Dubai gilt als Paradies der Internet-Sternchen und Finanz-Influencer. Zu den Angriffen scheinen diese sich aber nur eingeschränkt äußern zu dürfen.
„Alles ganz entspannt“Wie Dubai-Influencer die iranischen Angriffe herunterspielen

Dubai: Eine schwarze Rauchwolke steigt aus einem Lagerhaus im Industriegebiet von Sharjah City. In der Metropole leben viele Influencer.
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365 Tage Sonne im Jahr, traumhafte Strände – und eine Sicherheitslage, von der Deutschland angeblich nur träumen kann: So sieht das Bild aus, das deutsche Internet-Sternchen seit Jahren von Dubai zeichnen. Das Emirat am Persischen Golf gilt als Hotspot und gleichzeitig Steuervermeidungsparadies für zahlreiche Beauty-, Lifestyle- und Finanz-Influencer.
In ihren Storys und Videos protzen sie gern mit Luxus und der angeblich hohen Lebensqualität – während Kritik, etwa an Menschenrechtsverletzungen, generell verschwiegen wird. Seit dem Wochenende jedoch scheint es sichtlich schwieriger, die Erzählung vom Paradies aufrechtzuerhalten.
Iran attackiert auch Dubai
Als Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels hat der Iran auch US-Verbündete im Nahen Osten attackiert. Getroffen wurden dabei nicht nur amerikanische Militärbasen, sondern auch zivile Einrichtungen. Eine iranische Drohne stürzte auf den Flughafen von Dubai. Auch berühmte Sehenswürdigkeiten wurden von Drohnen oder Trümmern getroffen: Videos zeigen einen Brand im Luxushotel „Fairmont The Palm“ – und auch das bekannte „Burj Al Arab“ wurde beschädigt. Es gab zwei Verletzte, der Luftraum ist geschlossen. Die Bundesregierung will deutsche Touristen jetzt mit Chartermaschinen aus dem Nahen Osten zurückholen.
Wie brisant die Lage tatsächlich ist, war zeitweise undurchsichtig. Darstellungen der Behörden Dubais wichen zum Teil deutlich von dem ab, was auf Videos in sozialen Medien zu sehen war. In Bezug auf das „Burj Al Arab“ war laut Behördenangaben etwa von einem „kleinen Brand“ die Rede, während Aufnahmen ein Feuer über mehrere Stockwerke hinweg zeigen. Und: Auch deutsche Influencerinnen und Influencer versuchen offenbar gezielt zu beschwichtigen.
„Alles ganz entspannt, wie immer“
Die Plattform Instagram wird seit dem Wochenende von Videos regelrecht geflutet, die sich im Wortlaut zum Teil gleichen. Ein Immobilien-Influencer mit rund 300.000 Followerinnen und Followern postete demonstrativ ein Video vom Strand. Es sei „alles in Ordnung“, es gebe „keinen einzigen Toten“, es herrsche eine „super Stimmung“, erklärte er. Zu verdanken sei das dem „super Abwehrsystem“ der Emirate.
Ein anderer, der auf Instagram Immobilien-Investments bewirbt, riet, den Medien zu misstrauen: „Wenn ihr nur Nachrichten schaut, denkt ihr, hier brennt alles. Aber ich bin hier, und wie ihr sehen könnt: Alles ganz entspannt, wie immer.“ Die Cafés seien voll, auf den Straßen sei es ruhig. „Und das Leben läuft hier wirklich tiefenentspannt. Dubai ist halt der sicherste Ort der Welt.“
Influencer verweisen auf gute Sicherheitslage in Dubai
Ein Investmentbanker mit 120.000 Followern behauptete, in Dubai sei alles „glimpflich“ abgelaufen, aufgrund der „guten Reaktion der Regierung“. Seinem Video fügte er eine Überschrift hinzu: „Die Chance, in Deutschland abgestochen zu werden, ist höher als die hiesige Gefahr.“ Eine Motivations-Influencerin mit knapp 100.000 Followern verwies ebenfalls auf die angeblich hohe „Kriminalitätsrate“ in Deutschland und erklärte: Die Angriffe würden US-Stützpunkten gelten, nicht Dubai selbst.
Ein junger Mann, der Kurse für Social-Media-Erfolg anbietet, leugnete in einem Video die Einschläge im Zentrum gar komplett. „Es ist absolut kein Grund zur Panik, jede einzelne Rakete wird gerade abgefangen. Dubai hat eine extrem hohe Sicherheit.“ Zum Schluss riet er seinen Followern: „Lasst euch nicht von den Nachrichten manipulieren.“ Videos, die man in den sozialen Medien sehe, seien „Fake News“.
Lob für die Regierung
Bekanntere Beauty- und Lifestyle-Influencerinnen wählten ihre Worte bedachter – doch auch sie betonten ihr Vertrauen in die Regierung. Die Sängerin Kim Gloss, die aktuell mit ihrer Familie das Land bereist, fühlt sich in Dubai „gut aufgehoben“: „Ich vertraue dem Land und seinem Raketenabwehrsystem voll und ganz. Wir haben in den vergangenen 24 Stunden viele Updates vom Government bekommen, unsere Warn-Apps sind mitten in der Nacht angegangen.“ Lifestyle-Influencerin Ina Aogo lobte in einem Beitrag die „ultraguten Abwehrsysteme“ der Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Beauty-Influencerin Tanja Makarić berichtete, sie habe einen Nervenzusammenbruch gehabt und geweint. Später schrieb sie dann aber: „Sie wehren die Bomben ab. Es ist schrecklich, aber auszuhalten. Mehr kann man auch nicht machen. Fühle mich jetzt etwas besser.“
Das Model Fiona Erdmann, das seit neun Jahren in Dubai lebt, beschwichtigte zunächst gegenüber der „Bild“-Zeitung: „Es handelt sich nicht um einen Konflikt gegen Dubai oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Nach allem, was wir hier vor Ort erleben, reagieren die Behörden sehr professionell und vorausschauend. Ich fühle mich weiterhin sicher, und Dubai bleibt für mich ein stabiler und gut geschützter Standort.“ Am Montag postete Erdmann allerdings ein Video, das zeigt, wie sie mit ihrer Familie in den Oman flüchtet.
Plötzlich verschwinden Instagram-Storys
In anderen Fällen verschwanden besorgte Äußerungen wieder komplett aus dem Netz. Gleich mehreren Social-Media-Nutzern fiel auf, dass Influencer zunächst Videos von Bränden und Rauchsäulen in ihre Instagram-Storys geladen hatten – einige hatten sich auch sichtlich aufgelöst gezeigt und vor der Kamera geweint. Nur wenig später wurden die Beiträge aber gelöscht und durch Statements mit nahezu identischem Wortlaut ersetzt: Man vertraue der Regierung, der Krieg gelte nicht Dubai, man fühle sich sicher.
Spekuliert wird, ob das Emirat seinen Online-Sternchen einen Maulkorb verpasst haben könnte. Einem Bericht von „T-Online” zufolge wiederholte die ehemalige „Berlin – Tag & Nacht“-Schauspielerin Nathalie Bleicher-Woth in einem Beitrag mehrfach den Satz: „Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf.“ Sie erklärte: „Deshalb hatte ich auch die anderen Sachen gelöscht.“ In späteren Storys dankte sie – wie ihre Kolleginnen – der Regierung. Diese tue „alles dafür, dass wir sicher sind“. Und auch der obligatorische Seitenhieb gegen Deutschland fehlte nicht: In einer Story erklärte sie auf Nachfrage, ob sie bald nach Deutschland zurückziehen wolle: „Ich fühle mich in Deutschland nicht sicher.“
Die Esoterik-Influencerin Zara Secret wurde nach Angaben von „T-Online“ in ihrer Story noch deutlicher: „Wir dürfen nichts posten! Ich musste alles löschen!“ In einem anderen Beitrag schrieb sie: „Ich bekomme nur mit, dass wir nichts posten dürfen wegen hohen Strafen, wenn wir Brände oder Ähnliches zeigen.“ Kurz darauf verschwanden jedoch auch diese Beiträge. Die Influencerin Marija Bratucha widersprach der Darstellung. Es gebe keinen „Maulkorb“, allerdings Gesetze – etwa eines, das die Verbreitung von Gerüchten verhindern solle.
Verträge verbieten Äußerungen
Sowohl Bleicher-Woth als auch Zara Secret reagierten auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) zunächst nicht. Dass Influencerinnen und Influencer in Dubai gewissen Richtlinien folgen müssen, wäre allerdings nicht unwahrscheinlich: Das „Neo Magazin Royale“ von Jan Böhmermann hatte bereits 2021 aufgedeckt, dass Online-Sternchen für ihre Arbeit und ihr Leben im Emirat eine Lizenz des National Media Council beantragen und einen Vertrag unterzeichnen müssen.
Darin verpflichten sie sich unter anderem, sich weder zu religiösen noch zu politischen Themen oder über Staatsoberhäupter zu äußern – und stets für ein „positives Image“ von Dubai zu sorgen. Wer sich dran hält, hat Aussicht auf Gratisreisen, üppige Feste auf Staatskosten und ein „Taschengeld“. Wer es nicht tut, bekommt womöglich Sanktionen zu spüren. Dass auch im aktuellen Kriegsfall bestimmte Anweisungen an die Online-Sternchen gegangen sind, wäre somit nicht auszuschließen.
Jedoch dürfte auch vorauseilender Gehorsam eine Rolle spielen – oder schlicht die Angst um das eigene schillernde Luxusleben. Insbesondere Akteure aus dem Immobilien- und Finanzsektor werben Kunden über die sozialen Medien an, indem sie ihnen den Traum vom sicheren, friedlichen Leben im Emirat verkaufen. Diese Image dürfte nun einen deutlichen Kratzer bekommen haben.

