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TanzfestivalHier tauchen Zuschauer mit VR-Brille unter Wasser ab

3 min

„Delusional World“ mit der kanadischen Star-Tänzerin Louise Lecavalier

In Düsseldorf verbindet das Festival „Temps d’images“ wieder Tanz mit Bildmedien.

Fang mich! Man startet am Nachmittag im Tanzhaus NRW in Düsseldorf, nahe dem Hauptbahnhof. Unschöne Gegend samt Riesenbauloch. Wenn man das Theater verlässt, hat man so viele Filme, Animationen, Installationen und Performances gesehen, dass die gesehenen Bilder, Momente wie Fetzen im Hirn herumflattern. Gänge, Treppen, Fliesen, Bildschirme im Bild, Wellen, Pferde, lauter Menschen, der Unruhe verfallen. Tänzerinnen und Tänzer. Künstliche Figuren. Blickwinkelreigen. Gutes war dabei und Maues. Man staunte auch einfach als Tech-Fremde, was sich Digitalspezialisten einfallen lassen jenseits verkäuflichem Nutzen: mit KI, Motion-Tracking, Gaming-Welten.

Das Festival „Temps d’images“, Zeit der Bilder, gibt es seit 2005. Mit ihm begrüßt das Tanzhaus das jeweils neue Jahr und führt neue technische, multimediale Behandlungen der Idee vom Tanz vor. Oder: der tänzerischen Behandlung von Multimedia und Film. Früher gab’s mehr Geld und größeres Programm. Diesmal immerhin strömte das Publikum; und auch das kommende Wochenende verspricht schön irres Imaginäres: lauter Werke, die bislang noch nie in Deutschland zu sehen waren von Künstlern aus den USA, Ungarn, Estland. Hiermit geht ein Europa-Projekt, „Modina“, zuende, an dem auch Düsseldorfer Tüftler teilhatten.

Kooperation mit Kölner Festival

Die andere Kooperation, die mit dem Kölner Moovy-Festival, beschert dem Festival Tanzkurzfilme und erfreuliches Wiedersehen mit Mixed-Reality-Werken von Charlotte Triebus und Norbert Pape. Bei dem einen, „Oneironautica II“, ruht man mit VR-Brille und steuert sich per Hebelchen wie schwimmend durch einen Theatersaal; bei „Turbulence“ ist man per VR-Brille schon unter Wasser, stöbert – wirklich – tapsend Riesenmuscheln auf und hascht, wieder an der Oberfläche, bei philosophischen Erörterungen und visuellen Verwirbelungen nach Halt. Freundet sich mit Halbverstehen an. Auflösen ist eins der Zauberworte vieler der Kunstwerke oder Versuche hier.

Mit Louise Lecavalier aus Kanada trat auch ein echter Star am ersten Wochenende auf. Seit den 1990er-Jahren berühmt für unerschrockene Schnelligkeit und mit eigenen Stücken schon öfters zu Gast im Tanzhaus. In „Delusional World“ von 2023 löst sie sich vom guten Geschmack. Für sie als Künstlerin, sagte sie später in einem Interview, war diese Zusammenarbeit mit dem Chinesen Lu Yang, einem Star der Medienkunst, auch eine Befreiung: von Dramaturgienorm. Nun also tanzt sie, in weitem Kapuzenmantel oder Jacke oder schwarzem Top, darunter Schlaghosen, auf kahler Bühne ihre Erfindungen von schnellen Füßen, rotierenden Armen und Unterarmen, aufrechtem oder runterklappendem Oberkörper, stellenweisen Flatterhänden, schnürt auf Linien oder bleibt auf der Stelle, ohne Pause. Ziellos.

So wie ihre Avatare auf der wandgroßen Leinwand: ihre „Verkörperungen“ mit wechselnden Köpfen, oft dreien oder ganz vielen, mit diversen Körperformen, mal nacktglatt, schmal oder mit Ballonmuskeln, mal in Gewand, sogar eine Art Tütü ist dabei. Diese Figuren, Götter, Geister treiben ihr Unwesen oder Wesen in grässlich blutigen Landschaften ohne Himmel oder trampeln eine Großstadt nieder. Jeder Schritt ein weiteres Feuer. Alpträume treffen Mythen. Umso verstörender, weil der-die Riese verloren wirkt, nicht kämpferisch. Gespeist aus Tanz, der nur er selbst sein will und allein.

Fortsetzung vom 23. bis 25. Januar im Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Die Ausstellungen von Installationen sind jeweils ab nachmittags geöffnet. Die Bühnenaufführungen beginnen um 18 und um 20 Uhr.