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Dokumentarfilme in KölnDas Leben schreibt die besseren Geschichten

Lesezeit 4 Minuten
Zwei Männer sitzen in einem Trödelladen und blasen Luftballons auf.

Aus Lukasz Kowalskis „The Pawnshop“

Am 27. Januar beginnt das Kölner Dokumentarfilmfestival „Stranger than Fiction“. Unter den Highlights sind Filme über indische Frauen, Straßenkämpfe in Chile und einen polnischen Trödelladen.

In der Pfandleihe von Jola und Wiesiek ist der Kunde nur so lange König, wie er nichts zu mäkeln hat. „Der Mixer funktionierte, als ich ihn verschickte“, bellt Wiesiek ins Telefon und scheint dabei nicht gerade um seinen guten Ruf besorgt zu sein. Als er auflegt, darf sich der Anrufer in seinem Anliegen ganz und gar verstanden fühlen – sofern er sich für einen Hanswurst und Betrüger hält.

Der polnische Regisseur Lukasz Kowalski ist ein Meister suggestiver Schnitte. Kaum hat Wiesiek seinen aufmüpfigen Kunden nach allen Regeln der Kaufmannslehre abblitzen lassen, wird einem alten Mann von der Kassiererin treuherzig versichert, er könne den Wasserkocher bei Nichtgefallen problemlos wieder umtauschen. Und wenn Jola morgens die Kasse mit Wechselgeld füllt, sieht man sie kurz darauf Geldscheine mit der Schere zuschneiden. Die falschen Fuffziger sind zwar nur Dekoration für die lederne Fetischbekleidung im Angebot. Aber die nicht gerade unterschwellige Botschaft kommt beim Zuschauer trotzdem an: Diesem Laden ist nicht zu trauen.

In diesem Warenparadies sind wir alle vom Leben betrogene Konsumenten

Dabei geht es Kowalski in seinem Dokumentarfilm „The Pawnshop“ mitnichten darum, das Geschäftsgebaren polnischer Trödelhändler zu entlarven oder zu skandalisieren. Er zeichnet stattdessen das mitfühlende Porträt einer kleinen Firma, die ums finanzielle Überleben kämpft und für ihre Angestellten eine zweite Heimat ist. Inmitten des billigen Trödels versucht sein tragikomischer Held Wiesiek im Grunde nur das Beste aus dem zu machen, was die Überflussgesellschaft für die weniger Glücklichen und Abgehängten übriglässt. In seinem Warenparadies sind alle Menschen gleich: vom Leben betrogene Konsumenten.

Alles zum Thema Filme

„The Pawnshop“ läuft am 5. Februar als Schlussfilm des Kölner Dokumentarfilmfestivals „Stranger than fiction“, das längst Zweigstellen in ganz NRW unterhält und an diesem Freitag im Filmhaus eröffnet wird. Der Festivaltitel trifft auf Kowalskis Beobachtungen in besonderem Maße zu, vor allem, wenn man das Wörtchen „strange“ nicht mit seltsam, sondern mit fremdartig übersetzt. Aber auch die anderen Beiträge sollen uns die Augen für etwas öffnen, das uns vom Dokumentarfilm immer wieder neu zu entdecken aufgegeben wird: die Wirklichkeit.

Die Bandbreite der 22 gezeigten Filme ist entsprechend weit gefasst – im Grunde eint sie wohl nur der Glaube daran, dass das Leben die besseren Geschichten schreibt. Eröffnet wird das Festival im Kölner Filmhaus mit dem chilenischen Dokumentarfilm „Mi Pais Imaginario“ über die gewaltsamen Unruhen in Chile vor vier Jahren. Patricio Guzman gleicht darin die demokratische Protestbewegung mit seinen eigenen Hoffnungen in die 1973 vom Militär gestürzte Allende-Regierung ab – im Gedächtnis bleiben aber vor allem die Bilder surreal wirkender Straßenschlachten.

Die Wirklichkeit von Albträumen erkundet Vincent Graf in „Sleep Paralysis“. Er hat Menschen interviewt, die unter besonders lebensechten Träumen leiden, in denen sie dunklen Mächten hilflos ausgeliefert sind. Diese als Krankheitsbild anerkannte Schlafparalyse beschwört Graf mit Stilmitteln des Horrorfilms herauf, was sich etwas mit den nüchternen Erzählungen der Betroffenen beißt; erstaunlich sind auch die Ausführungen einer Psychologin, die in Albträumen vor allem außerkörperliche Erfahrungen zu sehen scheint.

Auch der Dokumentarfilm kennt das Starkino

Auch der Dokumentarfilm kennt das Starkino, wobei es in ihm eben reale Helden sind. Ben Lawrence begleitet die Familie von Wikileaks-Gründer Julian Assange in „Ithaka“ beim Kampf um dessen Freilassung; das Regietrio Isabel Gathof, Sabine Lamby und Cornelia Partmann arbeitet in „Fritz Bauers Erbe – Gerechtigkeit verjährt nicht“ die Arbeit des Generalstaatsanwalts bei den Frankfurter Auschwitz-Prozessen auf; und Reiner Holzemer versucht dem Erfolgsgeheimnis des Bühnen- und Filmschauspielers Lars Eidinger auf die Spur zu kommen. Bei diesen Filmen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie demnächst in einem Kölner Kino zu sehen sein werden – bei den meisten anderen bietet „Stranger than Fiction“ eine wohl einmalige Gelegenheit.

Ohne deutschen Kinostarttermin ist bislang auch der an der Kölner Kunsthochschule für Medien entstandene Film „Ladies only“. Für ihn ist die Kölner Regisseurin Rebana Liz John gemeinsam mit einer Kamera- und einer Tonfrau in die Pendelzüge gestiegen, die tagtäglich Millionen Menschen durch die indische Metropole Mumbai transportieren. Die Geschlechter reisen hier strikt getrennt, und so kann John einzelne Mitreisende im „Schutzraum“ ihres Arbeitsweges fragen, was sie in ihrem Leben wütend macht.

Die Frauen reagieren darauf eher amüsiert, nehmen aber kein Blatt vor den Mund, wobei ihre Berichte aus dem patriarchalischen Indien wenige Zuschauer überraschen dürften. Man staunt eher darüber, wie vergnügt sich einige der Befragten in ihr wortreich beklagtes Schicksal zu fügen scheinen. Vielleicht macht aber gerade dies die Qualität von „Ladies only“ aus.

Rebana Liz John hat Antworten, die einer westlichen Perspektive auf unterdrückte Frauen zuwiderlaufen, nicht aus dem Film verbannt, sondern als Teil eines in sich widersprüchlichen Gesellschaftspanoramas inszeniert. Es ist ein demokratischer, nicht verurteilender Blick auf eine ferne Welt, der durch die alles gleichmachende Schwarz-Weiß-Fotografie noch unterstrichen wird.

„Stranger than Fiction“, 27. Januar bis 5. Februar 2023, diverse Spielorte, darunter Filmhaus Köln und Zoom Kino, Brühl.

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