Jährlich kamen Kinder aus Belarus nach Lohmar, um sich zu erholen. Inzwischen hat sich die Initiative aufgelöst.
40 Jahre nach der KatastropheTschernobyl-Initiative in Lohmar half Kindern bis 2019 – Ein Blick zurück

Die Initiative Tschernobylkinder Lohmar hat sich 2025 aufgelöst.
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Zum 40. Mal jährt sich am Sonntag, 26. April, die Tschernobyl-Katastrophe. Eine radioaktive Wolke belastete nach der Explosion des sowjetischen Kernkraftreaktors nicht nur halb Europa, sondern vor allem auch die unmittelbare Umgebung.
In Lohmar gründete sich in den Jahren danach die Initiative Tschernobyl-Kinder, die jährlich Jungen und Mädchen aus Belarus einlud, ihre Sommerferien im Rheinland zu verbringen. Im vergangenen Jahr hat sich der Verein aufgelöst. Katharina Neuberger, eine Aktive von damals, erinnert sich.
Die Leute haben das Gemüse aus den Gärten ja trotzdem gegessen, man merkte den Kindern an, dass sie beeinträchtigt waren, sie waren oft blass und mager.
„Den Kindern hat das immer sehr gut getan“, schildert sie. Die kleine Gruppe lebte in Chojniki, einem Städtchen in Belarus, in der Nähe der ukrainischen Grenze, aber weniger als 60 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt. „Die Gegend ist noch immer sehr belastet. Die Leute haben das Gemüse aus den Gärten ja trotzdem gegessen, man merkte den Kindern an, dass sie beeinträchtigt waren, sie waren oft blass und mager“, beschreibt Neuberger.
1991, als die alte Sowjetunion zerfiel, kam eine erste Gruppe durch private Kontakte nach Lohmar. Später bekam das Engagement einen rechtlichen Rahmen, die ehrenamtlich Aktiven gründeten einen Verein. Der erhielt so viele Spenden, dass er irgendwann sogar einen Bus kaufen konnte, um die Kinder zwischen neun und 14 Jahren in mehr als 24-stündiger Fahrt hin und zurück zu bringen.

Unbeschwerte Wochen wie hier im Sommer 2014 verlebten die Kinder auf Einladung der Initiative in Lohmar. (Archivbild)
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„Die durften dafür ausreisen, das hat Diktator Lukaschenko persönlich genehmigt“, sagt Neuberger, die um das Jahr 2000 selbst einmal in Belarus war. „Damals konnte man an den Fluss und den Reaktor aus der Ferne sehen.“ In Lohmar lebten die Kinder drei Wochen in Gastfamilien und genossen die Zeit in einem Land, das nicht nur mehr Freizeitmöglichkeiten bot, sondern auch eine geringere Strahlenbelastung hatte.
Mit ihren Betreuern besuchten die Kinder die Feuerwehr, das Aggua in Troisdorf, fuhren ins Phantasialand, in den Zoo, sie genossen Grillabende, durften Kinder sein. Zusätzlich wurden sie von Zahnärzten behandelt, bekamen durch Spenden bessere Brillen. „Man sah ihnen an, wie sie wieder Farbe im Gesicht bekamen, auch ihre Eltern waren über diese Möglichkeit sehr froh“, sagt Neuberger. Die Ehrenamtlichen sammelten den Rest des Jahres über Spenden auf Adventsmärkten, schickten Pakete mit Kleidung nach Belarus.
2019 kamen zum letzten Mal Kinder aus Belarus nach Lohmar
Der Sommer 2019, ein Jahr wie aus einem anderen Zeitalter, war der letzte, in dem belarussische Kinder nach Lohmar kamen. Es folgte die Corona-Pandemie, auf das Virus der Krieg in der Ukraine, infolgedessen sich das autoritär geführte Belarus immer mehr abschottete. „Im ersten Pandemie-Jahr mussten wir die Ferienfreizeit absagen, später haben wir einfach nichts mehr von unseren Partnern in Belarus gehört“, sagt Neuberger.

Im Jahr 2019 kamen letztmals Kinder aus Chojniki nach Lohmar, Besuche im Zoo standen meistens auf dem Plan.
Copyright: Karin Neuberger
Zwei städtische Mitarbeiterinnen in Chojniki hätten die Reise unterstützt, sich beispielsweise um Visa gekümmert. „Die Kinder durften schließlich auch nicht mehr ausreisen, es war immer schwieriger, den Kontakt zu halten.“ Nur vereinzelt gebe es noch Verbindungen nach Belarus, Neuberger schreibe ab und zu mit einer Lehrerin von dort.
Doch es war nicht nur die belarussische Seite, die die Partnerschaft auslaufen ließ. „Auch bei uns hatten immer weniger Leute Zeit, sich zu engagieren. Sie wurden älter und hatten gesundheitliche Probleme. Es war immer schwieriger, Gastfamilien zu finden, bei denen die Kinder drei Wochen leben konnten“, sagt Neuberger, und in ihrer Stimme schwingt Wehmut mit. Vor knapp einem Jahr löste sich der Verein auf. Die Strahlung in Chojniki wird dagegen noch ein paar Hundert Jahre im Boden bleiben.
