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Wirbel um alten „Wahrsager“-PostHantavirus-Ausbruch befeuert wilde Verschwörungstheorien

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Eine mikroskopische Aufnahme zeigt das Hantavirus. Hantaviren werden überwiegend durch den Kot von Nagetieren übertragen. (Archivbild)

Eine mikroskopische Aufnahme zeigt das Hantavirus. Hantaviren werden überwiegend durch den Kot von Nagetieren übertragen. (Archivbild)

Verschwörungstheoretiker und manche US-Politiker nutzen den Hantavirus-Ausbruch auf der „MV Hondius“ für krude Anschuldigungen.

Der tödliche Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ hat im Netz eine Welle von Verschwörungstheorien losgetreten – und Erinnerungen an die Debatten rund um die Corona-Pandemie geweckt. Im Mittelpunkt stehen bei den mitunter wilden Spekulationen in den sozialen Netzwerken der US-Pharmariese Moderna und eine angebliche „Vorhersage“ aus dem Jahr 2022.

Auslöser ist ein Ausbruch des Hantavirus auf dem niederländischen Kreuzfahrtschiff. Drei Passagiere sind mittlerweile an der Erkrankung gestorben, ein weiterer liegt auf einer Intensivstation in Südafrika. Fünf Infizierte wurden insgesamt identifiziert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigte die Fälle, die dem Hantavirus-Stamm Andes zugeschrieben werden.

Hantavirus-Ausbruch: Verschwörungstheorien im Netz

Der Virusstamm ist primär in Südamerika verbreitet und gilt als besonders gefährlich, da er als einzige Hantavirus-Variante auch von Mensch zu Mensch übertragbar sein kann. Parallel zum Ausbruch kursieren in den sozialen Netzwerken nun Behauptungen, das US-Pharmaunternehmen Moderna habe von dem Ausbruch gewusst oder ihn sogar mitverursacht.

Hintergrund ist ein Forschungskooperationsvertrag: 2024 begann die Universität Korea gemeinsam mit Moderna im Rahmen des sogenannten mRNA‑Access-Programms mit der Entwicklung eines Impfstoffkandidaten gegen Hantaviren, die hämorrhagisches Fieber auslösen – eine in Asien und Teilen Europas verbreitete Form der Erkrankung.

„Forscher arbeiten seit Jahrzehnten an Hantavirus-Impfstoffen“

Entscheidend dabei: Das Projekt befindet sich noch im präklinischen Stadium, wie das US-Magazin „Newsweek“ nun berichtet. Es wurden noch keine Menschen getestet, auch ein zugelassener Hantavirus-Impfstoff existiere bisher nicht. Der Forschungsansatz richtet sich zudem weder gegen den Hantavirus-Stamm, der in den USA am häufigsten vorkommt, noch gegen den Andes-Stamm, der den aktuellen Ausbruch verursacht haben soll.

„Forscher arbeiten seit Jahrzehnten an Hantavirus-Impfstoffen, doch frühere Impfstoffkandidaten waren gegen einige europäische Stämme weniger wirksam. Der Impfstoff von Moderna soll einen breiteren Schutz gegen mehrere Stämme bieten“, erklärte der amerikanische Infektiologe Luis Marcos gegenüber „Newsweek“. „Das ist ein normaler Teil des wissenschaftlichen Fortschritts“, führte der Infektiologe angesichts der wilden Spekulationen aus.

US-Politikerin beschuldigt Moderna ohne Belege

Verschwörungstheoretiker und manche US-Politiker nutzen die Moderna-Forschung dennoch als vermeintlichen Beweis für ihre Theorien. Die frühere US-Abgeordnete Marjorie Taylor Greene warf Moderna etwa auf X vor, Viren zu manipulieren und dann Profit mit Impfstoffen zu machen. Einen Beleg für ihre Anschuldigung brachte die einst glühende Unterstützerin von US-Präsident Donald Trump nicht vor.

Für viel Wirbel sorgt insbesondere auf der Plattform X derweil ein Post, der bereits vor Jahren veröffentlicht wurde, nun jedoch viel Aufmerksamkeit bekommt. Der Account „iamasoothsayer“ hatte im Jahr 2022 bei X geschrieben, die Corona-Pandemie werde 2023 überwunden sein, und hinzugefügt: „2026: Hantavirus“.

Alter X-Beitrag sorgt für Wirbel: „2026: Hantavirus“

Der Beitrag erhielt nach dem jetzigen Hantavirus-Ausbruch mittlerweile mehr als 360.000 Likes. Befeuert werden die Spekulationen auch durch den Namen des Accounts: „iamsoothsayer“ heißt auf Deutsch so viel wie „Ich bin Wahrsager“. In der Beschreibung des Accounts, der seit 2022 inaktiv ist, steht zudem der Satz „sagt die Zukunft voraus“. 

Hantavirus-Infektionen sind grundsätzlich jedoch selten: Zwischen 1993 und 2023 wurden laut CDC lediglich 890 Fälle in den USA registriert. Das Virus wird in der Regel durch den Kontakt mit dem Kot oder Speichel von infizierten Nagetieren übertragen. Eine Ansteckung bei Menschen kann zum Beispiel durch das Einatmen von aufgewirbeltem Staub erfolgen, der mit Exkrementen verunreinigt ist.

Passagierin der „Hondius“ zur Behandlung in Düsseldorfer Uniklinik

In der Uniklinik Düsseldorf wird derzeit derweil weiterhin eine Passagierin der „Hondius“ untersucht, die neben zwei kranken Crew-Mitgliedern ausgeflogen wurde. Nach Angaben eines Kliniksprechers gibt es keine Hinweise auf eine Infektion bei ihr, aufgrund der sehr unterschiedlichen Inkubationszeit seien jedoch zusätzliche Untersuchungen erforderlich. Deshalb würden die Schutzmaßnahmen vorsorglich aufrechterhalten, so der Sprecher.

Forscher in Argentinien sollen nun die Frage nach dem Ursprung der Infektionen klären. In Ushuaia, ganz im Süden des Landes, wo die „Hondius“ am 1. April in See gestochen war, sollen Nagetiere eingefangen und auf das Virus untersucht werden, wie die Regierung in Buenos Aires mitteilte.

Die WHO versucht unterdessen, die Lage zu beruhigen: „Das ist nicht der Beginn einer Epidemie. Das ist nicht der Beginn einer Pandemie“, sagte WHO-Epidemiespezialistin Maria Van Kerkhove. „Wir glauben, dass es sich um einen begrenzten Ausbruch handeln wird, sofern die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit umgesetzt werden und alle Länder Solidarität zeigen“, ergänzte der Leiter der WHO-Abteilung für Notfallalarm und -reaktion, Abdi Rahman Mahamud. (das/dpa/afp)