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Flut an der Ahr„Wären wir gewarnt worden, könnten meine Eltern noch leben“

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Tamara Wiedenfeld trauert um ihre Eltern.

Dorsel – Sie lebt jetzt oben auf einer Anhöhe im oberbergischen Gummersbach. Hier fühlt sich Tamara Wiedenfeld, 39, sicher. Gewappnet gegen eine Flutwelle, sollte eine neue Starkregenfront die Flüsse und Bäche wieder über die Ufer treten lassen und Anwohner in den Tod reißen.

Die zierliche Frau schaudert immer noch, wenn sie an den 14. Juli 2021 zurückdenkt. An jenem Katastrophentag verlor sie ihr Heim auf dem Campingplatz Stahlhütte nahe Dorsel an der Ahr - und ihre Eltern.

„Mein Vater hat noch einen Scherz gemacht, als er eine halbe Stunde nach mir sein Auto zu dem höher gelegenen Parkplatz am Restaurant lenkte“, erinnert sich die Tochter im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Schnell noch die Waschmaschine retten

Als es schlimmer wurde, teilte Nikolaus Wiedenfeld einem seiner Söhne per Handy mit, dass er nur noch die Waschmaschine in Sicherheit bringen müsse, danach würden sie ihr Holzhaus auf dem Campingplatz verlassen, in dem sie dauerhaft wohnten. Doch es war zu spät.

Die Fluten rissen Natalie und Nikolaus Wiedenfeld in ihrem Holzhaus mit sich. Während sich ihre Tochter noch retten konnte, zählen die Eltern zu den sieben Menschen, die auf dem Campingplatz an der Oberahr starben.

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Natalie und Nikolaus Wiedenfeld starben in der Flut im Ahrtal.

Für Tamara Wiedenfeld vergingen etliche Tage zwischen Hoffen und Bangen. Erst eine Woche später fanden Einsatzkräfte die Leiche der Mutter in einer Baumgruppe einige Kilometer weiter unten zwischen Müsch und Antweiler. Drei Tage später erhielten Tamara Wiedenfeld und ihre beiden Brüder die traurige Gewissheit, dass auch der Vater in einem Uferstück an der Ahr tot aufgefunden worden war.

Platzbetreiber habe nicht gewarnt

In dem Zusammenhang erhebt Wiedenfeld nun schwere Vorwürfe gegen den Campingplatzbetreiber und die Behörden: „Wären wir gewarnt worden, könnten meine Eltern noch leben. Aber weder der Campingplatzbesitzer noch die Feuerwehr haben uns rechtzeitig angewiesen, unsere Quartiere zu räumen.“ Einzig eine Nachbarin sei gegen 16 Uhr zu ihr gekommen und habe sie aufgefordert, ihr Auto auf eine Anhöhe zu fahren. „Ansonsten erfolgte kein Hinweis zur Evakuierung“, betont die ehemalige Dauercamperin.

Im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Koblenz zum mutmaßlichen Versagen des Landrats von Ahrweiler und dessen Krisenstabsleiter während des Unglücks mit 134 Toten bestätigten weitere Betroffene die Aussage. Marte M. (Name geändert) gab zu Protokoll, dass der Campingplatzchef an jenem Katastrophentag nur einen Teil der Bewohner aufgefordert habe, ihre Fahrzeuge wegzufahren, „mehr hat er nicht gemacht."

Ein weiterer Gast berichtet, dass ihm von einem Notfall- und oder Evakuierungsplan auf dem Campingplatz nichts bekannt gewesen sei. Gegen 16 Uhr habe er den Betreiber angerufen, damit er umgehend nach Dorsel kommen möge, weil der Deich gerade überflutet wurde. Als dieser bekundete, dass es noch etwas dauern könne, alarmierte der Dauercamper selbst die Feuerwehr.

Campingplatzbetreiber habe sich geweigert

Petra Wenter (Name geändert), Zugführerin bei der Freiwilligen Feuerwehr in der Ortsgemeinde Antweiler an der Oberahr, suchte nach eigener Aussage am Nachmittag des 14. Juli den Betreiber des Campingplatzes auf. Wenter forderte ihn auf, den Platz zu räumen. Der soll sich geweigert haben. Laut ihrer Aussage leitete der Platzbesitzer keinen Warnaufruf an seine Gäste weiter. „Letztendlich sind dort in dem Bereich am Campingplatz mehrere Menschen verstorben“, berichtete die Wehrführerin den vernehmenden LKA-Ermittlern. „So auch eine Kameradin von der Feuerwehr Barweiler.“

Eine Augenzeugin bestätigte inzwischen die Aussage der Feuerwehrleiterin . Der Campingbetreiber habe einzig gemeint, „dass es schon nicht so schlimm werden wird“. Widerspruch soll er nicht gelten gelassen haben.

Man solle den Ball flach halten

Ein weiterer Gast bestätigte die Darstellung. Damals habe sich die Lage zugespitzt. Darauf angesprochen habe der Campingplatzbesitzer nur abgewunken. „Seiner Meinung nach sollten wir einfach mal den Ball flach halten. Es wäre schon alles nicht so schlimm“, so die Angaben. Auch habe man keine Alarmmeldung durch die Lautsprecher gehört.

Gegen 16.30 Uhr, so berichtet eine weitere Camperin, habe sie ihr Auto auf Anraten von Mitbewohnern auf den hochgelegenen Parkplatz gefahren. Unten stieg die Flut bedrohlich an, viele Wohnwagen und Mobilheime drohten wegzuschwemmen. Hektisch erkundigte sich die Frau beim Betreiber, was nun geschehen solle. Evakuieren, entgegnete dieser plötzlich.

FlutAhr

Altenahr-Kreuzberg: Meterhoch türmen sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr.

Mit Hilfe von Nachbarn kämpfte sich die Frau durch die Wassermassen zu ihrem Wohnwagen, in dem ihr Mann und ihre Hunde warteten. Zum Glück verfügte ein Nachbar über einen großen, motorstarken Wagen und fuhr das Paar mit den Tieren auf die sichere Anhöhe. Von einem rechtzeitigen Alarm ist auch hier nicht die Rede.

Anwalt weist Vorwürfe vehement zurück

In einer Stellungnahme seines Anwalts wies der Campingplatzbesitzer gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Vorwürfe vehement zurück. Demnach sei er zwischen 15 und 16 Uhr von einem Gast alarmiert worden und 20 bis 30 Minuten später vor Ort eingetroffen. „Unser Mandant begann nach dem Eintreffen sofort damit, alle Campingplatz-Gäste aufzufordern, den Platz zu räumen. Er lief von jedem bewohnten Platz zum nächsten und forderte die Bewohner auf, unverzüglich den Campingplatz zu verlassen und die Autos wegzufahren.“

Flut Ahr Zerstörung

Die Luftaufnahme zeigt die Zerstörung im Ahrtal Mitte Juli 2021

Als unzutreffend bezeichnete der Anwalt die Behauptung der Wehrleiterin aus Antweiler, sein Mandant habe ihre Warnungen zur Evakuierung in den Wind geschlagen. Im Gegenteil: Der Besitzer habe sofort reagiert und die Bewohner aufgefordert, den Campingplatz zu verlassen.So habe er auch das Ehepaar Wiedenfeld nachdrücklich gemahnt, den Campingplatz zu räumen. Herr Wiedenfeld habe ihm jedoch gesagt: Man komme jetzt gleich, „wir müssen nur noch die Waschmaschine hochstellen.“ Seine Tochter stand demnach 80 Meter weit entfernt, als der Campingplatzchef die Eltern nochmals eindringlich aufgefordert habe, sich aus der Gefahrenzone zu begeben.

Betreiber will konzentriert und sachlich gehandelt haben

Auch will er nie gesagt haben, dass alles nicht so schlimm werde und man den Ball flach halte sollte. Das Gegenteil sei der Fall gewesen. Zwar habe es keinen „abstrakten“ Notfall- und Evakuierungsplan gegeben, „aber unser Mandant handelte nicht planlos, sondern konzentriert und sachlich“, betonte sein Anwalt.

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Tamara Wiedenfeld schüttelt verbittert den Kopf: „Bis zu mir sind seine Warnungen nicht durchgedrungen. Der Platzbetreiber hätte nur per WhatsApp eine Warnung rausgeben müssen, aber nichts ist geschehen.“ Wiedenfeld erinnert sich, wie das Wasser in ihrem Garten anstieg. Hektisch versuchte sie noch ein paar Dinge auf die Veranda zu stellen, ließ es dann aber bald bleiben. Ein zufällig vorbeilaufender Nachbar brüllte, dass man hier raus müsse.

Wasser drohte sie wegzuspülen

Gegen 17.15 Uhr an jenem Nachmittag packte sie ihre beiden Katzen in einen Korb, nahm die Handtasche und watete draußen durch die Fluten. Das Wasser stieg immer höher, drohte sie wegzuspülen. Verzweifelt versuchte die 1,55 Meter große Frau sich auf den Beinen zu halten, während ihr die Fluten bereits bis zur Brust reichten. Die Strömung entriss ihr den Katzenkorb. Angst, Panik, Hilflosigkeit machten sich breit. Tamara Wiedenfeld verlor langsam den Halt. „Durch Zufall prallte ich gegen zwei Feuerwehrmänner, die mich festhielten.“ Gemeinsam kämpfte man sich auf die rettende Anhöhe eines gegenüberliegenden Grundstücks.

Eltern unter den Vermissten

Wiedenfeld fragte nach ihren Eltern. Auf dem Parkplatz vor dem Lokal traf sie auf den Campingplatzbesitzer: „Stahlhütte ist weg, sie sind unter den Vermissten“, schildert sie seine Antwort. Sie solle sich deswegen besser keine Hoffnungen machen.

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