- In der Gruppenausstellung „On View“ in der Düsseldorfer Julia Stoschek Collection sind hochpolitische Arbeiten zu sehen.
- Die US-Künstlerin Taryn Simon zeigt in ihrer Porträtserie „Innocents“ Bilder von unschuldig Verurteilten.
- Lohnt ein Besuch der Ausstellung? Ein Rundgang.
Düsseldorf – Ja, es gibt viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren werden, die vielmehr die Signatur ihres Herkommens (oder Schicksals) nie werden abschütteln können. Es gibt nach wie vor sehr viel Ungerechtigkeit auf der Welt, sehr viel Ignoranz, Grausamkeit. Die US-amerikanische Künstlerin Taryn Simon (geboren 1975 in New York) hat schon in ihrer Porträtserie „Innocents“, mit der sie 2002 bekannt wurde, darauf gezeigt. Bilder von Menschen, die im Gefängnis saßen, für Verbrechen, die sie nicht begangen haben. Mord, Totschlag, Raub, Kidnapping, Vergewaltigung – jetzt sind diese Menschen rehabilitiert. Ihr Leben freilich ist zerstört.
Die Fotoserie dieser Unschuldigen ist derzeit in der Gruppenausstellung „On View“ in der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf zu sehen. (Kunst-)Film und Fotografie in ihrer – stets auch sich selbst als Medium reflektierenden – Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen, das ist die Klammer, die die Werke der elf an der neuen Sammlungsschau beteiligten Künstlerinnen und Künstler zusammenfasst.
In seiner im Kinosaal gezeigten Videoarbeit „Apex“ (2013) deutet der amerikanische Video- und Filmkünstler Arthur Jafa (geboren 1960 in Tupelo, Mississippi), der 2019 auf der Biennale in Venedig als bester Künstler ausgezeichnet wurde, mit überwältigenden Bildern auf die verschiedenen Kontexte afroamerikanischen Lebens zwischen Sklaverei, Rassismus, Mord auf der einen und der Jazz- und Popkultur auf der anderen Seite. In schneller Folge, unterlegt mit elektronischen Techno-Beats, erzählen die Bilder auch von der Bedeutung der afroamerikanischen Musik für die Kulturgeschichte der USA.
Hula-Hoop-Reifen aus Stacheldraht
Die blutigen Spuren, die der Stacheldraht-Hula-Hoop-Reifen auf dem Bauch der Protagonistin in Sigalit Landaus Videofilm „Barbed Hula“ (2000) hinterlässt, erinnern an Opferpraktiken und Körpermarkierungen, wie sie in religiösen Ritualen und Bußriten üblich sind, genauso aber auch an Marina Abramovic oder die Body-Art der Wiener Aktionisten der 1960er und 70er Jahren. Zudem sind sie ein unmissverständliches Bild für die Repressionen, unter denen viele Menschen und insbesondere Frauen auf der ganzen Welt leben müssen. Die Bildhauerin, Video- und Installationskünstlerin (1969 in Jerusalem geboren), zweifache Biennale- und Documenta-Teilnehmerin, hat mit ihrem Werk immer schon soziale wie ökologische Fragen künstlerisch verhandelt und dabei stets auch aktuelle Bezüge wie Unterdrückung, Ausgrenzung, Gefangenschaft verarbeitet. Oft kommt dabei, wie hier, ihr eigener Körper zum Einsatz.
Mit dabei ist aber auch etwa Thomas Demands ikonische Fotografie „Badezimmer/Bathroom“ von 1997, die das Papiermodell des (menschenleeren) Badezimmers abbildet, das der Künstler nach dem Stern-Titelfoto vom Oktober 1987 zum Tod Uwe Barschels angefertigt und abfotografiert hat. Die Fotografie von dem Modell nach der veröffentlichten Fotografie ist unbedingt auch eine Frage nach der Abbildbarkeit von Abbildern der Wirklichkeit. Und nach der Bedeutsamkeit, die das Foto-Abbild im kollektiven Bildgedächtnis erlangen kann. Der britische Künstler Adam McEwen (1965 in London geboren) hat das Pressefoto, das den italienischen Diktator Benito Mussolini und dessen Geliebte Clara Petacci nach deren Exekution und Zurschaustellung hängend an einer Mailänder Tankstelle zeigt, kurzerhand umgedreht und aus der erbärmlichen Pose des Paares einen fast erhabenen Gestus gemacht.
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Aufgrund von verkehrten Identifikationen kommt es immer wieder zu juristischen Fehlurteilen mit fatalen Folgen. Dass die meisten der in den USA fälschlich Eingesperrten oder gar Hingerichteten afroamerikanische Männer sind, macht die fotografische Studie Taryn Simons zu einem bestürzenden soziologischen Zeitdokument.
Die zu Unrecht verurteilten Menschen von „Innocents“ sind Opfer des rassistischen Blicks der vorwiegend weißen Jurys geworden. Über den dokumentarischen Wert ihrer Fotoserie hinaus stellt die Künstlerin mit dieser Arbeit auch die Frage nach Funktion, Rolle und der Glaubwürdigkeit von Fotografie. Die Frage, die das Werk über die Autorität einer reinen Dokumentation hinaushebt und zu einem bedeutsamen ästhetischen und politischen Kommentar werden lässt.
Es ist tatsächlich richtig und wichtig, immer wieder und vielleicht gerade heute an das politische Potenzial von Kunst zu erinnern. Kein Zweifel, die neue Schau der Julia Stoschek Collection ist in vielerlei Hinsicht hochaktuell.
On View, Julia Stoschek Collection Düsseldorf, bis 19. Juli 2020

