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Skurrile PolizeieinsätzeMaus in Einfahrt, Wohnungstür „gepfändet“ und Zug-WC ohne Toilettenpapier

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Blitzerfoto vom Lkw-Fahrer mit Begleitung: Bei der Polizei in Dortmund meldete sich eine Bürgerin, die die Katze wiedererkannt haben wollte.

Blitzerfoto vom Lkw-Fahrer mit Begleitung: Bei der Polizei in Dortmund meldete sich eine Bürgerin, die die Katze wiedererkannt haben wollte.

Kuriose Polizeieinsätze zeigen, wie dünn die Trennlinie zwischen Alltag und Alarm ist.

Auf der A2, nahe dem Kamener Kreuz, ist Mitte Januar alles so, wie es auf Autobahnen oft ist. Gleichförmige Fahrgeräusche, das matte Winterlicht, das sich auf Leitplanken legt. Dann der kurze Moment, in dem Technik den Alltag einfriert. Ein mobiler Blitzer erfasst einen Lkw, nach Abzug der Toleranz sechs Kilometer pro Stunde zu schnell. Ein winziger Verstoß, einer von tausenden. Und doch starren die Kolleginnen und Kollegen vom Verkehrsdienst später bei der Auswertung nicht auf die Zahl, sondern auf das, was daneben sitzt. Im Führerhaus, auf dem Radarfoto, ist eine Katze zu sehen. Begleitung auf vier Pfoten, Blick irgendwo zwischen Gelassenheit und dem leisen Vorwurf, dass es auch gemütlicher ginge.

Das Bild wandert in die Pressestelle des Polizeipräsidiums Dortmund. Dort wird es nicht als Kuriosum abgeheftet, sondern als Gelegenheit begriffen. Die Polizei veröffentlicht den Fall in den sozialen Medien und weist humorvoll auf zwei Themen hin, die sonst unerquicklich klingen. Ladungssicherung und Ablenkung. Denn im Straßenverkehr werden Tiere rechtlich wie Sachen behandelt, sie müssen gesichert sein, mit Leine, Transportbox, irgendetwas, das verhindert, dass aus einem Haustier ein Geschoss wird. Und während das Internet schmunzelt, beginnt im Hintergrund eine zweite Geschichte, eine von jenen, die zeigen, wie schnell Öffentlichkeit in Wirklichkeit kippen kann.

Fahndung im Katzenformat

Wenige Tage nach dem Posting meldet sich eine Frau bei der Polizei. Sie glaubt, die Katze wiederzuerkennen. Es könne die entlaufene Katze ihrer Nachbarn sein. Sie schickt Fotos, und tatsächlich ist die Ähnlichkeit verblüffend. Für einen Moment wirkt es, als könnte aus einem 35-Euro-Bußgeld ein Wiedersehen werden, als hätte ein Trucker aus Kleve an einer Raststätte ein Tier in Obhut genommen, das längst vermisst wird. Eine Kollegin, so heißt es aus Dortmund, sehr motiviert und tierlieb, ermittelt. Am Ende stellt sich heraus, dass die Katze seit Jahren dem Mann gehört. Der Fahrer hat das Bußgeld inzwischen bezahlt. Die Katze bleibt, wo sie ist. Im Führerhaus, im Leben dieses Mannes, in einem Bild, das mehr Menschen gesehen haben dürften als viele Fahndungsfotos.

Es ist eine dieser Geschichten, die in der Gegenwart gern geteilt werden, weil sie kurz sind und freundlich. Und weil sie das Blau der Uniform für einen Moment weichzeichnen. Doch sie verrät auch etwas über das, was die Polizei heute oft ist. Ein Resonanzkörper. Sie handelt nicht nur, sie kommuniziert, sie erzieht, sie beruhigt, sie erklärt. Und sie bekommt dafür Rückmeldungen, die sie früher nicht bekam. Hinweise, Irrtümer, Empörungen, ein kleines kollektives Detektivspiel, das an einem Radarfoto hängt.

Die Tür, die weg war

Ein paar Hundert Kilometer weiter westlich, in Stolberg bei Aachen, wird im Herbst aus einer Nachbarschaftssache ein „seltsames Spektakel“. Mieter hinken mit Zahlungen hinterher. Der Vermieter ignoriert, wie es heißt, Mahnung und Klage, also den üblichen Rechtsweg. Stattdessen baut er am Montagnachmittag kurzerhand die Wohnungstür aus und nimmt sie mit. Pfändung zum Anfassen, nur, dass sie rechtlich nicht nach Pfändung aussieht, sondern nach einem Spiel mit Macht und Ohnmacht. Die Mieter rufen die Polizei. Und rufen wieder. Mehrfach müssen Beamte anrücken, versuchen telefonisch zu schlichten, werden irgendwann deutlich.

Die Polizei kann hier nach eigener Darstellung nicht helfen, weil sie für zivilrechtliche Streitigkeiten nicht zuständig ist. Das klingt trocken und ist doch eine der großen Zumutungen des modernen Staates. Menschen erwarten in der Zuspitzung, dass jemand kommt und es richtet. Dass Uniformen nicht nur Ordnung versprechen, sondern Lösung. Und dann steht man in einer Wohnung ohne Tür und soll sich mit dem Gedanken begnügen, dass Zuständigkeit eine Frage von Paragrafen ist. Am Ende, so wird berichtet, folgen „eindringliche Ermahnungen“ und die Androhung strafrechtlicher Konsequenzen, damit der Notruf nicht weiter blockiert wird. Die Bühne schließt. Die Tür bleibt zunächst verschwunden.

Einbrecher namens Saugroboter

Warum rufen Menschen bei allem die Polizei? Weil sie erreichbar ist. Weil sie schneller kommt als ein Anwalt. Weil sie in der Vorstellung vieler noch immer der letzte Knotenpunkt ist, an dem sich die Welt entwirren lässt. Kuriose Einsätze erzählen oft weniger über die Skurrilität der Lage als über den Wunsch nach Sofortordnung. In Rüthen etwa, im Kreis Soest, sieht ein Anwohner verdächtigen Lichtschein im Nachbarhaus. Er vermutet einen Einbruch und wählt den Notruf. Die Polizei umstellt das Gebäude, zieht Kräfte hinzu, setzt einen Diensthund ein. Das Licht erlischt, Einbruchsspuren sind von außen nicht zu sehen. Dann der Zugang. Und im Inneren die „Lichtquelle“.

Ein automatischer Staubsaugerroboter, dessen Beleuchtung beim Arbeiten unregelmäßig durch die Räume wandert. Kein Täter, keine Tat, nicht einmal eine Person im Haus. Nur ein Gerät, das pflichtbewusst seine Bahnen zieht und dabei für einen Moment wie eine Taschenlampe aussieht. In einem anderen, ähnlich gelagerten Fall, hatten zwei Katzen den Saugroboter angeschaltet. Die Tiere kamen mit einer mündlichen Ermahnung davon, heißt es später im Polizeibericht. Und Hinweise aus der Bevölkerung seien wichtig und würden ernst genommen. Auch das ist Teil des Deals. Aufmerksamkeit gegen Einsatzbereitschaft.

Salatschüssel auf dem Kopf

Nikolaus ist eine Angelegenheit des Vertrauens. Man muss glauben, dass da jemand freundlich überraschen will und nicht, dass man gerade überfallen wird. Eine 82‑Jährige wollte einem Bekannten einen Schreck in der guten Tradition bereiten. Nur fehlte die Mütze. Also griff sie zu dem, was im Haushalt verfügbar ist und auf eine eigentümliche Art festlich wirkt. Eine rote Salatschüssel. Sie setzte sie sich auf den Kopf, klopfte an die Scheibe, versteckte sich, lauerte auf das Lachen.

Die Polizei begleitet ein Zebra auf einer Landstraße bei Geldern.

Die Polizei begleitet ein Zebra auf einer Landstraße bei Geldern.

Der Bekannte sah eine Figur am Fenster, rot oben, geheimnisvoll in der Haltung. Sein Gehirn tat, was Gehirne nachts oder in Überraschungsmomenten oft tun. Es wähnte nicht die Komödie, sondern den Thriller. Der Mann vermutete einen Überfall und rief die Polizei. Man kann sich die kurze Szene vorstellen, in der die Beamten eintreffen und eine ältere Dame mit Küchenutensil auf dem Kopf vorfinden, die vermutlich sehr überzeugt war, gleich werde man gemeinsam lachen. Sie versprach den Polizisten, im kommenden Jahr auf solche Überraschungen zu verzichten.

Waschbärlogik

Manchmal kommt die Absurdität nicht aus einem Missverständnis, sondern auf vier Pfoten durch die Tür. In Aachen, an einem Samstagmorgen um 9.15 Uhr, wird ein Waschbär in der Schleuse des Zentralen Polizeigewahrsamsdienstes gesichtet. Ein Besucher ohne Termin, ohne Ausweis, dafür mit „markanter Gesichtsmaske“, wie es später in einer Mitteilung der Behörde heißt. Die Beamten geben mehrere „freundliche Hinweise“ zum Verlassen. Der Waschbär ignoriert sie, zieht sich stattdessen in den Rollkasten des Tores zurück. Fachkundige Unterstützung wird hinzugezogen. Später, bei einer Nachschau, ist das Tier verschwunden, als hätte es die ganze Szene nur kurz ausgeliehen. Die Polizei beendet den Einsatz und notiert einen Satz, der fast wie Prosa  klingt: „Nicht jeder Eindringling verfolgt kriminelle Absichten, manche sind einfach nur neugierig.“

Auch hier folgt der Hinweis, Waschbären seien Wildtiere, man solle Abstand halten, nicht füttern, Rückzugsräume lassen. Falls etwas nicht stimmt, Ordnungsamt oder Jagdbehörde, im Notfall natürlich auch die Polizei. Dieser Satz ist mehr als Service. Er markiert eine neue Gemengelage. Städte werden durchlässiger für Tiere, Tiere werden sichtbarer im urbanen Raum, und die Polizei landet als Erstkontaktstelle mitten in einer ökologischen Verschiebung. Sie muss nicht nur für Ordnung sorgen, sondern Wirklichkeit sortieren

„Kommen Sie schnell, in meiner Einfahrt sitzt eine weiße Maus!“

Die „Junge Polizei“ der Deutschen Polizeigewerkschaft hat skurrile Einsätze gesucht und veröffentlicht. Fälle zwischen Schenkelklopfer und offenem Mund. Eingehender Notruf, heißt es beispielsweise: „Hallo Polizei, kommen Sie schnell, in meiner Einfahrt sitzt eine weiße Maus!“ Oder: Wildunfall, ein Beteiligter ist völlig aufgelöst. Auf Nachfrage, was denn genau passiert sei, sagt er, dass das Reh nach dem Zusammenstoß schwer verletzt im Straßengraben lag. Er habe nicht mit ansehen können, wie das Tier leidet. Um es zu erlösen, habe er es erwürgt.

Oder der Einsatz in einer Wohnung, gemeldet wurde eine hilflose Person. Die Tür steht offen, die Polizisten treten ein und treffen die Person im Bett an. Sie ist ansprechbar und sagt, dass sie alleine sei. „Eine Inaugenscheinnahme der Wohnung führt zum Auffinden einer halbnackten Gummipuppe auf der Couch“, heißt es im Behördenbericht. Oder Sonntagnacht, 23.55 Uhr: Ein Mann kommt aufs Revier, um Anzeige zu erstatten. Er gibt an, Opfer eines Einbruchdiebstahls zu sein. Nachdem geklärt ist, wann sich dieser zugetragen haben soll, stellen die Beamten fest: Die Tat, begangen vor fünf Jahren, verjährt in fünf Minuten.

Das Geistertelefon

Fürsorglich, fast rührend, ist der Einsatz bei einer Seniorin, die meldet, ihr Telefon würde seit geraumer Zeit jede Nacht klingeln. Immer gegen ein Uhr. Ein Anrufer mit unbekannter Nummer, sagt sie, belästige sie. Ein Anruf bei der Telefongesellschaft habe nicht geholfen. Sie sei des Schlafes beraubt und der Verzweiflung nahe. Der Wachdienstführer rät, unterdrückte Nummern im Router zu sperren. Die Dame erwidert, sie sei zwar modern aufgestellt und habe ein Tablet, aber das technische Know-how fehle.

Also fährt ein Streifenwagen los. In der Nacht, für ein klingelndes Telefon. Vor Ort stellt sich heraus, dass niemand anruft, aber es bimmelt trotzdem. Die Rentnerin hat versehentlich die Alarmfunktion ihres Telefons aktiviert. Uhrzeit 1.02. Alarm gelöscht, Problem gelöst. Sie bedankt sich erleichtert. Sie kann wieder schlafen. Das Klingeln hat ein Ende. Nachtruhe kann so schön sein.

Wenn Hilfe klein ist

Es ist eine Miniatur über das, was „Freund und Helfer“ im Alltag manchmal bedeutet. Nicht Heldentat, nicht Festnahme, sondern ein Handgriff im Menü eines Geräts. Es ist auch eine Geschichte über Alter und Technik, über Scham und Erleichterung. Und über eine Polizei, die in solchen Momenten nicht nur Ordnung herstellt, sondern Würde. Der Humor kommt erst später, wenn niemand mehr beschämt ist, und wenn man begreift, dass dieser Einsatz eigentlich eine soziale Dienstleistung war, getarnt als Polizeiarbeit.

Es ist 04.30 Uhr, ein Taxifahrer betritt eine Polizeiwache in Bielefeld und bittet um Unterstützung. Ein Fahrgast ist angetrunken, und statt Geld bietet er Kristallsteine als Bezahlung an. Kleine Kristallsteine, aus einem Behälter, als wäre das ein ganz normaler Zahlungsverkehr. Der Fahrer vermutet Drogen, lehnt entschieden ab und fährt direkt zur Wache. Das hat etwas wunderbar Pragmatistisches. Wenn die Welt schräg wird, fährt man dorthin, wo sie geradegerückt wird. Bei der Durchsuchung des Fahrgastes finden die Beamten Geld und verschiedene Drogen.

Toilettenpapier-Notstand in der Zugtoilette bei Aachen

Ein Zug, eine Toilette, ein 26‑Jähriger und das Ende jeder Gelassenheit. Das Toilettenpapier ist alle. In einer normalen Welt wäre das ein leiser Fluch und eine improvisierte Lösung. In dieser Welt wird es zum Notfall. Der Mann betätigt immer wieder den Notrufknopf. Die Leitstelle der Bahn schickt beim nächsten Halt im Aachener Hauptbahnhof die Bundespolizei. Die Beamten stoßen auf dem WC auf einen Verzweifelten, der tatsächlich einen „Notfall“ hat, nur eben keinen strafrechtlichen.

Man kann sich kaum vorstellen, wie jemand denken kann, der Staat müsse jetzt eingreifen. Am Ende gibt es eine Anzeige wegen Missbrauchs von Notrufen. Kuriose Einsätze sind, genau betrachtet, selten harmlos.  Sie sind auch ein Spiegel dessen, was Menschen von Polizei erwarten. Wer das alles zusammenzählt, versteht, warum die Grenze zwischen Komik und Überforderung so dünn ist. Wie in Bornheim, wo ein Passant hysterische Hilferufe aus einem Haus hört. Verzweifelt, laut genug, um sich einzumischen.

Der Mann wählt den Notruf, weil man das so macht, wenn man glaubt, jemandem geht es schlecht. Die Polizei klingelt. Die Eltern öffnen und klären die Lage. Der 14‑jährige Sohn hat am Computer gespielt. „Scheinbar wenig siegreich“, wie der Polizeibericht nüchtern feststellt.