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Zwei Katzen, ein LandWarum NRW den Luchs vermisst – und die Wildkatze übersieht

6 min
Mitten in der Nacht, von einer Fotofalle aufgenommen: Der Luchs im Sauerland

Mitten in der Nacht, von einer Fotofalle aufgenommen: Der Luchs im Sauerland

Ein junger Luchs zieht weiter, weil ihm die Partnerin fehlt. Die Wildkatze dagegen kehrt leise zurück – und braucht vor allem Wald, nicht Applaus.

Er war da, und doch war er nicht wirklich angekommen. Monatelang streifte ein junger Luchs durch die Wälder des Sauerlands, groß wie ein Schäferhund, scheu wie ein Gerücht – und offenbar getrieben von einem uralten Programm: rufen, suchen, bleiben.

Ein junger Luchs aus dem gut 200 Kilometer entfernten Reinhardswald in Nordhessen hielt sich von Ende Oktober 2025 bis mindestens Januar 2026 im Sauerland auf und wurde per Fotofallen im Kreis Olpe sowie im Märkischen Kreis nachgewiesen. Laut dem „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (Bund) handelte es sich anhand des Fellmusters um einen Nachkommen einer höchst umtriebigen Lüchsin aus Niedersachsen.

Ruf ins Leere

Tierschützer waren begeistert, und drückten die Daumen. Schließlich gilt die Großkatze seit langer Zeit als ausgestorben in NRW. Doch all sein hohes, kreischendes Geheul, das in einem Murren mündete, hat dem Jungluchs auf Freiersfüßen nichts geholfen. Es war einfach niemand da, der seine Lock- und Paarungsrufe verstand, vermutet Christine Thiel-Bender vom Bund in Nordrhein-Westfalen: „Er hat kein Weibchen gefunden, weil es im Sauerland beziehungsweise in ganz NRW noch keine Luchs-Population gibt.“ Deshalb habe sich der gescheiterte Casanova „frustriert“ zurück nach Hessen verzogen.

Das Luchsmännchen Charlie verlässt seine Transportbox.

Das Luchsmännchen Charlie verlässt seine Transportbox.

Ausgerottet wurde der Luchs in Nordrhein-Westfalen im 18. Jahrhundert. Der letzte belegte Abschuss fand 1745 bei Schmallenberg statt. Erst seit den späten 1990er Jahren tauchen wieder einzelne Tiere auf – nicht als „Rückkehr“ im romantischen Sinn, eher als Durchreise. Nachweise gibt es in der Eifel, im Sauerland und im Teutoburger Wald. Meist handelt es sich um wandernde Einzeltiere aus benachbarten Regionen mit bereits etablierten Beständen.

Ein Gerücht mit Pfotenabdruck

Seitdem ist die große Katze mit den Pinselohren in NRW kein majestätisches Fotomotiv wie im Nationalparkprospekt, sondern eher ein Gerücht mit Pfotenabdruck. Das Raubtier kommt nicht im Rudel, es ist auch kein gesellschaftliches Großthema wie der Wolf, und er besitzt nicht das Talent, mit einem einzigen Foto politische Debatten über ganze Landstriche auszulösen. Luchse sind Einzelgänger und an große, strukturreiche Wälder gebunden.

Der Luchskater Viktor kam im vergangenen Jahr aus Thüringen in den Zoo Wuppertal. Er und Luchskatze Missy sollen als neues Zuchtpaar für Nachwuchs sorgen.

Der Luchskater Viktor kam im vergangenen Jahr aus Thüringen in den Zoo Wuppertal. Er und Luchskatze Missy sollen als neues Zuchtpaar für Nachwuchs sorgen.

Was ihnen hilft, sind nicht nur „Bäume“, sondern Unordnung: Windwurfflächen, Lichtungen, Altholzinseln, Totholz, Felsen, moorige Bereiche - auch Übergänge von Wald zu Feld werden genutzt. Die Jungen – meist zwei bis drei – bleiben rund ein Jahr bei der Mutter, danach kann die Abwanderung bis zu 200 Kilometer betragen. Und nachts läuft so ein Tier, wenn es muss, bis zu 40 Kilometer.

Wald, aber nicht zerschnitten

Man muss sich das einmal in NRW vorstellen, wo jeder Kilometer gern eine Straße, ein Gewerbegebiet oder wenigstens eine neue Leitplanke ist. Der Luchs ist ein Grenzgänger, aber kein Freund von Zerschneidung. Aber gerade das Sauerland und die angrenzenden Regionen im Rothaargebirge seien sehr wohl ein guter Lebensraum für die Tiere, sagt die Bund-Expertin. Hier fänden sie eben jene „große, strukturreiche Waldgebiete, in denen sich die scheuen Tiere gut verstecken könnten“, sagt die Bund-Expertin.

Der Luchs gehöre zudem in die heimischen Wälder, weil er dort regulierend eingreife: „Er reduziert den Überbestand an Rehen, die dann nicht mehr so viele Bäume anknabbern und schädigen.“ Bei der Nahrungsaufnahme hinterlasse die größte wild lebende Katzenart Europas jede Menge Aas, was die Bodenqualität verbessere und Insekten und Pflanzen als wichtige Nährstoffquelle diene.

Die zweite Katze

Zudem würde NRW mit einer eigenen Population „eine Art Verbindungskorridor zwischen den bestehenden, relativ isoliert lebenden Populationen“, sagt Christine Thiel-Bender und ergänzt: „Experten warnen davor, dass der Luchs in 50 bis 100 Jahren wieder ausgestorben sein könnte, wenn sich die Populationen nicht verbinden.“ Denn ohne einen genetischen Austausch drohe Inzucht und damit verbunden massive Herzprobleme und genetische Erkrankungen, wie dies beispielsweise in der Schweiz schon geschehen sei.

Eine Wildkatze sitzt im Gras eines Tiergeheges.

Eine Wildkatze sitzt im Gras eines Tiergeheges.

So groß die Debatte um den Luchs ist, sie verstellt mitunter den Blick auf die zweite Katze, die längst da ist – nicht spektakulär, nicht wiederangesiedelt, sondern still zurückgekehrt. In Nordrhein Westfalen leben heute schätzungsweise rund 1000 Wildkatzen – eine Zahl, die Hoffnung macht und zugleich verräterisch ist. Verräterisch, weil sie nicht die Präzision einer Volkszählung hat. Nachweise seien in einigen Gebieten lückenhaft, es handle sich um eine grobe Schätzung, sagt die Projektkoordinatorin Wildkatze beim Bund NRW. Und doch: Der Trend, dass sich die Wildkatze wieder ausbreitet, sei eindeutig.

Revier in Hektar, Nacht in Kilometern

In der Nordeifel lässt sich ablesen, was „zusammenhängend“ für ein Tier heißt, das kaum jemand sieht. Ein Kater nutzt dort 1000 bis 2000 Hektar, eine Katze etwa 500. Pro Nacht legen die Tiere im Schnitt drei Kilometer im Sommer zurück und bis zu elf im Winter. Der Wald ist für sie kein Zimmer, sondern ein ganzes System aus Wegen, Rändern und Rückzugsorten – und die Distanz ist Teil ihres Sicherheitsgefühls.

Die Hauptverbreitungsgebiete in NRW liegen dort, wo die Mittelgebirge noch größere Wälder bereitstellen: Eifel, Sauerland, Egge, Oberwälder Bergland im Kreis Höxter. Nordrhein Westfalen hat mit der Eifel einen der Verbreitungsschwerpunkte in Deutschland – und wenn man den Satz zu wörtlich nimmt, übersieht man den eigentlichen: dass so etwas wie ein „Schwerpunkt“ bei Wildtieren oft einfach bedeutet, dass die Landschaft noch nicht vollständig zerschnitten ist.

Körnige Belege

Manchmal wird aus der Karte eine Meldung. Um Waldbröl im Oberbergischen Kreis gelang es in diesem Jahr, nach 70 Jahren wieder die Rückkehr der Wildkatze nachzuweisen. Im Aachener Stadtwald wurde Nachwuchs per Nachtkamera dokumentiert. Das sind diese modernen Naturbeobachtungen: körnige Bilder, die wirken wie Belege aus einer anderen Zeit, nur dass sie aus einer Speicherkarte kommen.

Eine Wildkatze im Gehege des Wildkatzendorf Hütscheroda in Thüringen.

Eine Wildkatze im Gehege des Wildkatzendorf Hütscheroda in Thüringen.

Ökologisch ist die Wildkatze nicht Symbol, sondern Funktion. Sie ist ein Beutegreifer, frisst vor allem Mäuse. Damit die Rückkehr nicht bei einzelnen Inseln stehen bleibt, arbeiten in NRW der Landesbetrieb Wald und Holz und der Bund zusammen. Geplant sind Maßnahmen, die unspektakulär wirken, weil sie so handfest sind: Holzhaufen werden so platziert, dass sie Verstecke bieten und für die Jungenaufzucht attraktiv sind; entlang von Bachläufen sollen seltene Baumarten und Wildobstarten die Wanderung begünstigen.

Die Wildkatze als „Messintrument“

Und in der Logik des Projekts „Wildkatzenwälder von morgen“ ist das mehr als Artenschutz: Wälder sollen strukturreicher, artenreicher und klimastabiler werden – mit Offenlandbereichen im Wald, attraktiveren Waldinnenrändern, Totholzinseln und Rückzugsräumen. Die Wildkatze dient dabei als „Leitart“, als Messinstrument für die Frage, ob ein Wald nur funktioniert oder auch lebt.

Die Verwechslungsgefahr bleibt ein eigenes Kapitel. Verwilderte Hauskatzen sind keine Wildkatzen, und doch ähneln manche Hauskatzen der Wildkatze auffallend. Wer den Unterschied wissen will, landet ausgerechnet beim Schwanz: Bei der Wildkatze sind die dunklen Ringe am buschigen Schweif breit, klar abgesetzt, geschlossen und das Ende ist schwarz und oft stumpf. Bei ähnlich gezeichneten Hauskatzen sind die Ringe meist nicht geschlossen, dünner und zahlreicher, das Schwanzende ist spitz.