhetisch gar nicht zu einem kommerziellen Unternehmen passt. Aber er ist umso schützenswerter. Am Anfang sind wir belacht worden, am Ende sind Delegationen aus dem Ausland angereist, um von unserem Projekt zu lernen, und auch viele Touristen, weil der Garten in einigen Stadtführern schon als Attraktion vermerkt war.

Die enge Verknüpfung des Schauspiels mit dem Stadtteil Mülheim scheint mir ein wenig in Vergessenheit zu geraten. Das trifft ja auch auf Birlikte zu oder auf das immer noch nicht realisierte Denkmal zu den NSU-Anschlägen in der Keupstraße.

Ja, da frage ich mich jetzt auch, was das jetzt eigentlich für die Menschen in Mülheim bedeutet. Ich hatte, bevor ich nach Wien gegangen bin, viele Gespräche mit Anwohnern, die richtig Angst vor dem Moment hatten, wenn das Schauspiel Mülheim verlässt. Die befürchteten, dass sie dann wieder gefühlt am Stadtrand wohnen, marginalisiert und ohne Kultur. Es tut mir einfach unendlich leid. Es ist nicht nur die freie Szene und die Theaterleute, die sich um diese Möglichkeit betrogen sehen, es sind letzten Endes auch die Menschen in Mülheim, also die Kölner.

Wie würden Sie jetzt Ihr Verhältnis zu der Stadt beschreiben, in der Sie immerhin elf Jahre gewohnt und gewirkt haben?

Ich bin traurig, wütend und maßlos enttäuscht. Ich hatte eigentlich zugesagt, am nächsten Donnerstag zum Eröffnungs-Festakt am Offenbachplatz zu kommen. Natürlich würde ich gerne endlich mal dieses lange versprochene Theater sehen und feiern. Aber in Anbetracht der Tatsache, was dafür jetzt geopfert wurde, werden ich und Melanie Kretschmann, die ja den Carlsgarten maßgeblich mit aufgebaut hat, unsere Teilnahme absagen.