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Ohne Lee, Jazzy und Ricky?Neuer ARD-Podcast „Reclaim“ über Tic Tac Toe wirft Fragen auf

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Lee, Jazzy und Ricky alias Tic Tac Toe posieren lächelnd.

Lee, Jazzy und Ricky alias Tic Tac Toe zählten ab Mitte der 1990er Jahre zu den erfolgreichsten Bands Deutschlands. (Archivbild)

Der neue ARD-Podcast „Reclaim: Tic Tac Toe“ wird aktuell nicht nur in den sozialen Netzwerken intensiv diskutiert. 

Fast drei Jahrzehnte nach ihrem kometenhaften Aufstieg rückt die Band Tic Tac Toe wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der neue vierteilige Podcast „Reclaim: Tic Tac Toe“ (BR/ARD Audiothek) versucht eine rehabilitierende Einordnung der Gruppe, die in den 90er Jahren für Rekordumsätze und beispiellose Skandale sorgte. Doch die Produktion von Meret Reh ruft nicht nur nostalgische Gefühle hervor, sondern stößt teilweise auf Kritik und wirft Fragen auf.

Tic Tac Toe: Originalmitglieder hatten scheinbar kein Interesse

Ein zentrales Problem des Formats ist die Abwesenheit der Protagonistinnen selbst. Während der Podcast versucht, die Geschichte der Band „zurückzuerobern“, bleiben Lee, Jazzy und Ricky stumm. „Sie wollten kein Interview geben“, sagt Reh im Podcast, weil: „Sie haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.“

Immerhin: Marlene „Jazzy“ Tackenberg und Ricarda „Ricky“ Wältken wüssten um den Podcast und „sie sind fine damit“. Von Liane „Lee“ Wiegelmann fehlt weiterhin jede Spur – sie hat sich seit einem Auftritt bei „Markus Lanz“ im Jahr 2009 völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Dass über die Frauen gesprochen wird statt mit ihnen, wirkt zwiespältig. Es stellt sich die Frage, wie viel „Reclaim“ – also die Rückeroberung der eigenen Deutungshoheit – möglich ist, wenn die Betroffenen den Diskurs offenbar nicht mehr führen wollen.

Auch darüber hinaus kommen zentrale Figuren wie die damalige Managerin Claudia Wohlfromm, die das Image und die Geschichte der Band maßgeblich prägte, in „Reclaim“ ebenso wenig zu Wort wie Sara Brahms, die 1999 für zwei Jahre für Ricky bei Tic Tac Toe einstieg.

Aufklärung oder Inszenierung? Die Pressekonferenz im Podcast

Ein zentraler Widerspruch des Podcasts zeigt sich in der Behandlung der berüchtigten Pressekonferenz von 1997. Während Meret Reh die damalige mediale Ausschlachtung des „Zickenkriegs“ scharf kritisiert, widmet die Produktion diesem Moment nahezu eine komplette Episode.

Tic Tac Toe posieren.

Sie waren die Mädchenband Tic Tac Toe: Ricky, Lee und Jazzy (v.l.) hier im Mai 1996. (Archivbild)

Durch den intensiven Einsatz von Originalausschnitten wird die traumatische Zäsur von Tic Tac Toe erneut zur Bühne. Das wirft die Frage auf, ob hier tatsächlich eine „Rückeroberung“ stattfindet – oder der alte Skandal lediglich für ein neues Format reproduziert wird.

Historische Unschärfe: Die „erste“ Girlband?

In der Promotion zum Podcast, etwa durch das Format „ttt - titel thesen temperamente“, wird Tic Tac Toe außerdem als „Deutschlands erste Girlband“ tituliert. Diese Behauptung hält einer historischen Betrachtung jedoch kaum stand. Bereits in den 1960er Jahren feierten beispielsweise die Jacob Sisters als Gesangsquartett im Schlager große Erfolge.

Das Disco-Trio Silver Convention.

Machten rund 20 Jahre vor Tic Tac Toe als Girlgroup Weltkarriere: Das Disco-Trio Silver Convention. (Archivbild)

In den 1970er Jahren machte außerdem die deutsche Girlgroup Silver Convention mit Disco-Musik Weltkarriere. Das Trio landete mit „Fly, Robin, Fly“ auf Platz eins der US-Charts und gewann sogar einen Grammy. Andere deutsche Disco-Gruppen wie Arabesque mit der später auch als Solistin sehr erfolgreichen Leadsängerin Sandra folgten.

In den 80er Jahren prägten Bands wie „Östro 430“, „Mania D.“ oder „Xmal Deutschland“ die Punk- und NDW-Szene und vertraten feministische Positionen lange vor dem Mainstream-Erfolg von Tic Tac Toe. Die Engführung des Begriffs „Girlband“ auf das Casting-Modell der 90er Jahre scheint die Pionierarbeit früherer Musikerinnen auszublenden, um das Narrativ des Podcasts zu stützen.

Die Debatte um die Hautfarbe

Ein besonders kontroverser Punkt ist die heutige Einordnung der Hautfarbe der Bandmitglieder. Der Podcast begründet die These, die damalige Gesellschaft sei „noch nicht bereit“ für drei junge schwarze Frauen gewesen, mit einer vermeintlichen strukturellen Exotisierung durch die Medien und das Marketing. Die Argumentation im Podcast lautet: Die Hautfarbe sei gezielt genutzt worden, um die Band als „wild“ oder „fremd“ zu vermarkten, während ihre „weibliche Wut“ durch rassistische Stereotype schneller als bedrohlich wahrgenommen worden sei.

Dabei wirft die Produktion jedoch selbst die Frage auf, ob diese Einschätzung der damaligen Realität entspricht oder ob hier eine nachträgliche soziologische Deutung vorgenommen wird. Dass die Band in einer Zeit, die angeblich „nicht bereit“ war, Millionen von Tonträgern verkaufte und zur erfolgreichsten Girlgroup ihrer Ära aufstieg, bleibt ein Widerspruch, den auch das Format nicht vollständig auflöst.

Es bleibt die Frage offen, ob das Publikum die drei Frauen damals tatsächlich als „fremd“ wahrnahm oder ob ihr Erfolg nicht gerade der Beweis für eine weitaus größere Akzeptanz war, als es die heutige Analyse nahelegt.

Ob der Podcast eine notwendige Korrektur der Popgeschichte ist oder lediglich alte Skandale in ein modernes Gewand kleidet, bleibt diskussionswürdig. Sicher ist: Die Geschichte von Tic Tac Toe bewegt die Menschen auch 2026 noch – vielleicht gerade deshalb, weil die Bandmitglieder selbst dazu schweigen.